Kultur : Der goldene Schuss

Mit Webers „Freischütz“ besiegelt Renato Palumbo sein Schicksal an der Deutschen Oper Berlin

Christine Lemke-Matwey

Das Kainsmal trägt der engagierte Zuschauer an diesem Abend frühzeitig auf der Stirn. Und je nachdem, wie verzweifelt er sich die Haare rauft oder wie entsetzt er den Kopf in beide Hände stützt: wahlweise auch auf Wangen, Nase, Ohren. Pechschwarze Striemen mitten im Gesicht, als käme man geradewegs aus Großmutters Kohlenkeller oder sei halsüber ins nächste Pulverfass gefallen. Der engagierte Zuschauer ist derjenige, der in der „Freischütz“-Premiere der Deutschen Oper Berlin das Zünglein an der Schicksalswaage hat sehen wollen, den überlebensnotwendigen Liebesbeweis, dass es mit dem gebeutelten Haus nun endlich wieder aufwärts ginge; und der sich, als die Aufführung ihm weder das eine noch das andere zu bieten weiß, ans Programmheft klammert. Schöne Gedichte darin liest und viel Kluges von Baudelaire bis Pynchon. Und dabei des Öfteren jene zwei unscheinbaren Seiten aus Wachspapier überblättert, vorne und hinten im Heft, die ein Arsenal von Jagdflinten ablichten. Diese Seiten sind mit einer Art Rußfilm überzogen, eingeschwärzt, bleibewehrt – absichtlich? zufällig? druckfrisch? –, und was man an den Fingern hat, wie gesagt, das trägt man an diesem Abend flugs auch im Gesicht.

Damit freilich wäre der Gipfel aller Authentizität schon erreicht. Dass Alexander von Pfeils Regie alsbald die Puste ausgeht, dass die Sänger eifrig die Rampe bevölkern, um Mauerschau zu treiben („Siehst du den Stößer dort? Schieß!“) oder sich im semikonzertanten Stil ihrer musikalischen Ängste und Arien zu vergewissern – nun gut. Man hatte nicht wirklich erwartet, dass der Chefregisseur des Bismarckstraßenhauses sich zwischen den aktuellen Rezeptionssträngen dieser so gern belächelten, weil deutschen und romantischen Oper bemerkenswert behaupten würde. Wo Philipp Stölzl im kleinen Meiningen unlängst ein virtuoses expressionistisches Horrorkabinett entfaltete und Christof Nel sich an der Komischen Oper in die feinsten psychoanalytischen Verästelungen des Geschehens versenkt, da zeigt von Pfeil sich hasenherzig unentschlossen, immer wieder neu rat- und tatenlos.

Mal ist’s von schier unerträglicher Betulichkeit (in den Agathe-Bildern), was sich da so tut, mal wird’s unmotiviert zynisch (in den Samiel-Szenen, die sich allzu sehr auf Prodromos Antoniadis’ animalisches Züngeln verlassen). Zumeist aber trudeln die Tableaus in einer seifensiederhaften, zweidimensionalen Schläfrigkeit für sich hin, die jeder Nummernoper, ja überhaupt jeder etwas penibleren inszenatorischen Handwerklichkeit spotten. Insofern hat Bernd Damovskys irisierend schöner, psychedelisch lichttrunkener Einheitssalon auch seinen Preis. Riesige Kronleuchter und Lüster baumeln hier wie Damoklesschwerter über der versammelten Kleinbürgerschaft, jede Menge Pin-ups zieren die Wände, links der obligate Altar, rechts das Spießeraquarium, viele Sofas und ein trauriger Sandsack, und dies alles sagt in abgeklatschter Marthalermanier: Nach der Jagd ist vor der Jagd. Und was geht’s uns an, was euch, wenn diese Welt an ihren hohlen Ritualen, ihrer Einfallslosigkeit erstickt.

So weit, so lähmend und kaum weiter symptomatisch. Ein offenkundig temperamentloser, überforderter Chefregisseur allein entscheidet noch kein Schicksal, selbst in Berlin nicht. Ein Generalmusikdirektor aber, der beim Jägerchor versagt (und nicht nur da), tut’s, und hier, im musikalischen Kerngeschäft, liegt der wahre und sehr wohl symptomatische, in jeder Beziehung schwarzmalerische Krebsschaden der Aufführung. Ohne dem Lauf der Dinge vorzugreifen: Wenn Kirsten Harms jetzt nicht die Notbremse und Konsequenzen zieht und Renato Palumbo von der Bürde seines Amtes wie auch immer befreit, dann verletzt sie ihre Sorgfaltspflicht. Dann treibt sie ihr Haus gespitzten Ohres in den Untergang. Mögen Palumbos Qualitäten bislang eher im Verborgenen geschlummert haben und seine Wahl von Anfang an wenigen wirklich plausibel erschienen sein, so legt diese Premiere das erschreckende Ausmaß eines wahrhaft erschreckenden Unvermögens dar. Handwerklich-technisches Unvermögen, wohlgemerkt. Und ein daraus resultierendes, verständliches Lampenfieber. Oder überhaupt eine schreckliche Verwirrung darüber, am falschen Platz das Falsche zu tun.

Außerdem: Was müssen in einem Ensemble für Unsitten eingerissen sein, so fragt man sich, wie viel quälender Frust hat sich da aufgestaut von oben nach unten, von unten nach oben, und wo bleibt der Anstand, die Solidarität, wenn die vorgesehene Agathe (Manuela Uhl) in der Generalprobe vor hauseigenem Publikum derart ausgepfiffen wird, dass sie entnervt das Handtuch wirft? Michaela Kaune, die Einspringerin, hatte also keine leichte Last zu schultern und schlug sich – Palumbos stockenden Tempi und Caritas de Wits hinderlichen Kostümen zum Trotz! – mit beseelt schwingenden Konsonanten und empfindsamem Soprantimbre durchaus bravourös, ja stieg gar zum einsamen Fixstern des Abends auf. Andererseits: Was ist das für eine Besetzungspolitik, die kurz vor der Premiere das Ännchen austauscht und sich mit Cécile de Boever glatt im lyrisch-dramatischen Fach vergreift? Die mit Will Hartmanns Max, Reinhard Hagens Kaspar, Tiziano Braccis Kuno, Simon Paulys Ottokar, Jörg Schörners Kilian und Ante Jerkunicas Eremit allenfalls sängerisches Durchschnittsniveau aufbietet und hält?

Aber zurück zum Jägerchor, mit Grausen. Gewiss, Hörner sind heikle Instrumente und können schon einmal patzen oder kieksen, vornehmlich in der ersten Nervosität. Auch würde man es dem Italiener Palumbo kaum übel nehmen (warum eigentlich nicht?), wenn er sich mit dem Waldweben in Webers Partitur, ihrer biedermeierlichen Innigkeit und Einfalt nicht recht zu identifizieren gewusst hätte. Just aus solchem Fremdeln, solcher Spannung könnte ja etwas entstehen. Dass Palumbo die besagte Paradenummer allerdings in einem Affenzahn anging (wie er überhaupt zu keiner Zeit den nötigen Atem für das Stück aufbrachte und in den Tempi wahllos, kopflos, konfus zwischen Ersterben und Davonrennen schwankte), verhieß nichts Gutes. Und so war es eine Frage weniger freudloser Takte, bis die Hörner um einen, ja fast um zwei ganze Schläge hinter dem Chor herhinkten. Dass das berühmte „Joho tralalala“ zwei Strophen hat und in der zweiten exakt dasselbe passierte wie in der ersten, mag als böses Indiz dafür gelten, dass die Mannschaft sich auf diese Stelle noch nie hat einigen können. Das Premierenpublikum jedenfalls zeigte sich bitterlich erbost. „Flensburg!“ schrie es mitten in die Musik hinein, und dröhnend: „Buh!“. Und Chordirektor Ulrich Paetzhold erschien selbstredend gar nicht erst zum Verbeugen.

Wer nun die Schuld an einem solchen Desaster trägt? Zuallererst natürlich der Dirigent, der besser ein paar Einsätze mehr hätte geben sollen als mit dem Kopf noch am Abend in der Partitur zu wühlen; dann die Intendantin, die das Unheil nicht aufgehalten hat; und vielleicht auch die betroffenen Kollektive, Chor und Orchester, deren Meuterei längst überfällig ist, um zu zeigen, wie hier mit wertvollen Ressourcen Schindluder getrieben wird. Die Kunst selbst scheint das am allerbesten zu wissen. Zum Finale nämlich, während es für Himmelsbräute wie Höllenhunde Schampus gibt, hocken vorne links die drei Menschenaffen, die Samiels kafkaeske Entourage bilden, und spielen Flaschendrehen. Eine der drei Kreaturen wird es treffen. Nur der Preis scheint noch nicht ausgemacht. Samiels Nachfolge? Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper? „Der rein ist von Herzen und schuldlos von Leben, darf kindlich der Milde des Vaters vertraun.“

Wieder am 27. 3. um 19.30 Uhr und am 30. 3. um 18 Uhr.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!