Der Regisseur Emin Alper : Die Türkei hinter den Bergen

Tradition und Aberglaube in Anatolien. Der Regisseur Emin Alper spricht über sein lyrisches Frauendrama "Die Geschichte von drei Schwestern".

Die älteste Tochter Reyhan muss reumütig in ihr Heimatdorf zurückkehren.
Die älteste Tochter Reyhan muss reumütig in ihr Heimatdorf zurückkehren.Foto: Grandfilm

Eine Schotterpiste windet sich hinauf in die Berge Anatoliens, hin zu einem kleinen Dorf. Wer ihr folgt, überschreitet eine unsichtbare Grenze. Dahinter steht die Zeit still, blühen Tradition und Aberglaube. Gleichzeitig herrscht eine stille Verzweiflung in dieser vom Fortschritt abgekoppelten Welt.

Die jungen Menschen ziehen weg und kommen nicht wieder. In der Stadt erhoffen sie sich eine Perspektive, die ihnen das Landleben längst nicht mehr bietet. Viele der Dorfbewohner erschufteten ihren Unterhalt in einer inzwischen eingestürzten Mine, noch immer wagen sich einige in die Schächte, um unter Lebensgefahr Kohle zu schürfen, die kaum mehr zum Heizen taugt.

Reyhan (Cemre Ebüzziya), Nurhan (Ece Yüksel) und Havva (Helin Kandemir), die Protagonistinnen in Emin Alpers „Eine Geschichte von drei Schwestern“, sind hingegen zurückgekehrt, wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie wurden nach der türkischen Tradition „Besleme“ in die Stadt zu einer finanziell besser gestellten Familie geschickt, um sich als Dienstmagd um die Kinder zu kümmern. Durch Schicksalswendungen und eigenes Verschulden muss eine nach der anderen zurück ins Dorf. Sehr zum Ärger ihres Vaters (Müfit Kayacan), der zwischen der Zuneigung zu seinen Töchtern und der Sorge um ihr Fortkommen hin- und hergerissen ist.

Frauen als Familienmitglieder zweiter Klasse

Regisseur Emin Alper ist in Anatolien großgeworden. „Als ich aufwuchs, war ich umgeben von Frauen wie ihnen“, erklärt der 45-Jährige, der heute in Istanbul lebt. „Ihr Schicksal hat mich schon lange beschäftigt.“ Sie seien Familienmitglieder zweiter Klasse, ohne dieselben Privilegien, weder dort noch im Heimatdorf. „Sie leben immer in einem Schwebezustand, bis sie heiraten und ein neues Leben beginnen.“

2019 lief „Eine Geschichte von drei Schwestern" im Berlinale-Wettbewerb, Beim Gespräch damals erinnert sich Alper an seine Zeit in Anatolien, manchmal huscht dabei der Hauch eines Lächelns über sein Gesicht. „Ich vermisse viel, besonders die Landschaft, aber auch, mit den Menschen dort zu sprechen“, sagt er. Gleichzeitig empfinde er eine Wut auf sie, besonders auf die Konservativen. „Sie sind schließlich auch verantwortlich für das, was wir heute in der Türkei erleben.“

Emin Alper ist einer der wichtigsten politischen Filmemacher der Türkei.
Emin Alper ist einer der wichtigsten politischen Filmemacher der Türkei.Foto: Mehmet Kacmaz

Mit „Beyond The Hill“ und „Abluka – Jeder misstraut jedem“, der in Venedig 2015 mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, hat sich Alper als politischer Regisseur etabliert. Beide Filme sezieren, wie Paranoia zwischenmenschliche Beziehungen zerfrisst. So spiegelt Alper auch den Zustand eines türkischen Staates, der zunehmend von autoritären Strukturen durchdrungen wird.

Politische Geschichte mit weiblichen Figuren erzählen

Mit seinem dritten Film hat sich der Regisseur für einen anderen künstlerischen Weg entschieden: „Ich wollte mir eine neue Herausforderung suchen, eine mehr auf Personen bezogene Geschichte erzählen und mich vor allem auf weibliche Figuren konzentrieren.“

Reyhan, die älteste der drei Schwestern, muss ihre Anstellung in der Stadt aufgrund einer Schwangerschaft aufgeben. Nun lebt sie mit dem Baby und dem einfältigen Hirten Veysel (Kayhan Açikgöz), dem sie zur Frau gegeben wurde, um einen Skandal zu vermeiden, im kleinen Haus ihres Vaters. Ständig muss sie sich zwischen den Männern behaupten: einerseits die nächtlichen Avancen ihres Ehemanns zurückweisen, andererseits dem Vater seine Grenzen als Patriarchen alter Schule aufzeigen.

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Der Regisseur erzählt die verästelten Geschichten als Märchen. Die geistig beeinträchtigte Hatice (Basak Kivilcim Ertanoglu) bewegt sich am liebsten mit Purzelbäumen fort; sie kratzt den Pilzbelag von den Mauersteinen und verschlingt ihn, als wären es Rauschmittel. Veysel pinkelt versehentlich auf ein Grab und spürt sogleich Unheil nahen: Der Wind frischt auf, das Lagerfeuer flackert, und die Nacht um ihn beginnt zu raunen.

Keine Produktionsgelder aus der Türkei

Dass Alper eine derart unpolitische Geschichte erzählt, überrascht. „Kunst – und Filme im Besonderen – können nicht sofort darauf reagieren, wenn sich politische Bedingungen verändern“, erklärt er. Die Idee sei schon während der Arbeit an „Abluka“ in ihm gereift. Der Regisseur versteht, dass das Publikum im Ausland darauf warte, dass türkische Künstler die Situation im Land kritisieren. „Aber es sollte diese Reaktion nicht von den Filmemachern erwarten.“

Niemand bringe derzeit den Mut auf, einen oppositionellen Film zu finanzieren. Nicht mal für „Eine Geschichte von drei Schwestern“ habe er Geld aus staatlichen Quellen bekommen, ein Privatier sprang ein; letztlich ist der Film eine europäische Ko-Produktion. „Aber auf Dauer geht es nicht ohne öffentliche Förderung. Wenn man einen Film in der Türkei mit türkischen Figuren drehen will, braucht man Geld aus der Türkei“, sagt Alper. Das sei ein Muss, auch für europäische Geldgeber, denn die stellten nie das komplette Budget.

So sehr dem Film die tagespolitische Brisanz fehlen mag, ist er doch Zeugnis von Alpers Fähigkeiten. Der Regisseur, der auch seine Drehbücher verfasst, verleiht der Geschichte Binnenspannung durch feine Symmetrien: Details werden früh gesetzt und später wieder aufgegriffen. Man bekommt ein Gefühl für das Dorf und seine Bewohner.

Gleichzeitig entfaltet „Eine Geschichte von drei Schwestern“ eine visuelle Wucht: Alper und sein Kameramann Emre Erkmen finden berückend schöne, in warmen Braun- und Ockertönen gehaltene Bilder. Die Berge werden selbst zu Protagonisten, mit unerschütterlichem Gleichmut stehen die Bergschultern dem Schicksal der Menschen gegenüber. Die eindrucksvollsten Aufnahmen jedoch gelingen ihnen in der Nacht, wenn nur der Feuerschein die Landschaft beleuchtet. Dieser „Chiaroscuro-Effekt“ erweckt die Schatten zum Leben.

Alper will sein Land vorerst nicht verlassen

Alpers nächster Film soll wieder politischer werden. Es geht um das Verhältnis eines Bürgermeisters zum Staatsanwalt einer Provinzstadt. Das Drehbuch ist längst geschrieben, die Suche nach Geldgebern gestaltet sich wie immer schwierig. Zwischendurch hat er für den Sender FX die Krimiserie „Alef“ gedreht.

Alper hat wenig Hoffnung für kritische Filmemacher in der Türkei. Ihnen bleibe eigentlich nur die Emigration. Ein Schritt, den Alper noch nicht zu gehen bereit ist. „Bislang versuchen wir noch auszuharren. Doch wenn es schlimmer wird, könnte es unausweichlich werden.“ Er wäre nicht der erste türkische Künstler. Eine Entwicklung, die alles andere als märchenhaft ist.
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