Denkreihe „Berlin 3000“ : Von Brachland bis Oase: Berlin und seine Plätze

Was macht einen Platz zum Platz? Berlin bietet reichlich Anschauungsmaterial für völlig missglückte, aber auch für charmante Plätze.

Alexanderplatz
Negativbeispiel: Das Monstrum Alexanderplatz schluckt alles in seiner Umgebung.Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Um zu verstehen, wie wichtig Plätze fürs Lebensgefühl sind, hilft ein Gedankenexperiment. Man stelle sich eine Stadt ohne Plätze vor, nur Straßen und Häuser bis zum Horizont. Ein Alptraum, ein Gefängnis. Plätze lockern auf, binden ein Viertel zusammen, geben ihm Charakter und Identität. Die Zivilisation begann oft mit der Rodung des Waldes, Plätze sind nichts anderes als Lichtungen im städtischen Dschungel. Hier können sich Körper und Seele strecken, Menschen können sich begegnen, Ideen austauschen – auch wenn wir statt Forum Romanum längst Facebook haben.

Wenn sich die Denkreihe „Berlin 3000“ des Berliner Ensembles an diesem Freitag ab 17 Uhr auf dem Bertolt- Brecht- Platz mit eben diesem Platz, der Bedeutung von Plätzen und des öffentlichen Raums auseinandersetzt, nimmt sie sich also eines klassisch-analogen Themas an. Um „hässliche, falsch ausgedachte, plattgeflieste, unbepflanzte, menschenleere Orte“ soll es gehen und um die Frage aller Fragen: Warum ist alles, so, wie es ist?

Die gründerzeitlichen Plätze sind die schönsten

Berlin bietet da reichlich Anschauungsmaterial. Die riesige Wüstung vor dem Hauptbahnhof zum Beispiel,Washingtonplatz genannt: offenbar mal gedacht, um riesige Menschenmengen aufzunehmen. Die aber kommen alle aus der anderen Richtung, von Norden, wo Busse und Straßenbahnen halten. Südlich ist nichts als die Spree und irgendwo das Bundeskanzleramt. Oder die trostlose, nach Dorothea Schlegel benannte Steinfläche am Bahnhof Friedrichstraße. Oder der fußgängerverzonte Nettelbeckplatz in Wedding, der krautige Lützowplatz, der von der autogerechten Stadtplanung ruinierte, überhaupt nicht mehr als Stern zu erkennende Nollendorfplatz. Oder, besonders faszinierend, der Innsbrucker Platz, der komplett dem Verkehr geopfert wurde, obwohl er für die Autobahn untertunnelt wurde. Gekrönt wird das alles vom Alexanderplatz, einem raumgreifenden Monster, das nach und nach alles in seiner Umgebung schluckt, zumindest diskursiv: Inzwischen läuft eigentlich die komplette ehemalige Berliner Altstadt zwischen Spree und Fernsehturm unter dem Rubrum „Alexanderplatz“.

Wer das charmante, menschenfreundliche Berlin sehen will, muss die gründerzeitlichen Plätze aufsuchen, von denen es zum Glück noch sehr viele gibt: Chamisso-, Boxhagener-, Oranien-, Helmholtz-, Savigny-, Ludwigkirch-, Fasanen- oder Viktoria-Luise-Platz. Und, oho: auch den in den 80er Jahren neu gebauten Prager Platz. Er gehört zu den seltenen Beispielen gelungener Platzgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Geht doch. Der Prager Platz in Berlin Wilmersdorf ist schön, obwohl er nicht alt ist.
Geht doch. Der Prager Platz in Berlin Wilmersdorf ist schön, obwohl er nicht alt ist.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Was macht einen Platz zum Platz? Warum funktioniert der eine, während der andere den Tauben und Plastiktüten überlassen bleibt? Regel 1: Wer sich an historischen Grundrissen und Parzellen orientiert, macht wenig falsch. Was aber nicht immer funktioniert, siehe den Kreuzberger Mehringplatz, dem seine runde, die Form des Vorgängerplatzes zitierende Gestalt auch nichts hilft, oder das Oktogon des Leipziger Platzes, der ohne die Mall of Berlin tot wäre.

Ein Platz will ernst genommen werden

Regel 2: Ein Platz braucht Wände. So wie erst die Nacht den Tag macht, definiert sich auch ein Platz durch sein Gegenteil, sprich die Hausfassaden. Regel 3: Ein Platz braucht Verkehr. Nicht zuviel, aber ihn komplett von seinen Lebensadern abzuschneiden, das rächt sich. Um nochmal den Mehringplatz zu nennen: Der wurde früher von drei Straßen versorgt. Linden- und Wilhelmstraße führen heute an ihm vorbei, und die Friedrichstraße bringt nur noch tröpfelnd über eine Fußgängerzone Leben ins Rund. Regel 4: Ein Platz will ernst genommen werden. Wenn irgendwo an der viel befahrenen Joachimsthaler Straße noch ein Dreieck frei ist, ein paar Betonquader hingepflanzt werden und das Ganze dann Friedrich-Hollaender-Platz heißt, weil jemand gemerkt hat, dass der noch nicht geehrt wurde, dann muss man sich nicht wundern, wenn da nie jemand sitzt.

Ja, zu Berlin und seinen Plätzen könnte man eine ganze eigene Denkreihe veranstalten. Dass jetzt ein Theater den Anfang macht, hat viel Charme. Ein guter Platz ist natürlich immer auch dies: Bühne für eine ganz besondere Spezies von Darstellern, für die Bürger und Bewohner der Stadt.

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