Wie sich das Haus seit Bowies Zeit verändert hat

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David Bowie in Berlin : Als Major Tom in Schöneberg lebte
So sah das Haus in der Hauptstraße 155 damals aus.
So sah das Haus in der Hauptstraße 155 damals aus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ansonsten waren die beiden prominenten Mieter das bestgehütete Geheimnis von Familie Morath, zumindest in der Erinnerung von Rosa Morath und ihrer ältesten Tochter. Schon allein, damit nicht ständig Groupies vor der Tür stehen „haben wir alle dichtgehalten, bis auf einen Angestellten wusste keiner, wer da wohnt“, sagt Janzen. Vielleicht trügt die Erinnerung an dieser Stelle, denn die jüngere Tochter Brigitte kann sich an kein Schweigegelübde erinnern. Im Gegenteil. In der Schule prahlt sie mit den zur Miete wohnenden Rockstars, was jedoch keinen Groupieansturm auslöst. „Und bei mir wohnt Elvis Presley“, haben die Klassenkameraden nur geantwortet.

Mehr als 35 Jahre später, ein kalter Wintertag in der Hauptstraße 155, im Erdgeschoss wartet das „Seventies“ auf Kundschaft. Eine Ein-Raum-Kneipe, der man schon beim Betreten ansieht, dass sie nicht so läuft wie vom Betreiber erwünscht. Bülent Burak, seit 1970 in Berlin, setzte zur Eröffnung im letzten Jahr auf Bowie und den Chic der 70er Jahre: Kugellampen, runde Formen, helle Farben. Es war ein Fehler.

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David Bowie ist tot
David Bowie ist tot

Seine Gäste wollten keinen 70er-Stil. Wonach sie gierten, waren Originalfotos von Bowie, die Herr Burak neben dem Ladeneingang an die Wand geklebt hatte und die ihm so schnell wieder abgerissen wurden, dass er es hat sein lassen. So räumte er auch die Kommode – angeblich ein Original aus Bowies Wohnung – in den Gang neben die Toiletten und stellte stattdessen ein paar Spielautomaten in seine Bar. Seitdem kommen die Spieler zu Herrn Burak und vergrößern sein Problem: Sie gewinnen zu oft.

Hinein ins Haus. Im Treppenhaus Grünpflanzen, gedrechseltes Holzgeländer, ein ausgetretener roter Teppich auf den Stufen. Berliner Bourgeoisie, in die Jahre gekommen. Wo wohnte Bowie? Die Wohnungstüren sind mit Umrandungen verziert, Lack blättert ab, eine von ihnen öffnet sich.

Frontalansicht des Hauses in der Haupstraße.
Frontalansicht des Hauses in der Haupstraße.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Dagmar Wollschläger, 62 Jahre, Lehrerin: „Kommen Sie rein, wir machen da mal eine Ausnahme.“ Fünf Zimmer auf etwa 160 Quadratmetern, sind also zwei zu wenig. Wollschläger, blonde Haare, Hausschuhe und grüne Socken, zeigt auf die Stelle, an der einst der Durchbruch zu weiteren Zimmern war und wo heute die Nachbarwohnung beginnt. Könnte passen. „Wir haben die Bowie-Wohnung, der Vermieter hat uns das beim Einzug bestätigt“, sagt Frau Wollschläger, die Grundschullehrerin ist, „gestählt im sozialpädagogischen Nahkampf“, wie sie sagt. Ansonsten hält sich Frau Wollschläger lieber bedeckt.

Vier miteinander verbundene Zimmer, Stuck, edles Tafelparkett. Im Flur stehen acht Regenschirme, im Erkerzimmer blühen Unmengen an Blumen, ein Hobby der Hausherrin. Von der Anmutung und den Proportionen her wirkt die Wohnung durchaus angemessen für einen Rockstar. Begeistert war auch ein britisches Touristenpärchen, erzählt die Lehrerin, die vor etwa einem halben Jahr „als wirklich große Ausnahme“ den Briten ihre Wohnung zeigte. Die verließen die Stadt mit dem erhebenden Gefühl, einmal auf Bowies Parkett gestanden zu haben.

Kleines Problem: Es stimmt nicht.

Denn Bowie lebte in der ersten Etage, direkt über dem Autoladen, heute bewohnt von einer Einwanderergroßfamilie. Mehrere Kinder im Grundschulalter öffnen die Tür, bald verscheucht von einem Teenagermädchen, das die Verhandlungsführung übernimmt. Ob irgendwann mal irgendwer in dieser Wohnung gewohnt hat, sei ihr egal, und für David Bowie interessiere sie sich nicht. Im Internet gibt es Foren, in denen Bowie-Fans nicht unhysterisch den gemeinschaftlichen Ankauf seiner ehemaligen Wohnung als Weihestätte diskutieren. Viel weiter als die junge Frau an der Wohnungstür kann man sich von derlei Emotionen nicht entfernen.

Zurück in die späten 70er Jahre. Ein bunter Abend im Partykeller von Familie Morath in Lichterfelde. Irgendwann drückt Wolf-Dieter Trewer seiner jüngeren Stieftochter Brigitte eine Kassette in die Hand: ein frischer Mitschnitt einer Jam-Session, David Bowie und Iggy Pop aus der Hauptstraße 155. Erster Höreindruck: Nicht so gut. „Als wenn die sich erst besoffen hätten, und dann klimpert jeder ein bisschen herum“, sagt Morath. Was macht eine 16-Jährige mit einer Kassette voll schlechter Musik? Sie lässt sie liegen. Und irgendwann kommt die Mutter und schmeißt sie weg.

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