„Der Palast“ an der Volksbühne : Tanzen gegen Gentrifizierung

Wut, Widerstand und Witz: Constanza Macras' schrill-satirisches Stück „Der Palast“ an der Volksbühne thematisiert den Wandel Berlins zur Global City.

Glorreiche Rückkehr an die Volksbühne: Anne Ratte-Polle in "Der Palast".
Glorreiche Rückkehr an die Volksbühne: Anne Ratte-Polle in "Der Palast".Foto: Thomas Aurin

In Diven-Robe stöckelt Anne Ratte-Polle auf die Bühne und stimmt eine traurige Moritat an. „Dein Gemüseladen ist weg. Dein Buchladen ist weg. Deine Bäckerei ist weg. Dein Theater ist weg“ heißt es in dem Berlin-Blues, der die Thematik des Abends auf den Punkt bringt. Das mit dem Theater stimmt glücklicherweise nicht ganz. Und die tolle Anne Ratte- Polle, eine Protagonistin der alten Volksbühne, hat mit „Der Palast“ von Constanza Macras ein Comeback am Rosa-Luxemburg-Platz.

Auch Macras bringt Volksbühnen-Erfahrung mit. 2007 inszenierte sie im Prater „I'm not the only one“. Mit „Der Palast“ zeigt sie erstmals eine Uraufführung auf der großen Bühne. Macras greift ein Thema auf, das viele Berliner auf die Barrikaden treibt: Es geht um Gentrifizierung und Verdrängung, um den Wandel von Berlin zur ,Global City'. Der erste Teil ist eine schrill-satirische Collage aus Tanz, Schauspiel, Musik und Fotografie. Macras mobilisiert alle Kräfte, die Inszenierung hat über weite Strecken einen enormen Drive.

Schlaglichter auf die Neuberliner Realitäten

Die Tänzer, die hier mal als dümmliche Teilnehmer einer Castingshow und mal als Chor der Entmieteten und Entrechteten auftreten, scheuen vor keiner Peinlichkeit zurück. Angetrieben werden sie von den elektronischen Sounds von Robert Lippock, die vom Musikertrio auf der Bühne ergänzt werden. Für eine schöne Verfremdung sorgen die Fotos von Tom Hunter, die hier auf Vorhänge projiziert werden.

Seine Protagonisten inszeniert er im Stil alter Meister. Vor einem Gemüsestand am Kotti stehen zwei Männer in schwarzen Roben und weißen Spitzenkragen, die an die niederländische Malerei erinnern. Vor Neubauten posiert eine Nackte als Botticelli-Venus. Die Tänzer huschen durchs Bild, nicht immer lassen sich die Erzählungen der Fotos mit dem Bühnengeschehen verbinden.

Wut, Widerstand und Witz: Macras gelingen Schlaglichter auf die Neuberliner Realitäten. Wie in einem Comicstrip schildert sie ein Verdrängungsszenario: Die Postbotin stellt Kündigungsschreiben des Investors aus, die Mieter protestieren mit Parolen wie „Das ist unser Haus“. Die Performer agieren steif, stereotyp und sehen wie Playmobilfiguren aus. Das Gentrifizierungs-Puppenspiel macht deutlich, dass hier unsichtbare Kräfte am Werk sind. Doch man erfährt an diesem Abend auch einiges über die zwielichtigen Geschäftspraktiken der Immobilienbranche. Zossen, wo besonders viele Briefkastenfirmen zu finden sind, wird ironisch als „Cayman Inseln von Brandenburg“ bezeichnet.

Im zweiten Teil müssen die Tänzer in einer dämlichen Castingshow ihre Haut zu Markte tragen. Der penetrante Moderator, von Luc Guiol verkörpert, haut den Kandidaten neoliberale Glaubenssätze um die Ohren wie: „Arm geboren zu sein ist keine Schande, arm zu sterben schon.“ Die Tanzeinlagen sind von grotesker Lächerlichkeit. In ihren billigen Outfits werfen die Performer sich in alberne Posen und wackeln mit dem Po, ein angestrengtes Grinsen im Gesicht.

Die Showeinlagen sind zum Schreien komisch

Anne Ratte-Polle als Proletta mit Mopp-Frisur versucht doch noch eine Botschaft rüberzubringen. „Wir vertreten hier die Mietergemeinschaft Zingster Straße 43“, beginnt sie ihren Monolog und berichtet dann kreischend über die Fäkalschäden in ihrer Wohnung. Macras benutzt das Format des Reality TV, um die Kommerzialisierung anzuprangern. Doch auch wenn die Showeinlagen teilweise zum Schreien komisch sind: Sie taugen nicht dazu, um über Globalisierung und Gentrifizierung nachzudenken.

So vergaloppiert sich der Abend des öfteren - und hat dann wiederum etwas von einem politischen Pamphlet. „Der Palast“ ruft zur Revolte auf. Die fabelhafte Anne Ratte-Polle macht klar, dass sie sich nicht vertreiben lässt. Ihr trotziges Credo ist eine Kampfansage: „Meine Wohnung ist mein Palast!“

Wieder am 14. 4. sowie am 16./17. 5.

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