Kultur : Der Pillen-Knicks

(Selbst-)Beobachtungen einer Kinderlosen zwischen Karrierewahn und Krippenstreit

Christine Lemke-Matwey

Ich bin nicht der Papst und ich bin nicht Herr Rockel.

Herr Rockel war der Verwalter von schräg gegenüber und galt bei uns Kindern als „böse“. Kaum setzte man ein Füßchen auf seine Grünfläche, geiferte es aus dem Fenster. Kaum schaukelte man ein winzig kleines bisschen an der Teppichstange, schoss er wütend um die Ecke. „Verwalter Rockel brüllet laut, die Vase hat er selbst zerhaut“, dichtete mein Großvater in dem ABC-Büchlein, das ich zum vierten Geburtstag bekam, und zeichnete einen knollnasigen Kittelträger mit tiefer Stirnfalte. Die kindliche Angst vor dem bösen Mann war gebannt. Die Reichweite der Metapher von der kaputten Vase freilich wird mir erst jetzt, vier Jahrzehnte später, so recht bewusst.

Auch wenn ich’s nicht bin: Manchmal fühle ich mich wie der Papst. Und manchmal wie Herr Rockel. Wie der Pontifex maximus spreche ich über Dinge, von denen ich nichts verstehe, wenigstens empirisch nicht, weil ich keine Kinder habe; und wie der Verwalter verspüre ich oftmals die größte Lust, aus dem Fenster zu geifern. Ich bin der Mensch, vor dem ich mich als Kind gefürchtet habe – so weit hat es dieses Land in seiner Betulichkeit gebracht. Ich bin lärmneurotisch, beruflich dauergestresst und sehr wohl der Meinung, dass Kinder im Treppenhaus „Guten Tag“ zu sagen haben. Einerseits. Der Kinderliebe allerdings, mit der unser neoliberaler Staat sich neuerdings schmückt, misstraue ich. Andererseits. Denn warum sollen Kinder, deren „Wohl“ auf eine „Zahl“ reduziert wird, auf ihre Anzahl nämlich, einer mutmaßlich dafür Mitverantwortlichen überhaupt einen guten Tag wünschen?

Noch vor zehn, zwölf Jahren hat kein Mensch in Deutschland über Kinder geredet. Man hatte welche oder hatte keine. Früher plante man sein Leben nicht generalstabsmäßig von der Wiege bis zur Bahre. Heute tut man das. Und seit ein paar Wochen sprechen in Deutschland ganz viele Leute über Kinder: Politiker und Politikerinnen, katholische Bischöfe, Ex-Nachrichtensprecherinnen, seriöse Literaturkritikerinnen. Und offenkundig bedingen sich das Reden und das Nichtreden. Der bedenkenlose Pragmatismus vergangener Jahrzehnte hat – wie ein defektes Überdruckventil, piffpaff – jede Menge Selbstbeschwörung, Selbstmitleid und Larmoyanz freigesetzt. Hätte diese Gesellschaft ihre Misere früher erkannt, spätestens in den Siebzigern, als klar wurde, dass die demografische Prognose mit einem verlängerten Pillenknick nicht zu erklären sein würde – es wäre uns einiges erspart geblieben. Nur führt diese Einsicht aktuell leider zu gar nichts. Jedenfalls nicht dazu, sich den Kopf über Wirtschaftsmodelle zu zerbrechen, die die Zukunft sichern, ohne ausschließlich den zartesten Schulterchen alle Last aufzubürden. Die Folge: Statt viele Kinder zu haben und diese gelassen, talentiert und konfliktfreudig großzuziehen, haben wir wenige und spannen diese vor jeden Thespiskarren.

Den Kindern tut das nicht gut.

Wenn Lisa, Laura und Luis aus der Wohnung über uns mal wieder Hüpfburg spielen, auf dass über unseren Köpfen der Stuck wackelt, dann denken wir beschämt ans deutsche Rentenrecht. Je mehr Kinder, desto weniger Rente, verkürzt gesagt, weil weniger Lebensarbeitszeit, Rentenbeiträge zu erwirtschaften und einzuzahlen. Wobei man wissen muss, dass Lisa, Laura und Luis, sobald sie aus der Krippe kommen, sich erst einmal abreagieren müssen. Sagt ihre Mutter (und das stützt die Beobachtung, dass Kinder unter fremder Aufsicht durchaus gesittet ihrer Wege gehen, während sich Kinder mit Eltern gerne garstig aufführen). Wenn Max aus dem dritten Stock eine Stunde lang mit dem Hammer einen eisenträgerbewehrten Schuttbrocken traktiert und das unter meinem Fenster tut, dann schießt mir das Ehegattensplitting in den Sinn, von dem seine Eltern weit weniger profitieren als alle kinderlosen Ehepaare. Und wenn Klein-Kasimir und Klein-Karoline von nebenan vor unserer frisch geweißelten Küchenwand Kirschkerne spucken üben, dann frage ich mich, ob die Zwillinge vielleicht das Ergebnis einer künstlichen Befruchtung sind (wofür die Krankenkasse ihren unverheirateten Eltern laut jüngstem Bundesverfassungsgerichtsurteil keinen Zuschuss zahlen muss) und wie hart das Leben sein muss, vergleichsweise, zu viert auf 80 Quadratmetern. Allerdings ist das Leben von alleinerziehenden Müttern oder gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch, was die Gesetzgebung betrifft, auch kein Pappenstiel. Schon eine konventionelle Adoption grenzt hierzulande an ein Wunder. Und über all das spricht niemand.

Beschwert jedenfalls haben wir uns im Haus lange nicht mehr. Jedes Mal, wenn es klingle, ließ uns der Vater der drei L.s einst mit knittriger Miene wissen, zucke er zusammen. Das will man ja auch nicht.

Andererseits aber kann es nicht gesund sein, jede Rockel’sche Anwandlung in sich zu ersticken, bloß um politisch korrekt zu bleiben. Als senke es die Arbeitslosigkeit und die Rentenbeiträge gleich mit, wenn man als potenzielle Karrierefrau – der Begriff des „Karrieremannes“ existiert nicht nur in diesem Zusammenhang nicht – alles über sich ergehen lässt. Als befördere es die Kinderfreundlichkeit im Land, wenn das Vater-Mutter-Kind-Geschehen unwidersprochen den Supermarkt beherrscht, von Wartezimmern und Zugabteilen ganz zu schweigen. Die Kinder jedenfalls sind die Letzten, die von aufreizender Engelsgeduld profitieren. Heutige Eltern mögen selber Schlüssel- oder Scheidungskinder gewesen sein – ihre zur Schau getragene pädagogische Lehrbuchreife, dieses demonstrative „Ich erziehe, also bin ich“ nervt.

In Chris Krauss’ „Vier Minuten“ gibt es eine wunderbare Szene, in der Monica Bleibtreu alias Traude Krüger das selbst gemalte Bild eines kleinen Mädchens verschmäht. „Clara möchte Ihnen eine Freude machen“, verkündet der Vater stolz. „Wenn du keinen Knicks kannst“, so Frau Krüger in harschem Ton zu dem Kind, „dann kannst du mir auch keine Freude machen.“ Um einen Knicks war die Kleine schon einmal gebeten worden, und schon einmal hatte sie die Unterlippe vorgeschoben und den Kopf geschüttelt. Knicks oder Nicht-Knicks (die Liste der Beispiele ließe sich verlängern), so suggeriert der Film und hat recht, ist weniger eine Frage der Demütigung als der Demut, ist kein Zeichen von Unterwürfigkeit, sondern von Achtung. Achtung voreinander. Achtung nicht zuletzt vor einer gewissen Form. Oder, wem das alles zu säuerlich klingt: Achtung vor dem Alter. Darin zumindest sollten die Eltern des 21. Jahrhunderts ihre Kinder trainieren, denn schon bald werden diese ihr Leben alleine fristen, allein unter Alten.

Natürlich begegnen einem im Alltag nicht nur Nervensägen, sondern auch viele entzückende, niedliche, witzige und kluge Kerlchen. So klug, witzig, niedlich und entzückend, dass selbst (oder gerade) Kinderlose bisweilen Sehnsucht kriegen. Nach der Unschuld, dem Dahinschmelzenkönnen. Nach einem solidarischen Sinn des eigenen Treibens. Und ganz schnöde: nach Reproduktion des oftmals so mühselig errungenen Eigenen.

Als reichte das aus. Längst gilt: Das Kind – der gesellschaftlichen Propaganda sei Dank – ist König. Und wer dagegen aufbegehrt, ist „böse“ und ein Herr Rockel und zerschlägt alles Porzellan. Irgendwann aber wird irgendjemand den kleinen Prinzessinnen und Prinzen erklären müssen, dass es im echten Leben nicht nur um Erbsen geht. Ich würde diese verantwortungsvolle Aufgabe gerne übernehmen. Denn bis ich alt bin, richtig alt, zahlt von den heutigen Gören ohnehin keine mehr in die Rentenkasse ein. Und also wären wir beide fein raus. Oder wie dichtete mein Großvater selig unterm Buchstaben X: „Xanthippe war ’ne böse Frau. Xaver heißt der Kater – miau!“

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