Kultur : Der Pop-Papst und der Straßenjunge Warhol und Basquiat in zwei Berliner Galerien

Daniel Völzke

Der Künstler läuft durch Manhattan, Richtung Downtown. Vorbei am erstarrten Establishment, dem Guggenheim-Museum, ein Bild unter dem Arm, das er verkaufen will. Auf seinem Weg sprüht er Graffiti an Hauswände. Die Stimme aus dem Off: „Manchmal werde ich gefragt, in welchem Medium ich arbeite. Und ich antworte: Extra Large.“

Neunzehn Jahre ist Jean-Michel Basquiat alt und hat noch kein einziges Bild in einer Ausstellung gezeigt, als er 1980 in diesem Film von Edo Bertoglio die Hauptrolle spielt. Aber ein wenig berühmt ist er schon: Jahre zuvor hatte der junge Schwarze auf die Wände SoHos den Schriftzug „Samo“ gemalt und dafür viel Beachtung erhalten. Doch hier sieht man einen Künstler, der mehr will und mehr bekommt: Schon zwei Jahre später wird der Außenseiter ohne Kunstausbildung als jüngster Teilnehmer der Documenta zu sehen sein.

Erst 1999 wurde das filmische Porträt fertig geschnitten. Nun läuft es unter dem Titel „Downtown 81“ in der Galerie Davide Di Maggio und ergänzt die beiden ausgestellten Bilder des 1988 an einer Überdosis Heroin gestorbenen Stars. Die Dokufiction lässt die Atmosphäre erahnen, in der Basquiat mit dem Malen begann. Der Zuschauer hört die Einflüsse von Freejazz bis New Wave, sieht die mit Zeichen übersäte Stadt, trifft die Underground-Helden jener Jahre. Das Umherschweifen als künstlerischer Prozess wird im handlungsarmen „Downtown 81“ weit sichtbarer als in Julian Schnabels bekanntem Film „Basquiat“.

Die beiden Arbeiten aus den Jahren 1981 und 1984 im Nebenraum der Galerie strahlen vor dieser Kulisse: Den Sound der Stadt noch im Ohr sieht man die Dekompositionen des Künstlers, den Malgrund, der an abgeblätterten Putz erinnert, darauf seine Hieroglyphen, Totenköpfe und Fratzen, die urbane Bildsprache genauso zitieren wie kreolische und afrikanische Tradition (Preis je 2,5 Millionen Euro).

„Ich glaube, ich habe ihn mehr beeinflusst als er mich“, sagte der selbstbewusste Basquiat einmal über seinen Mentor Andy Warhol. Tatsächlich nahm Warhol nach den ersten Begegnungen mit dem ehemaligen Straßenjungen nach Jahren wieder einen Pinsel in die Hand. Von Basquiat stammt auch die Behauptung, der Pop-Papst habe sich bei ihm immer wieder darüber beklagt, „nur ein schlichter Gebrauchsgrafiker“ zu sein. Einige seiner schönsten „Gebrauchsgrafiken“ kann man derzeit in der Galerie Jablonka sehen. Wie in einer Ahnengalerie sind die übermalten Siebdruck-Porträts von den Schönen und Mächtigen gehängt: Hier ist es, das Establishment, mit dem Jean-Michel Basquiat nicht klarkam.

Ergänzt werden die Bilder durch Polaroids und Zeichnungen. Besonders faszinieren frühe Porträts aus den fünfziger Jahren, als Warhol tatsächlich für Modezeitschriften arbeitete: stolze Damen mit baumelndem Ohrgehänge, junge Männer mit Fliege, distinguierte Herren. Warhol zeichnet sie reduziert, mit dem Blick für die kleine Geste, den wesentlichen Charakterzug. Auch die gezeichneten Porträts von Hitchcock, Prince oder Beuys entfalten eine ganz andere Wirkung als die späteren Siebdrucke (Zeichnungen für 35 000 bis 800 000 Euro, Bilder ab 500 000 Euro). Porträts, die Andy Warhol von seinem Freund Jean-Michel Basquiat anfertigte, sind übrigens nicht ausgestellt.

Jean-Michel Basquiat in der Galerie Davide Di Maggio, Sophienstraße 21, bis 23. März; Dienstag bis Freitag 12–18 Uhr, Sonnabend 11–17 Uhr. Andy Warhol in der Galerie Jablonka, Kochstraße 60, bis 17. März, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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