Der Deutsche Pavillon in Venedig : So hübsch war die Mauer nicht

Das Berliner Architekturbüro Graft hat den Deutschen Pavillon in Venedig gestaltet. Und präsentiert eine geglättete Version der Teilungsgeschichte.

Offene Grenze: Ein Blick in den Deutschen Pavillon.
Offene Grenze: Ein Blick in den Deutschen Pavillon.Foto: dpa/Antonio Calanni

Eine schwarze Wand empfängt die Besucher des Deutschen Pavillons. Beinahe nahtlos fügen sich die Segmente aneinander – so, wie die Mauer einst wirkte: undurchdringlich. Doch beim Hineingehen schieben sich die Mauersegmente auseinander, lassen Durchgänge frei, arrangieren sich zu einem lockeren Ballett schräg versetzter Einzelteile. Die Mauer ist gefallen, ist offen seit nunmehr 28 Jahren, so lange, wie sie zuvor Berlin und als innerdeutsche Grenze das Land geteilt hat.

Die Symbolik ist eingängig, die Inszenierung gelungen: Was das Berliner Architekturbüro Graft und Bürgerrechtlerin Marianne Birthler zum Thema „Unbuilding Walls“ (Mauern abbauen) als deutschen Beitrag geschaffen haben, wird den Besuchern dieser Biennale als eine Art Bühnenbild in Erinnerung bleiben. 28 Situationen und Projekte sind auf den Rückseiten der Mauersegmente dargestellt, die die Entwicklung nach dem Fall der Mauer nachzeichnen. Erinnerungen kommen auf, an den Wettbewerb für den Potsdamer Platz, an die plötzlich offen liegenden Ruinen und Baulücken des Ostens, an Ben Wargins „Parlament der Bäume“, das jenes GEdenken an die weit über tausend Maueropfer bewahrte, mit dem sich das offizielle Berlin schwertat. Daneben Gegenwart und Zukunft, in Gestalt des Nahverkehrsnetzes oder des Bürohausentwurfs von Rem Koolhaas samt diagonal durchs Grundstück verlaufender Grenzlinie.

Elegant und glatt

Nur: Ist das die „Visitenkarte für Deutschland“, wie Bundesbaustaatssekretär Gunther Adler bei der Eröffnung frohlockt? Hat die Welt, die sich in Venedig trifft, auf eine weitere Berliner Lektion gewartet? Ist Berlin ein für alle Mal der Nabel der europäischen Blockteilung? Ach ja, auch die kommt vor, beim Segment „Europaradweg Eiserner Vorhang“. Und der Rest des geteilten Deutschlands mit der Abhörstation auf dem Brocken oder den Dörfern auf dem Grenzstreifen, die als „Wüstungen“ zurückblieben – „Freiraum“ als entleerte Vergangenheit.

Selbst diese finstere Geschichte wird von den eleganten Graft-Designern so glatt präsentiert, dass die Tiefendimension der Teilung unberührt bleibt. Das „Bedürfnis nach unmittelbarer Erlebbarkeit der Geschichte“, welches das Segment zum Checkpoint Charlie konstatiert, bleibt in dieser dreidimensionalen Informationsbroschüre namens Deutscher Pavillon unbefriedigt. Die Freiheitswerte, für die es sich immer wieder lohnt zu kämpfen, wie Berlins Regierender Michael Müller mit einem Anflug von Pathos formuliert, bleiben dem Einzelnen anheimgestellt. Dabei war es die Sehnsucht nach Freiheit, die die Mauer zum Zerbrechen brachte. Daran darf man, 28 Jahre und eine Generation später, ruhig mit Emphase erinnern. Wenn man schon nicht, wie es einer Architekturbiennale angemessen wäre, schlicht Architektur zeigen will. Es wäre an der Zeit.

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