Debütroman von Lisa Mundt : Wer liegt hier eigentlich bei wem auf der Couch?

Lisa Mundt stellt in ihrem Debüt „Als meine Therapeutin schwieg“ eine schwer durchschaubare Psychologin ins Zentrum. Teils erinnern ihre Sitzungen an absurdes Theater.

Anja Kümmel
Foto: Andrey Popov/Panthermedia/Imago

Fingerspitzen streichen über einen Bilderrahmen. Die Fotografie einer Schildkröte. Jemand schenkt Tee ein. Das Ziffernblatt einer Uhr.

Lisa Mundts Debütroman beginnt, als würde man die einzelnen Panels eines Comics betrachten – erst allmählich fügen sich die Bildausschnitte zu einem großen Ganzen. Tatsächlich liest sich dieser „Als meine Therapeutin schwieg“ betitelte Roman über weite Strecken wie eine Graphic Novel. Keine mit Superhelden und übernatürlichen Kräften, sondern eher wie ein fein gezeichnetes „Slice of Life“: Szenen aus dem Alltag einer Reihe fiktiver Figuren.

Erzählt wird aus der Perspektive der Therapeutin Tina Korn, doch lernen wir erst einmal ihre Klientin Adriana kennen, die Tina in einem späteren Gespräch als „schwierig“ bezeichnen wird.

Adriana hat ein Glasauge, von dem Tina befindet „Es ist schöner als das andere“, und eine offensichtliche Borderline-Störung. Nicht nur das Narbengeflecht auf ihrer Haut zeugt davon, auch ihre im Minutentakt wechselnde, mal trotzig-ablehnende, mal anbiedernd-übergriffige Art.

„Sag Du zu mir“, fordert Adriana ihre Therapeutin in der ersten Sitzung auf. Fortan wird sie Tina konsequent duzen, während diese förmlich beim Sie bleibt – vielleicht auch als eine Art Schutzschild zur Wahrung ihrer Professionalität.

Kein konventioneller Spannungsbogen

Lisa Mundt, Jahrgang 1990, hat nicht nur Sprachkunst und Gender Studies in Wien studiert, sondern auch eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert. So verwundert es nicht, dass ein Großteil des Buches aus präzisen Beschreibungen der Therapiesitzungen besteht, mit denen die Protagonistin ihr Geld verdient.

Außer Adriana betreut Tina einen depressiven Angestellten und einen achtjährigen Jungen, der seit dem Tod seiner Mutter aufgehört hat zu sprechen. Teils lesen sich die Dialoge und nonverbalen Annäherungen realistisch und berührend, dann wieder scheint eine beinahe tragische Komik auf im aneinander Vorbeireden, in den bedeutungsschwangeren Auslassungen, die an das absurde Theater eines Samuel Beckett erinnern.

Die stärksten Szenen indes bleiben Tina und Adriana vorbehalten. Zwar bereichern die beiden anderen Patienten das Panorama, doch zur Plotentwicklung tragen sie wenig bei. Ohnehin verweigert sich der Roman einem konventionellen Spannungsbogen – was aber nichts macht.

Denn die wechselhafte Dynamik zwischen Adriana und Tina entfaltet einen ganz eigenen Drive: In der Umkehrung der Hierarchie zwischen „Du“ und „Sie“, den langen Dialogen ohne Angabe der Sprechpositionen verschwimmen nach und nach die Machtverhältnisse.

[Lisa Mundt: Als meine Therapeutin schwieg. Roman. Milena Verlag, Wien 2019. 160 Seiten, 23 €.]

Wer hier wen therapiert, ist bald nicht mehr klar. Dass zunächst auch die Erzählerin neben ihrer expressiven Klientin verblasst, dürfte beabsichtigt sein.

Im Kontrast zu Adrianas Impulskontrollstörung scheint sie merkwürdig abgetrennt von ihren Gefühlen – und da Tina zwar alle anderen therapiert, nicht aber sich selbst, wird man beim Lesen fast automatisch zur Therapeutin-Detektivin, die dem Trauma der Hauptfigur auf den Grund zu gehen versucht.

Der comichaft dissoziative Stil ist mehr als formale Spielerei. Wie Mundt banale Alltagshandlungen in Einzelbilder zerlegt und dabei auch deren kausale Zusammenhänge verschleiert („Christian sitzt auf der Couch. Vor ihm steht ein Glas Bier. Er trinkt davon.“) ist gewöhnungsbedürftig, trifft die gespaltene Wahrnehmung ihrer Erzählerin jedoch genau.

Feines Gespür für Unausgesprochenes

Was die Abspaltung ausgelöst haben mag, bleibt lange im Dunkeln, denn auch in Tinas Privatleben liegt einiges im Argen. Da ist ihre Partnerin Martha, von der sie sich entfremdet hat und die trotzdem ungefragt bei ihr einzieht. Und da ist ein befreundetes schwules Paar, das sich gerade trennt. Lakonisch fasst Tina das (Nicht-)Kommunikationsmodell zusammen, das diese Viererkonstellation prägt: „Christian und Markus streiten nicht. Sie sehen einander kaum an.“

Umzugskarton werden wortlos ein- und wieder ausgepackt, knappe Informationen in Textnachrichten ausgetauscht („Kannst du um 15 h beim Tragen helfen?“), doch um Beweggründe oder Befindlichkeiten geht es selten.

Mit feinem Gespür für Unausgesprochenes und knapp verpasste Nähe umkreist Mundt die offenen Geheimnisse und Leerstellen in diesen Paarkonstellationen, das Informationsgefälle und die subtilen Wissensverschiebungen, die sich daraus ergeben.

All das könnte sich ziemlich hoffnungslos und festgefahren anfühlen – wäre da nicht diese eine „schwierige“ Figur, die Lisa Mundt zu Anfang so ostentativ auf die Bühne stellt wie Tschechows Gewehr. Einen fulminantem Showdown kann man am Ende dieses ruhigen Roman nicht erwarten – aber zumindest einen kleinen Knalleffekt, der die allseitige Schockstarre durchbricht.

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