Debatte um Kunstfreiheit : Städel-Direktor warnt vor Folgen von „MeToo“

Philipp Demandt befürchtet eine Einschränkung der Kunstfreiheit durch die „MeToo“-Bewegung. Eine Galerie in Manchester sieht sich Zensur-Vorwürfen ausgesetzt.

Philipp Demandt, Direktor des Frankfurter Städel Museums.
Philipp Demandt, Direktor des Frankfurter Städel Museums.Foto: Städel Museum

Philipp Demandt, Direktor des Frankfurter Städels und der Kunsthalle Schirn, warnt vor den möglichen Folgen der „MeToo“-Debatte für die Kunstfreiheit. „Erst hängen wir Bilder ab, dann die Freiheit an den Nagel“, sagte Demandt in der „Frankfurter Allgemeinen“. Kunstwerke würden immer auch im Kontext des Begehrens geschaffen. „Wenn ich die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab mache, sind die Museen bald leer.“ Der 46-jährige Kunsthistoriker zeigt sich zutiefst beunruhigt angesichts der „zunehmenden Bereitschaft, Künstler aufgrund nicht nachgeprüfter Vorwürfe vorzuverurteilen, sie gesellschaftlich zu ächten und ihr gesamtes Schaffen in Frage zu stellen“.

Museen seien Orte der Freiheit, der Debatte und des Widerspruchs, „sie sind weder Konsensmaschinen, noch moralische Kläranlagen“. Gerade Deutschland habe mit seinen Säuberungswellen in Museen und Bibliotheken eine unrühmliche Geschichte. Demandt leitet seit 2016 die Frankfurter Museen, zu denen auch die Liebighaus Skulpturensammlung gehört, nachdem er 2012 in Berlin zum Direktor der Alten Nationalgalerie berufen worden war.

Mehrere geplante Ausstellungen von Künstlern wurden wegen Missbrauchs- und Belästigungsvorwürfen gegen sie gecancelt, darunter eine Chuck-Close-Ausstellung in der National Gallery of Art in Washington und eine Schau von Bruce Weber in den Hamburger Deichtorhallen. Eine Retrospektive von Chuck Close in Pensylvannia wurde durch eine Ausstellung über Gender und Macht ergänzt.

Debatte um abgehängtes Bild in Manchester

Eine Kunstgalerie in Manchester hat derweil ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert wegen der Darstellung von Frauen darin aus ihrer Ausstellung entfernt - und damit viel Entrüstung ausgelöst. „Hylas and the Nymphs“ (1896) von dem englischen Maler John William Waterhouse zeigt eine Szene aus der antiken Mythologie, in der ein junger Mann von mehreren nackten Nymphen in einen Teich in den Tod gelockt wird. Kuratorin Clare Gannaway von der Manchester Art Gallery will eigenen Aussagen zufolge damit eine Debatte auslösen, wie solche Bilder in der heutigen Zeit gezeigt werden sollten. Zensur-Vorwürfe wies sie in einer Pressemitteilung am Donnerstag zurück.

„Diese Galerie präsentiert den weiblichen Körper als entweder „passiv-dekorativ“ oder „femme fatale“. Lasst uns diese viktorianische Fantasie herausfordern!“, teilte sie mit. Das Abhängen sei Teil einer eigenständigen Kunst-Performance in der vergangenen Woche gewesen und teilweise von den derzeitigen Debatten über Sexismus, wie unter dem Schlagwort #MeToo, inspiriert gewesen. An der Stelle, an der das Gemälde hing, sollen Museumsbesucher jetzt ihre Diskussionsbeiträge auf kleinen Zetteln an die Wand pinnen. Auch im Internet kann man sich zu der Aktion äußern.

Die überwiegende Mehrzahl der Kommentare auf der Museums-Webseite waren kritisch. „Ich habe Angst, dass wir anfangen, nur noch das zu zeigen, was akzeptabel ist“, schrieb ein Besucher. „Diese Gemälde stellen lang aus der Mode gekommene Sichtweisen dar, aber man hätte gedacht, dass das für den heutigen Betrachter ziemlich offensichtlich ist“, schrieb ein anderer. (Tsp/dpa)

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