Der "Erfolgsroman" von Gerhard Henschel : Das Leben im Kleingedruckten

Hier Detailfreude, dort trockene Erinnerungsprosa: Gerhard Henschel setzt seinen autobiografischen Romanzyklus mit dem „Erfolgsroman" fort.

Fast zu viel des Guten für Deutschland. Der Kanzler der Wiedervereinigung gratuliert 1990 dem Weltmeistertrainer.
Fast zu viel des Guten für Deutschland. Der Kanzler der Wiedervereinigung gratuliert 1990 dem Weltmeistertrainer.Foto: imago/Laci Perenyi

Wiedervereinigung und Weltmeister in ein und demselben Jahr, das ist für die Deutschen vielleicht zu viel des Guten. Findet Martin Schlosser, der das WM-Endspiel von Rom mit seiner Oma in ihrer ostfriesischen Wohnung guckt. Die Argentinier mauern, den Deutschen fehlt das Glück. Bis zur 85. Minute, als Rudi Völler im argentinischen Strafraum gefoult wird, und es Elfmeter gibt. Andreas Brehme trifft ins linke untere Eck. 1:0, Deutschland jubelt. Nur Schlossers Oma geht aufs Klo und kommt erst zur Siegerehrung zurück.

Martin Schlosser ist das Alter Ego von Gerhard Henschel, der in einem monumentalen autobiografischen Romanzyklus seinem eigenen Leben quasi hinterherschreibt. Der „Kindheitsroman“ (2004) handelte vom halb glücklichen Großwerden in der westdeutschen Provinz, der „Bildungsroman“ (2014) vom Studium in Bielefeld, „Künstlerroman“ (2015) und „Arbeiterroman“ (2017) vom Entschluss, das Studium abzubrechen und lieber gleich Schriftsteller zu werden. Der achte Band der Saga heißt „Erfolgsroman“ und beginnt im Sommer 1990, in den letzten, zwischen Euphorie und Katerstimmung schwankenden Wochen der alten Bundesrepublik.

Schon in der kleinen, sechs Seiten umfassenden Episode über das WM-Endspiel zeigt sich Henschels ganze Kunst. Mit Pathos hat er nichts an Hut, sein Held behält auch inmitten der Fahnenschwenkerei klaren Kopf. Er ärgert sich über Bundestrainer Beckenbauer, der Uwe Bein (Schlossers Lieblingsspieler) auf der Ersatzbank sitzen lässt, über Karl-Heinz Rummenigges Phrasen in der Halbzeitpause und über die Siegesfeier in Jever, ein schwarz-rot-goldenes Bacchanal mit zu viel Alkohol. „Besoffene kletterten an den Verkehrsschildern hoch und schmissen mit Bierflaschen und Böllern, und es wurde nach Kräften in die Rabatten gebrunzt.“

Henschel lässt in der Beschreibung keine Peinlichkeit aus.

Ähnliche Szenen, in denen die Wirklichkeit ins Peinlich-Regressive entgleitet, gibt es einige. Denn Schlosser ist viel unterwegs, als Reporter für das Satireblatt „Kowalski“ und die Kulturzeitschrift „Der Alltag“. Auf einem Alternativfestival in Oldenburg erlebt er einen Artisten, der „die Geschichte des Universums“ nachjongliert. Bei einem Tantra-Workshop führt ihn die teilnehmende Beobachtung sogar auf ein Matratzenlager mit einer Gartenarchitektin namens Bettina. Henschel lässt in der Beschreibung keine Peinlichkeit aus. Nicht beim Geschlechtsverkehr, der durch das Getuschel eines anderen Paares geschmälert wird, das sich am anderen Ende des Zimmers näherkommt. Und auch nicht später, als alle recht beseelt einer Kassette mit einer „Lecture“ von Osho zuhören, dem Guru, der unter dem Namen Bhagwan auch als großer Rolls-Royce-Sammler berühmt geworden war.

Henschel ist offensichtlich identisch mit Schlosser, doch während alle anderen Figuren unter ihrem tatsächlichen Namen auftreten, ist seiner verschlüsselt. Das mag daran liegen, dass sich der Autor inzwischen manchmal selber über sein jüngeres Ich und dessen Hang zu kraftmeiernden Geschmacksurteilen wundert. Den SPD-Vorsitzender Björn Engholm tut Schlosser mit einem Wort als „Pfeifenlutscher“ ab, und wenn er in einer Kneipe „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ hört, den „blöden Schlager“ von Marius Müller-Westernhagen, schwört er sofort Rache. „Das sollte er wiederkriegen. Mit einem Artikel in ,Kowalski’“.

„Erfolgsroman“, das klingt großspurig. Schließlich weiß Schlosser, dass er „das Schreiben immer noch lernen muss“. Aber seinem mürrischen Vater, der den Sohn bereits in der Obdachlosigkeit enden sieht, kann er melden, dass er von diesem seltsamen Nicht-Beruf leben kann. 1989 hat er mit seinen Texten 120 DM verdient, 1990 sind es bereits 18 813,80 DM. Konkreter geht es kaum, die bis in den Pfennigbereich peniblen Angaben wirken wie aus der Steuererklärung entnommen. Aber ist das Leben nicht immer konkret, besonders im Kleingedruckten?

Henschel hat das Buch eng an der Erinnerung entlang geschrieben. Postkarten, Rechnungen und Telefongespräche referiert er genauso wie Songtexte, Redensarten und Fernseheindrücke. Eine dichte Beschreibung, aus der manchmal ein Witz, ein Aphorismus oder beides zusammen aufblitzt. Oft versackt die kleinteilige Erzählung in Redundanzen, etwa wenn sich die Auseinandersetzungen mit dem Vater so zäh wiederholen wie die Mahnbriefe an Redakteure, in denen ausstehende Zahlungen eingefordert werden. Das wirkt wie mitstenografiert, Henschel versucht gar nicht erst, seine Geschichte nach dem Vorbild des von ihm verehrten Walter Kempowski in einen größeren dramaturgischen Bogen zu spannen.

Schlosser kommt zunächst bei den Rutschkys unter.

Das Schönste am Erfolgsroman ist der Liebes- und Entwicklungsroman, der auch in ihm steckt. Nachdem die Tantra-Affäre mit Bettina platzt, beginnt eine neue Romanze ganz altmodisch mit dem Austausch von Briefen. Über die „Kowalski“-Redaktion erhält Schlosser ein Fanschreiben von einer Studentin. Sie heißt Kathrin Passig und schickt ihm bald – um 1990 absolut avantgardistisch – Disketten. Er liest ihr aus seiner Sammlung absurder Hochzeitsanzeigen vor. Sie führt ihn in die Feinheiten fränkischer Mundart ein. „Neinzga“ bedeutet „Neunzigminutenkassette“. Die Liebenden brechen nach Berlin auf, wo sowieso alle hinwollen, die irgendwas mit Medien machen.

Schlosser kommt zunächst bei Michael und Katharina Rutschky unter. Der Herausgeber des „Alltag“ und die Pädagogin pflegen in ihrer Kreuzberger Wohnung ein kultiviertes Bohemedasein, mit hitzigen Diskussionen über den Stand des Feminismus oder den Stellenwert des „singenden Gummihuhns“ Madonna. Herr Rutschky warnt den Jungschriftsteller vor Menschen, die das Wort „gesamtgesellschaftlich“ benutzen. „Ein Buch, in dem das Wort gesamtgesellschaftlich vorkommt, können Sie sie sofort zuklappen! Merken Sie sich das bitte!“ Schlosser ist begeistert von Berlin, vor allem von den Kneipen, Kinos und Konzertkellern. „Es war wie in dem alten Lied von Insterburg & Co.: ,Berlin erwacht tatsächlich in der Nacht.’ Hier wollte ich leben. Und nicht mehr in Heidmühle.“

Präzision und Detailgenauigkeit zählen zu Henschels Stärken und sind gleichzeitig seine größte Schwäche. Der Lebensroman kommt selten über die aufzählende, von Erlebnis zu Assoziation springende Form eines Tagebuchs hinaus. Von den derzeit populären autofiktionalen Erzählstrategien eines Karl Ove Knausgård oder Tomas Espedal, deren Erinnerung sich immer wieder ins Essayistische weitet, ist Henschels trockene Erinnerungsprosa weit entfernt. Dafür verfügt er über etwas, was Knausgård oder Espedal abgeht: Humor. Auf Seite 445 findet sich sogar ein in den neunziger Jahren verbreiteter Spitzname für den Tagesspiegel: Siegesspargel.

Gerhard Henschel: Erfolgsroman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2018.602 Seiten, 26 €.

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