Kultur : Der Seife eine Aura

Moralist und Lichtbild-Maler: Das New Yorker MoMA feiert Jeff Wall

Nicola Kuhn

Auf diese Idee muss man erst einmal kommen: einen der am häufigsten reproduzierten japanischen Holzdrucke des 19. Jahrhunderts, Hokusais berühmte „Welle“ nachzustellen, in einer Fotografie, als modernes Szenario zu Lande. Nicht das Element Wasser bestimmt hier die Dynamik, sondern die Luft, die einen Stoß Papiere in die Höhe wirbelt und einer der drei im Bild dargestellten Personen den Hut vom Kopf weht. Eine kongeniale Nachschöpfung, ein Meisterwerk im Medium der modernen Reproduktion. Trotzdem konnte der Künstler nicht davon lassen, den Ursprung seiner Inspiration dem ohnehin vom Flug der Blätter, der atemberaubenden Kombination aus platter Landschaft und steil hoch jagender Bewegung faszinierten Betrachter zu nennen. „Plötzlicher Windstoß (nach Hokusai)“ lautet der Titel des 1993 entstandenen Werks von Jeff Wall, nun seinerseits eines der bekanntesten Bilder des kanadischen Fotokünstlers.

Das New Yorker Museum of Modern Art widmet dem Kinematografen, wie er sich lieber nennt, eine umfassende Retrospektive – über vierzig Bilder verteilt auf zehn Säle. Das amerikanische Pantheon der modernen Kunst zelebriert diesen Magier des Lichtbilds wie zwei Jahre zuvor die Londoner Tate Gallery und das Basler Schaulager. Der 61-Jährige ist ein global player, begehrt in den Museen der Welt und teuer bezahlt von den Privatsammlern auf den internationalen Auktionen, spontan erfassbar für jeden Ausstellungsflaneur und zugleich unterfüttert mit kunsthistorischen Details für den anspruchsvollen Connaisseur. Walls Kunst speist sich aus allen Quellen zugleich: Er selbst ist Kunsthistoriker, lehrte sogar eine Weile an der Universität von Vancouver, bis seine Karriere als Fotokünstler Schwung bekam; er ist von Haus aus Maler, ließ aber enttäuscht davon ab, als Minimal- und Konzeptkunst in den Siebzigern in eine Sackgasse geriet; er wäre gern Filmemacher geworden, rutschte aber in die Fotografie hinein, als er stattdessen die Filmstudios für seine Settings nutzen konnte.

Wall ist also der interessante Fall, in dem sich Konzeptkunst (Farbfotografie war die Antwort auf die formalistisch gewordene Minimal-Art), klassische Malerei (statt Leinwand benutzt der Künstler den Leuchtkasten, statt Pinsel und Farbe die Effekte des Lichtbilds) und Film (die Sujets sind narrativ wie das Kino) kreuzen. Und doch wäre dem Kanadier – und mit ihm den anderen großen Fotokünstlern seines Landes wie Rodney Graham, Janet Cardiff & Georges Bures, Stan Douglas – kaum so viel Erfolg beschieden, hätten seine Werke nicht jene rhetorische Qualität, die den Ausstellungsbesucher nicht nur minuten-, sondern viertelstundenweise in die Betrachtung versinken lassen. In die merkwürdige Szenerie des auf einem Bürgersteig hockenden Jungen (1984), dem in einem weißen Schwall gerade eine Milchtüte zerplatzt, mischt sich der ganze Verdruss des Alltags, die Unbill der geordneten Zivilisation. Berühmtheit hat sein vier Meter breites Monumentalbild „Tote Soldaten sprechen“ (1992) erlangt, in dem die Toten erwachen und sich gegenseitig ihre zerfetzten Innereien hinhalten – ein makabres Antikriegsdenkmal, das den Untertitel „Vision nach einem Angriff aus dem Hinterhalt auf eine Patrouille der Roten Armee, bei Moqor, Afghanistan, Winter 1986“ trägt.

Jeff Wall ist kritischer Beobachter, Moralist, aber an erster Stelle Ästhet. Nach seinen grandiosen Umsetzungen der alten Meister – Hokusais „Welle“ auf dem flachen Land oder Monets „Frühstück im Grünen“ auf einen Flecken unter der Autobahn – bleiben am stärksten seine Stillleben in der Erinnerung haften. Altmeisterlich komponiert er die sich aus Tisch, Wand und Boden bildenden Linien und platziert in dieses Kraftfeld auratisch ein banales Stück Seife, eine hingeworfene Hand voll Bohnen oder einen feuchtrot glänzenden Tintenfisch. Zweifellos, Wall wäre am liebsten Maler geworden.

Museum of Modern Art, New York, bis 14. Mai. Infos: www.moma.org

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