Ob Fritz Bauer homosexuell war, wissen wir nicht genau.

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Debatte um Fritz Bauer : Ein großes Vorbild, ein Mensch
Helmut Kramer
Die Ausstellung "Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht" war bis September im Jüdischen Museum in Frankfurt/M. zu sehen, jetzt wird sie im Thüringischen Landtag in Erfurt präsentiert.
Die Ausstellung "Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht" war bis September im Jüdischen Museum in Frankfurt/M....Foto: dpa

Zu Bauers eventueller Homosexualität: Aus seiner Exilzeit existieren entsprechende Beobachtungen der dänischen Polizei. Was die Nachkriegsjahre betrifft, in denen homosexuelle Akte noch strafbar waren, gibt es dagegen keinerlei Hinweise auf ein mögliches Ausleben der Homosexualität – Steinke und die Ausstellung behaupten dergleichen auch gar nicht.

Die Erkenntnisse über die Exilzeit sind Historikern geläufig, sie wurden bisher jedoch „schamhaft“ verschwiegen. Einzig neu ist, dass nun darüber publiziert wird. Nelhiebel schreibt von der „angeblichen“ Homosexualität Bauers. Und der Brandenburger Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg kritisiert in seiner Rezension in der „Zeit“, in Steinkes Buch werde „ohne stichhaltige Beweise die Mutmaßung geschürt, Bauer sei schwul gewesen, habe aber seine Sexualität nicht ausgelebt“. Rautenberg fragt, was diese Mutmaßungen zur Sache tun. Es gibt sehr wohl Gründe, dies zu thematisieren, etwa die Tatsache, dass sich Bauer in der homophoben Atmosphäre der 50er Jahre auch wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert gefühlt haben mag.

Der Streit um Nebensächlichkeiten überdeckt die Defizite in der Fritz-Bauer-Forschung

Ob Fritz Bauer, der nie eine Familie gegründet hat (seine Ehe im Exil war eine ausländerrechtlich begründete Scheinehe), homosexuell war, wissen wir nicht genau, obgleich Indizien dafür sprechen. So oder so – was daran wäre skandalös oder entwürdigend? Ist etwas Schlimmes daran, wenn ein vorbildhafter Mann wie Fritz Bauer jüdisch war und möglicherweise schwul? Ist nicht der Gedanke, man beschädige eine Heldenfigur mit einer solchen Vermutung, seinerseits ressentiment-behaftet?

Die wahre Größe Fritz Bauers liegt in weit mehr als der Tatsache, dass er seine Mittel als Generalstaatsanwalt nutzte, um die Auschwitz-Mörder vor Gericht zu bringen. Wahrscheinlich hat er einen Wisch der Nazis unterschrieben, um im Exil weiterkämpfen zu können. Er hat jahrzehntelang seine jüdischen Wurzeln in seinem Innersten begraben, um nicht als der „rächende Jud’“ diskreditiert zu werden. Trotz seiner Erniedrigung, Verfolgung und Vertreibung durch Deutsche hat er seine Heimat und seinen Wirkungskreis wieder in Deutschland gesucht. Und er hat vermutlich seine intimen Sehnsüchte nicht gelebt, um sein Lebenswerk im Interesse eines „neuen“ Deutschlands nicht zu torpedieren.

Ein Standbild ohne Ecken und Kanten? Das negiert die wahre Größe Fritz Bauers

Das sind Umstände, die die deutsche Nachkriegsgeschichte beschämen müssen. Es gibt kein Recht, sie nun unter den Teppich zu kehren, wie es Nelhiebel und Rautenberg mit ihrer harschen Kritik an der aktuellen Fritz-Bauer-Forschung versuchen. Mit den Begriffen „jüdisch“ und „homosexuell“ wird die Ehre Fritz Bauers selbstverständlich nicht beschädigt.

Ärgerlich am Streit um relative Nebensächlichkeiten ist, dass die großen Leistungen Bauers dahinter verschwinden. Noch ärgerlicher: Die jetzige Aufgeregtheit überdeckt die Rückstände bei der Erforschung weiterer Anstrengungen Bauers. Etwa das fast gleichzeitig mit dem Auschwitz-Prozess begonnene Bemühen, die großen Schreibtischtäter – die Oberlandesgerichtspräsidenten und die übrige Juristenprominenz des NS-Reichs – wegen der juristischen Absicherung der Morde in den psychiatrischen Anstalten zur Verantwortung zu ziehen. Wen interessiert noch, dass der hessische Generalstaatsanwalt Horst Gauff als Nachfolger Bauers dessen Erbe veruntreute, indem er die Täter klammheimlich außer Verfolgung setzen ließ? Noch unbekannter ist, mit welchen Verfahrenstricks die nordrhein-westfälische Justiz die letzte Chance verpasste, jene Beihilfe der Juristen zur Ermordung psychisch Kranker aufzuklären.

1951 war es eine der ersten Amtshandlungen Bauers als Braunschweiger Generalstaatsanwalt, in einem Musterprozess eine Schwurgerichtsverhandlung gegen die Richter des Braunschweiger Sondergerichts durchzusetzen. Auch dafür interessiert sich kaum einer. Damals war Bauer auf die bis zum Bundesgerichtshof reichende Abwehr der Richterschaft gestoßen. Hatte ihn das mürbe gemacht, als es in den 1960er Jahren um die Aburteilung haarsträubender Todesurteile hessischer Richter ging? Auch das harrt noch der Erforschung. Wer das alles negieren will zugunsten eines Standbilds ohne Ecken und Kanten, der negiert die wirkliche Größe des leitenden Staatsanwalts der Auschwitz-Prozesse. Ja, Fritz Bauer war und bleibt ein großes Vorbild – weil er ein Mensch war.

Der Rechtshistoriker Helmut Kramer, Jahrgang 1930, war Richter am Oberlandesgericht Braunschweig. 1998 gründete er das Forum Justizgeschichte. Für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der deutschen Justiz erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

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