„Der rote Schal“ von Yves Bonnefoy : Alles Sein ist nur ein Bündnis

Zwischen Ereignis und Reflexion: Der französische Dichter Yves Bonnefoy und sein nachgelassener Erzählband „Der rote Schal“.

Gisela Trahms
Der französische Lyriker und Autor Yves Bonnefoy, 1923-2016.
Der französische Lyriker und Autor Yves Bonnefoy, 1923-2016.Foto: Ulises Ruiz Basurto/dpa/picture-alliance

Äußerlich gelassen, doch voller Fragen und Zweifel öffnet der Dichter Yves Bonnefoy eine Mappe mit dem Manuskript eines Gedichts, das trotz immer neuer Versuche, es fortzuschreiben, seit 50 Jahren unvollendet blieb. Es trägt den Titel „Der rote Schal“ und besteht aus mehreren Fragmenten, die die schreibende Hand ohne Zögern wie ein Diktat des Unbewussten niederschrieb. Alle schildern Begegnungen, alle brechen unvermittelt ab, und ihr Schöpfer weiß weder, worauf sie sich beziehen, noch, wie sie enden sollen. Dennoch glaubt er, dass sie stimmig sind und wahr sprechen. Erst als er eine ebenfalls abgedruckte Erzählung kommentiert, öffnen sich die Texte und geben ihre Rätsel Schritt für Schritt preis. In der Bewegung zwischen Verborgenem und Entdecktem, Ereignis und Reflexion, Spannung und stillen Tableaus entsteht ein neues, außergewöhnliches Buch.

„Dieser Mann, alt schon“, der Protagonist der Fragmente, ist der Dichter selbst, zum Zeitpunkt der Niederschrift 41 Jahre alt und gerade dabei, sein Leben neu zu ordnen, indem er Briefe und andere Überbleibsel der Jugend aussortiert. Er entdeckt einen leeren Umschlag mit einer Adresse in Toulouse und erinnert sich an einen Mann, für den er „zugleich Faszination und Feindseligkeit“ empfand und der, „ausgebreitet von einer Schulter zur anderen, einen roten Schal“ trug. Geheimnis über Geheimnis, fremd wie in Träumen. Ihre Entschlüsselung führt in die Landschaften der Kindheit und damit zur Geschichte der Eltern, die aus dem Hinterland des Aveyron stammen. Ihre Muttersprache ist die Langue d’oc, das Okzitanische, das sie jedoch in der Kommunikation mit dem Kind vermeiden, um es nicht zu behindern bei seinem erhofften „französischen“ Aufstieg.

Mutter und Vater, Eltern und Kind, Land und Stadt, das grüne, üppige Dorf Ambeyrac der Mutter, die kargen Hochebenen der väterlichen Causse – lauter Dualismen als Einflussquellen. Von fern erinnern sie an die beiden „côtés“ von Guermantes und Méséglise im Roman aller Romane. Und wie bei Proust durchdringen sich in Bonnefoys Schilderungen Narration und Analyse, mit dem Ziel, das Wachsen und die Substanz der individuellen Sprache zu verstehen.

Den Schleier heben, welcher der Begriff ist

Der Fremde in Toulouse erweist sich als Inkarnation des Vaters, dessen Schwermut und Verschlossenheit das Kind bedrücken. Die Mutter dagegen spricht, sie wendet sich dem Kind und seiner Zukunft zu. Noch bevor es in die Schule kommt, bringt sie ihm das Lesen bei, und zwar nicht aus Ehrgeiz, sondern um die Eroberung der Schrift zu einem gemeinsamen Glück zu machen.

Geduldig sitzen die beiden am Tisch und arbeiten sich durch die Buchstaben, die Wörter, die Bilder der Fibel. „Indem sie mir die große Macht von ein paar einfachen Wörtern zeigte, erreichte es meine Mutter, dass ich in meiner künftigen Existenz diesen kindlichen Blick nicht aufgab, der ihr soeben geholfen hatte, wieder Fuß zu fassen in ihrer eigenen.“ Eine Brücke wird begangen von zwei Seiten her, und der rote Schal wandert von der Mutter zum Kind und zurück, „denn Sein ist immer nur ein Bündnis“.

Für den jungen Yves besteht die Poesie zunächst darin, eine Gegenwelt zu imaginieren, die den Alltag samt seiner beschränkten Redeweise „übersteigt“. Von diesem Weg der Ausschmückung und des Fantastischen, den der Surrealismus einschlug, wendet er sich bald wieder ab. Stattdessen fordert er nun, „in der Tiefe der Wörter auf die Wirklichkeit zuzugehen, wie sie ist, und dabei jenen Schleier zu heben, welcher der Begriff ist“.

Eine sanfte, an die Sinne gebundene Hermeneutik

Begriffe klassifizieren und engen ein, als Gegengefahr zur Scylla der unverbindlichen Fantasien droht die Charybdis der trockenen Sprache der Wissenschaft. Das gelingende Gedicht hingegen schaut auf die Realität mit einem Blick, der direkt und empathisch erfasst, was ist, ohne es zu zersplittern. Jeder, der zu ergründen versucht, wie er sich und die anderen wahrnimmt, muss über Sprache nachdenken, und auch das kann, wie hier gezeigt, zu einem Glück werden.

Yves Bonnefoy, der 2016 im Alter von 93 Jahren starb, wird in Frankreich als großer Dichter verehrt. In diesem letzten, noch von ihm selbst zusammengestellten Buch, legt er noch einmal die Flügelschuhe an, um sich und dem Leser die Poesie, aber auch die Ängste der Kindheit zu vergegenwärtigen. In der angefügten Erzählung „Zwei Szenen“ vermittelt er anhand eines Traums die Diskrepanz von Sehen und Deuten. Das Deuten und Schreiben geschieht immer „danach“, und sei der zeitliche Abstand noch so winzig. „Schreiben ist paradox, tatsächlich … Die Arbeit des Schreibens kann niemals etwas mit den Händen packen, was dann nur noch eine Beute wäre.“

Nein, keine Beute, eher eine sanfte, an die Sinne gebundene Hermeneutik, ein Gang durch die frühen Jahre. Schreiben hält die Erinnerung an die Einheit von Ich und Sprache wach, an den Fluss, an das Morgenlicht. Von der letzten Seite her wirken die fragmentarischen Gedichte leicht. Wer sie ein zweites Mal liest, erkennt in ihnen die Farben eines langen Lebens.

Yves Bonnefoy: Der rote Schal. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser, München 2018. 224 S., 24 €.

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