Debattenkultur : Suhrkamp, Tellkamp oder: Haltung statt Hetze

Verleger sind keine Meinungs-Eunuchen gegenüber Autoren-Äußerungen. Eine Kolumne.

Uwe Tellkamp und Dichter Durs Grünbein mit Moderatorin Karin Großmann bei ihrer Diskussion kurz vor der Leipziger Buchmesse.
Uwe Tellkamp und Dichter Durs Grünbein mit Moderatorin Karin Großmann bei ihrer Diskussion kurz vor der Leipziger Buchmesse.Foto: Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa

Auch die öffentliche Hysterie gehört mit zur Meinungsfreiheit. Also auch die Aufregung um ein paar rechte Verlage, die gerade bei der Leipziger Buchmesse ihre Aufrufzeichen zum Wutbürgerkrieg gegen „Überfremdung“ und „Nationalmasochismus“ in Deutschland präsentiert haben. Und das alles unter viel linkem Protestgeschrei und offener Wahrnehmung in den liberalen Medien. Weshalb sich inzwischen prominente rechte Verlage à la „Antaios“ vom Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt wie schon nach der Frankfurter Buchmesse rühmen, die „Berichterstattung dominiert“ zu haben.

Wer die nicht schlecht verkauften Bücher des Antaios-Verlags tatsächlich liest, könnte zu denen gehören, die beispielsweise Flüchtlinge aus Afrika direkt dorthin zurück-, nein nicht „deportieren“, aber zurückexpedieren möchten. Etwa in Lager in Libyen.

Antaios, den sich der deutschnationale Verleger Götz Kubitschek als Namenspatron auserwählt hat, war übrigens in der griechischen Mythologie ein schier unbezwingbarer Riese – freilich ein Libyer.

Die jüngsten Rechts-Links-Debatten begannen vor Leipzig mit der skandalisierten Dresdner Diskussion zwischen den beiden aus der Elbstadt stammenden Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein. Vor tausend Zuhörern hatte sich da der supererfolgreiche „Turm“-Autor Tellkamp als Opfer einer linken Gesinnungszensur gesehen und behauptet, „über 95 Prozent der Flüchtlinge“ in Deutschland wollten nur in unsere Sozialsysteme einwandern.

Grünbein nannte seinen Verlag eine linksliberale "Gouvernante"

Durs Grünbein, wie Tellkamp Autor des Suhrkamp Verlags, hat dem in Dresden und jüngst in einem brillanten Interview in der „Zeit“ widersprochen. Allerdings hat Grünbein mit einigem Witz auch seinem eigenen Verlag die Rolle einer linksliberalen „Gouvernante“ bescheinigt. Suhrkamp war kritisiert worden, weil das Berliner Verlagshaus in einem Tweet mit Bezug auf Tellkamp darauf aufmerksam gemacht hatte, dass „die Haltung“, die in Äußerungen von Autoren zum Ausdruck komme, „nicht mit der des Verlags zu verwechseln“ sei. Im „Spiegel“-Interview legt jetzt der Kulturhistoriker und Biografienautor Rüdiger Safranski noch nach: „Die Distanzierung durch den Suhrkamp Verlag ist ein Fall von betreutem Denken, jämmerlich.“

Offenbar wird nun auch Suhrkamp ein Anflug von Gesinnungszensur unterstellt. Mit Recht? Ein Verlag darf sich gewiss nicht von den von ihm verlegten Werken seiner Autoren distanzieren. In allem Übrigen jedoch müssen Verleger keine Meinungs-Eunuchen sein. Der Suhrkamp-Tweet war zwar nicht unbedingt erforderlich. Aber einem Haus, dessen Programm sehr wesentlich von den einstigen Emigranten (vulgo: Flüchtlingen) Max Horkheimer, Theodor W. Adorno oder Bertolt Brecht geprägt wurde, steht angesichts der weithin kolportierten Äußerungen seines Autors Tellkamp, der schon früher dubiose Manifeste unterschrieben hat, eine erkennbar reservierte Haltung durchaus zu.

Tellkamps "95 Prozent" ist nicht nur temperamentvolle Polemik

Zumal Tellkamps „95 Prozent“ nicht einfach eine zahlenmäßige Übertreibung oder nur temperamentvolle Polemik bedeuten. Es ist tatsächlich der AfD-Ton, es entspringt einer Gesinnung. Genauso, als würde jemand sagen: „95 Prozent aller Banker und Immobilienmagnaten sind Juden.“ Auch das wäre nicht einfach nur eine irrige Ansicht oder hitzige Übertreibung. Sondern ein Stereotyp von Antisemiten.

Kein Rassist, das nicht, doch ein Fremdenfeind darf man sein? Rüdiger Safranski sagt nun im „Spiegel“, mit erklärtem Verständnis für die AfD: „Es gibt keine Pflicht zur Fremdenfreundlichkeit, sondern die Pflicht zur Hilfsbereitschaft und zur wechselseitigen Höflichkeit“, und dies nur im „Maß der Verträglichkeit“.

Klingt im ersten Moment okay. Und hat trotzdem etwas Scheinheiliges. Denn ein humanistisch Gebildeter wie Safranski weiß, dass der „Fremde“, im Altertum der „Xenos“, zugleich Gegner und Gast bedeutete. Ein Mensch, der, wenn er selbst in die Fremde gerät, Einlass und Schutz, Gastrecht und Asyl beanspruchen kann.

Richtig ist allein das „Maß der Verträglichkeit“, gerade im Sinne der Integration. Selbst eine Art „Obergrenze“ von 200 000 (meist arabischen, afrikanischen) Migranten pro Jahr, eine doppelte kleine Großstadt, wäre auf Dauer eine immense Herausforderung für den Wohnungsmarkt, für Kitas, Schulen, Dolmetscher, Sozialhelfer und Justiz. Aber dennoch, die eigene Moral beginnt bei den Begriffen. Auch Fremde sind Menschen. Und bei Flüchtlingen geht es um Menschenrechte. Jede „95 Prozent“-Behauptung bedeutet da im aktuellen Meinungsklima: Hetze.

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