Kultur : Der Wind pfeift ein neues Lied

Hamburg bekommt für 241 Millionen Euro in der Speicherstadt seine Elbphilharmonie

Kia Vahland

Die Hamburger Bürgerschaft hat einstimmig entschieden: Hamburg bekommt seine insgesamt 241,3 Millionen Euro teure Elbphilharmonie. Ohne zu murren zahlt die Stadt ihren Anteil von 114,3 Millionen Euro. Sogar die SPD-Fraktion votierte einhellig für die Erhöhung von über 37 Millionen Euro. Vor kurzem wollte der gerade zurückgetretene Chef der Hamburger SPD, Mathias Petersen, noch Steuergelder aus dem Bau abziehen, aber das war vor dem Skandal um gestohlene Stimmzettel einer Mitgliederbefragung. Jetzt will niemand mehr Spielverderber sein: Zu groß sind die Hoffnungen auf ein kulturelles Wahrzeichen, das Reeperbahn und Musicaltheatern ihren Rang als Touristenattraktion streitig machen könnte.

Nun also bauen nach einer zweieinhalbjährigen Planungsphase die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron ab April im Sandtorhafen die Konzertsäle mit angegliedertem Fünfsterne-Hotel, Luxuswohnungen und Räumen für Musikpädagogik. Eine riesige Rolltreppe soll durch den alten Kaispeicher A zu einer Aussichtsplattform auf dem jetzigen Dach führen. Dort erhebt sich dann der wellenförmige Glaspalast.

Nur wenige Hamburger kannten bis vor kurzem diesen Teil des Hafens, obwohl er in Sichtweite des Michel und der Landungsbrücken liegt. Bis zum Krieg begrüßte hier der Turm des Kaiserspeichers die ankommenden Schiffe. In den sechziger Jahren wurde die Kriegsruine abgerissen und ein dunkler Backsteinbau hochgezogen, der bunkerähnliche Kaispeicher A. Das bürgerliche Hamburg pflegte derweil an der Alster seine Seglerromantik . Der Hafen war nur zum Geldverdienen da.

Das wird nun anders. Hinter der Elbphilharmonie entsteht mit der HafenCity das wohl ehrgeizigste städtebauliche Vorhaben Europas. Noch wirkt die Gegend leblos, der Wind pfeift durch die Häuserfluchten,kaum jemand flaniert über die gestalterisch einfallslosen Magellanterrassen. Von vornherein sollte die Elbphilharmonie der drohenden Ödnis allzu nützlicher Investoren-Architektur entgegenwirken. Nicht die Stadt kam auf die Idee, sondern ein Privatmann, der Architekt und Investor Alexander Gérard. Vor fünf Jahren noch sperrte sich die damalige Kultursenatorin Dana Horáková dagegen, den Kaispeicher umzuwidmen. Doch die Pläne von Herzog & de Meuron machten die Runde. 2005 lag eine Machbarkeitsstudie vor, sofort gingen bei der neu gegründeten Stiftung Elbphilharmonie höhere zweistellige Millionenspenden ein: Das hanseatische Großbürgertum entdeckte den Hafen als Kulturraum.

Wie es mit der alten Musikhalle weitergeht, wenn ab 2010 der Neubau unter Leitung von Christoph Lieben-Seutter bespielt wird, muss sich zeigen. Erfolgreich wird die Elbphilharmonie erst, wenn sie ein größeres Publikum anlockt als den Besucherkreis der historischen Laeiszhalle. Schon werden Spenden für den laufenden Betrieb gesammelt, dennoch wird es auch hier nicht ohne Steuergelder gehen. Noch heißt es, der Kulturetat werde deshalb nicht gekürzt. Das wäre auch nicht zu verkraften. Sonst sind die Reeperbahn und Musicalhäuser bald die größten kulturellen Highlights jenseits der HafenCity.

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