Dem Pop-Genie Burt Bacharach zum 90. : Was die Welt jetzt braucht

Burt Bacharach, einer der größten Songwriter des 20. Jahrhunderts, feiert seinen 90. Geburtstag. Mitte Juli kommt er auch nach Berlin.

US-Sänger Burt Bacharach auf der Bühne
US-Sänger Burt Bacharach auf der BühneFoto: dpa/EPA/Hannah Mckay

Dürfte man nur eines seiner Instrumente wählen, um sich Burt Bacharachs Musik zu nähern, dann wäre es das Flügelhorn. Es sieht einer Trompete täuschend ähnlich, doch der Klang verströmt sich viel weicher, weniger jubilierend als mit zarter Melancholie. Harmonische Verschiebungen, kaum zu spürende Rhythmuswechsel, überraschende Wendungen, unentrinnbare Melodien – Bacharachs musikalisches Universum ist ebenso reich wie großzügig. Es gebiert Dreieinhalbminüter für die Ewigkeit. Weshalb man beinahe vergessen kann, dass ihr Schöpfer noch in dieser Welt weilt. Aber es ist wahr: Burt Bacharach, einer der größten Songwriter des 20. Jahrhunderts, legitimer Erbe Cole Porters und George Gershwins, feiert an diesem Samstag seinen 90. Geburtstag.

Selbst Marlene Dietrich verfiel seinem Charme

Er ist erst 15, als er mit einem gefälschten Ausweis die Jazzclubs von New York besucht, um Dizzy Gillespie und Count Basie zu hören. Rock’n’Roll ist ihm ein Grauen, die Musik von Strawinsky und vor allem Ravel aber begeistert Bacharach mit ihrer Klarheit und ihrem harmonischen Raffinement. Er spielt Klavier und will Musik machen, die populär ist, aber nicht simpel; mit Sentiment, aber nicht kitschig. Und er will geliebt werden. „Playboy of the Western World“ wird er später genannt, selbst Marlene Dietrich verfällt seinem Charme. Er ist ihr Pianist, Arrangeur und Bandleader, sie wäscht auf Tour seine Socken und Unterhosen. „Ich habe nur für die Aufführungen und für ihn gelebt“, schreibt die Dietrich in ihren Erinnerungen. Bacharach hielt die Verbindung stets auf professioneller Ebene, auch, weil er ein besessener Profi ist. 1000 Mal hört er einen neuen Song, bevor er auf Schallplatte gepresst wird, aus Sorge, er könne im Radio nicht gut klingen.

Über 1000 Künstler haben Bacharachs Musik interpretiert

Doch der Bacharach-Sound, der von nachfolgenden Generationen nachlässigerweise dem Easy Listening zugeschlagen wird, ist unwiderstehlich. 130 seiner Songs sprangen in die US-Charts, allein von „The Look of Love“ existieren 120 Versionen, über 1000 Künstler haben Bacharachs Musik interpretiert. Unter seinen Fans finden sich so unterschiedliche Temperamente wie Frank Zappa, John Zorn, Brian Wilson, Elvis Costello, Dr Dre oder Noel Gallagher.

In den 60er Jahren erlebt Bacharach einen wahren Schaffensrausch, im Traum-Trio mit seinem Texter Hal David und der aus dem Chorhintergrund ins Rampenlicht geholten Dionne Warwick: „I say a litte Prayer“, „Walk on by“, „Anyone who had a Heart“ – Musik, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Nicht nur, weil sie mit untrüglichem Gespür und federleichter Meisterschaft komponiert wurde.

Bacharachs Songs über die Unentrinnbarkeit der Liebe spenden Trost für jene, die gerade daran verzweifeln. Selbst wenn wirklich einmal alles zu Ende gehen sollte, Bacharachs Musik verlässt einen nicht. Ein Antidot für Schmerz, zartbittere Hymnen der Selbstbehauptung.

In seiner Wahlheimat Kalifornien absolviert Burt Bacharach ein tägliches Fitness-Programm – und kommt zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag am 14. Juli tatsächlich zu seinem ersten Deutschland-Konzert in den Berliner Admiralspalast. Denn seine Mission ist noch nicht beendet. Inmitten des Orchesters, umgeben von Sängerinnen, wird er am Klavier sitzen, und zusammen werden sie es wieder spielen: „What the World needs now is Love sweet Love…“

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