Delirium ist leider geil : Neuköllner Oper ballert von Exzess zu Exzess

Die Neuköllner Oper zeigt „9 Tage wach“. Es ist die Bühnenfassung des gleichnamigen Romans über ein Leben als Crystal-Meth-Süchtiger.

Berauscht von Crystal Meth. Eric (Jochen Weichenthal) und seine Freundin Anja (Linda Belinda Podszus).
Berauscht von Crystal Meth. Eric (Jochen Weichenthal) und seine Freundin Anja (Linda Belinda Podszus).Foto: Matthias Heyde/Neuköllner Oper

Stakkato der Worte, herausgehämmert wie ein Refrain: „Drecks-Dresden, Drecks-Jugend, Scheiß-Sachsen!“ Es geht um Eric, einen Jugendlichen. Er entdeckt einen Ausweg aus dem bleiernen Dunst zwischen Bong und Bomberjacke: Crystal Meth. Er wird süchtig, wegen Diebstahls verhaftet, auf Bewährung freigelassen. Flucht nach Leipzig, Schauspielstudium, doch die Crystal-Sucht holt ihn wieder ein.

Hinter dem griffigen Namen verbirgt sich Methamphetamin, eine Stimulans, die einen auch nach einer Flasche Goldkrone noch geradeaus reden lässt. Sie erlaubt es, nächtelang durchzufeiern, im Extremfall „9 Tage wach“, wie der Titel des Musiktheaterstücks verheißt, das am Donnerstag in der Neuköllner Oper seine Uraufführung erlebt hat.

Die Partydroge schwappt aus Tschechien nach Deutschland und ist besonders im ostdeutschen Grenzgebiet verbreitet. Als Trenddroge des vergangenen Jahrzehnts, sie macht schnell und nachhaltig süchtig. Die Folgen sind verheerend, wie auch Serien und Filme wie „Das Verschwinden“, „Das richtige Leben“ und „Breaking Bad“ illustrieren.

„9 Tage wach“ nähert sich dem Phänomen gewissermaßen von innen. Nah am Überdrehen ballert die Inszenierung von Exzess zu Exzess. Die Dialoge: über Strecken eher hirnverbrannt als bewusstseinserweitert – und so sollen sie auch sein. Nichts an dem Delirium, wie es das Stück zeigt, ist cool. Dennoch gerät der Abend brutal unterhaltsam, alles andere als eine achtzigminütige Anklage. Der Rausch, er „war sehr, sehr lange sehr, sehr geil“, heißt es am Ende. Als Zuschauer ist man dennoch nicht zum Nachahmen geneigt.

Die Vorlage stammt von Eric Stehfest, einem Schauspieler, der vor allem mit einer Rolle in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ bekannt wurde. Der 29-Jährige hat all das durchgemacht, das erste Crystal schon mit 14 genommen. Seine Erfahrungen hielt er in einem gleichnamigen Roman fest, der von John von Düffel, Dramaturg am Deutschen Theater, für die Bühne adaptiert wurde. Bei der Musiktheaterfassung, die in der Neuköllner Oper zu sehen ist, hat wiederum Fabian Gerhardt Regie geführt, ebenfalls ursprünglich Schauspieler, unter anderem am Staatsschauspiel Dresden. Die Premiere seiner bislang letzten Neuköllner Regiearbeit – „Die Fleisch“ – liegt nicht mal zwei Monate zurück.

Sie kämpfen gegen die Neigung der Bühne an

Fünf Schauspieler in Trainingsanzügen, drei Männer, zwei Frauen, teilen sich die Rolle von Eric. Sie verleihen dem Durcheinander, das in der Figur herrscht, Ausdruck durch verbale und körperliche Verrenkungen. Sie stottern, lassen Satzfetzen auf das Publikum niederprasseln, tanzen in einer Mischung aus Aerobic, Electric Boogaloo und Gebärdensprache. Sie torkeln, kämpfen gegen die Neigung der aus Gittern und Platten bestehenden, ansonsten leeren Bühne an – wie Todgeweihte an Deck der sinkenden Titanic (Bühnenbild: Michael Graessner).

Musikalisch geht es wild durcheinander: Rap, Autotune-Pop, analoger Live-Techno bis hin zu Metal-Core-Gebrüll, zu dem sich mancher im Publikum die Ohren zuhält. Sieben Musiker vom Verworner-Krause-Kammerorchester Berlin verleihen dem Sound Wumms. Sie sitzen in weißen Overalls und Gummistiefeln unter dem erhöhten Teil der Bühne, mehr zu erahnen als zu sehen.

Erst ganz am Ende, als das Publikum johlt und klatscht, kommen sie nach oben und verneigen sich. Genauso wie der echte Eric Stehfest, ein muskulöser Mann mit rasiertem Kopf. Er lebt in Berlin, mit Frau und Kind. Die Sucht hat er besiegt, seinen Frieden mit ihr aber noch lange nicht geschlossen. Derzeit bereitet er eine Verfilmung seines Buches vor.
Neuköllner Oper, 20 Aufführungen bis 19. Mai

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