„Der Diktator“ in Neuköllner Oper : Starker Mann, wackeliger Boden

Die Neuköllner Oper zeigt Ernst Kreneks selten gespieltes Stück „Der Diktator“.

Kammerspiel der Verführung. Szene aus "Der Diktator" von Regisseurin Ariane Kareev.
Kammerspiel der Verführung. Szene aus "Der Diktator" von Regisseurin Ariane Kareev.Foto: Matthias Heyde

Populisten haben Konjunktur. Die Lösung aller Probleme, egal welche Mutter sie nun haben, wird auch heute wieder gern vom „starken Mann“ erwartet. In seinem Einakter „Der Diktator“ ahnte Ernst Krenek bereits 1926 voraus, welche Versuchungen der Macht hier auftauchen können. Ein Nachbarland kassiert man mal eben „mit links“, Selbstüberschätzung, von jubelnden Massen gestützt, zeigt sich in Menschenverachtung, Militarismus, Sexismus.

Doch das ist im Grunde nicht das Thema von Kreneks einstündiger Oper. Auf der winzigen Studiobühne der Neuköllner Oper lässt Regisseurin Ariane Kareev ihre vier Protagonisten schon vor Eintritt der Handlung auf einer wackeligen Schräge balancieren und Essenzielles murmeln: „Du bist der, der mich schlägt, der mich streichelt“, „Du sagst mir, was ich kann.“ Quasi die Innenseite der Macht wird vorgezeigt in einem Kammerspiel um Verführung und Abhängigkeit. Kareev tut gut daran, in dieser Abschlussarbeit ihres Regiestudiums an der Hochschule „Ernst Busch“ nicht Kreneks Vorbild Mussolini nachzuahmen.

Keine glückliche Wahl

Ihr „Diktator“ ist smart und attraktiv, auch in gewisser Weise naiv. Der blonde, blauäugige Lawrence Halksworth ist seine ideale Verkörperung, ein Strahlemann mit edlem Bariton. Er wirft sein Auge auf Maria – Isabel Reinhard versichert mit hochdramatischem Sopran, den Unhold töten zu wollen, durch dessen Kriegsränke ihr Mann (Sotiris Charalampous) erblindete. Eva Maria Nikolaus gibt die immer wieder betrogene Diktators-Gattin Charlotte, mit enger geführter Stimme ein kühlerer Typ als Reinhard.

Intensiv wird gesungen, bewegt gespielt, so dass der (zu) kleine Raum fast auseinanderfliegt. Liebe, Hass und Betrug hat Krenek in expressiv gespannte Linien gefasst, hohe sängerische Anforderungen gestellt. Dass seine glühende Instrumentation in Jörg Gollaschs Fassung für Klavier, Cello und Schlagzeug nicht erhalten bleiben kann, machen die Spannungsmomente schattenhafter Tremoli und quälend tropfender Repetitionen wett. Und doch bleibt alles, auch bei bemühter Farbpsychologie blau-weißer Machtsphäre, blutroter Leidenschaft und eines fahl-grünen Unterstands für die Verdammten dieser Erde, zu direkt umgesetzt, um das Beziehungsgeflecht fesselnd zu durchleuchten. Vielleicht ist das Stück keine glückliche Wahl.

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