Kultur : Der Wüsten-Louvre

Ein Milliardengeschäft, gut geölt: Wie sich die Arabischen Emirate zum Weltkulturzentrum aufschwingen

Bernhard Schulz

Dubai hat sich einen Namen als Stop-over für Flüge nach Asien gemacht und setzt nun auf zahlungskräftige Touristen, die allein dieses Ziel ansteuern. Spektakuläre Hotelbauten sind das Markenzeichen. Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (V.A.R.), greift gleich ganz nach den Sternen des Globaltourismus: dem Kulturangebot. Was in den kommenden Jahren auf der Saadiyat-Insel unmittelbar vor der Küste entstehen soll, ist ein Märchenland der Künste, wie es in der Welt nicht seinesgleichen hat.

Kürzlich gab Scheich Mohammed bin Zayed al-Nahyan, der Kronprinz des Emirats, namens „Seiner Hoheit Scheich Khalifa bin Zayed al-Nahyan“ Planungen bekannt, die nicht nur – so die Ansage – „Abu Dhabis Position als Zielort von internationaler Bedeutung“ stärken, sondern überhaupt die Kulturwelt nachhaltig verändern dürften.

In Dubai soll nun Michael Schindhelm als „Kulturdirektor“ für mehrere Milliarden Dollar eine Kunsthalle und ein Opernzentrum aufbauen. Schindhelm, in und an Berlin als Direktor der Opernstiftung gescheitert, soll europäische Spitzenkultur in die Emirate holen. „Dubai“, sagte Schindhelm dem „Spiegel“, ist –anders als Berlin – „reich und trotzdem sexy“.

Die Emirate setzen auf Kultur und Tourismus, für die Zeit nach dem Öl. Dass die „New York Times“ ihre Kunst- und Freizeitbeilage mit einem mehrseitigen Bericht zu Abu Dhabi aufmachte, kann nicht verwundern, ist es doch wieder einmal das Guggenheim-Museum, das den Motor des Vorhabens abgibt. Frank Gehry, der mit seinem Eine-Milliarde-Dollar-Neubauprojekt für Guggenheim im südlichen Manhattan nicht zum Zuge kam, soll auf der Spitze des Eilandes eine arabische Guggenheim-Filiale errichten.

Doch dies ist nur einer von fünf Großbauten. In gemessenem Abstand wird Frankreichs Top-Architekt und -Designer Jean Nouvel ein „Klassisches Museum“ entwerfen, dann gibt es ein Zentrum der Darstellenden Künste von Zaha Hadid und schließlich ein Meeresmuseum von Japans Minimalisten Tadao Ando. Lediglich für das fünfte Gebäude, das Nationalmuseum, wird ein Architekt noch gesucht. Man darf vermuten, dass die Herrscher des Emirates um eine gewisse Balance bemüht sind, um ihr ebenso kleines wie ökonomisch potentes Reich nicht gänzlich als Ableger des Westens erscheinen zu lassen.

Wie eine Kopie des guten alten Venedig wirkt das Biennale-Gelände, das gleichfalls auf der Insel entstehen soll: 19 Pavillons, nicht nach Nationen sortiert, sondern von Architekten aus aller Welt – darunter Russland, China und Korea – gestaltet und erreichbar über einen anderthalb Kilometer langen schiffbaren Kanal.

Die offizielle Erklärung des Emirats über das gigantische Gesamtvorhaben spricht von einem „globalen kulturellen Knotenpunkt (hub)“. Auftraggeber ist Abu Dhabis Tourismus-Entwicklungs- und - Investitionsgesellschaft TDIC. Superlativ folgt auf Superlativ. So wird Zaha Hadids Performing Arts Center unter seinem bis auf 62 Meter Höhe reichenden Dach fünf Veranstaltungssäle beherbergen – mit einer Gesamtsitzzahl von 6300. Zu Zeiten, da die Berliner Philharmoniker schon einmal in Naples, Florida, gastieren, weil eine besonders wohlhabende Rentnerkolonie sich dort eine eigene Konzerthalle leistet – und teure Gastspiele bezahlt, statt geschlossen nach New York zu fliegen –, sollte sich Abu Dhabi leicht in den Terminkalender entsprechender Jet-Set-Orchester einbauen lassen.

Das ist der eigentliche Kern der Umwälzung, die dem internationalen Kulturbetrieb bevorsteht. Das Geld, noch aus den mehr denn je begehrten Ölquellen sprudelnd, macht alle Kultur käuflich. Schon gab Henri Loyrette, Direktor des Louvre, eine langfristige Kooperation mit Abu Dhabi bekannt, die dem Pariser Stammhaus für Beratertätigkeit und hochkarätige Langfristleihgaben an einen „Wüstenlouvre“ mindestens eine halbe Milliarde Euro einbringen soll, je nach Umfang der Zusammenarbeit leicht auch das Doppelte. Bezahlt wird natürlich auch für den Namen: der ideelle Wert, in Firmenbilanzen übrigens unter den Aktiva ausweisbar, kann kaum überschätzt werden, wenn zahlungskräftige Touristen einen Fünf-Sterne-Aufenthalt unter der Sonne des Persischen Golfs mit einem Besuch im Quasi-Louvre zu einem prestigeträchtigen Urlaubsvergnügen verbinden wollen.

Die Lizenzgebühr für den Louvre war bislang die einzige Zahl, die überhaupt nach außen drang. Bau- oder gar Einrichtungs- und Betriebskosten gab das Emirat nicht bekannt. Warum auch: Mit Öl lässt sich alles finanzieren. Bemerkenswert ist die "Guggenheimisierung" des Kulturbetriebs: Fertige Konzepte werden übernommen, ins Gigantische vergrößert und gezielt der Gewinnung von Tourismuseinnahmen untergeordnet. Der Bilbao-Effekt, den Guggenheim mit seinem Ableger in der zuvor deprimiert daniederliegenden nordspanischen Ex-Industriestadt erzielte, dient als Vorbild.

Nicht so recht von der Weltkulturöffentlichkeit wahrgenommen, haben reputierliche Institutionen wie die St.Petersburger Eremitage oder das Kunsthistorische Museum Wien längst Zweigstellen als Appetizer eröffnet oder schicken fertige Ausstellungen unter ihrem bewährten Markennamen auf Tournee. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, beklagte in Reaktion auf die Emirats-Pläne die Gefahr, dass der herkömmliche, auf Kollegialität gegründete und auf wissenschaftlichen Ertrag zielende Austausch der Museen Schaden nehmen könnte, wenn hochkarätige Leihgaben künftig nur mehr als Geldbringer eingesetzt würden.

Da ist natürlich ein wenig gespielte Naivität dabei – denn so hehr, wie Lehmann sein Leitbild der allein der Wissenschaft verpflichteten Museumswelt ausmalt, ist diese seit langem nicht mehr. Es wird mit harten Bandagen verhandelt, und was Konservatoren gegen Ausleihen vorbringen, wird oft genug aus ausstellungsstrategischen Gründen beiseite gewischt. War nicht jüngst in Hamburgs Caspar-David-Friedrich-Ausstellung das zuvor stets als unausleihbar bezeichnete, großartige Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ von 1818 aus der schweizerischen Sammlung Reinhart zu Winterthur zu sehen? Was immer die Gründe gewesen sein mögen, die diese Ausleihe ermöglicht haben – sie mag als ein Beispiel dienen, wie dehnbar scheinbar unverrückbare Grundsätze sein können. Auch der Louvre wird sich den Begehren aus Abu Dhabi kaum widersetzen können, wird er nur an die Milliardensumme erinnert, die ihm aus der Kooperation zufließt.

Die deutschen Museen verfügen über keinen vergleichbaren Markennamen, wie dies für den Louvre, den Prado, das Guggenheim oder das MoMA zutrifft und vielleicht noch für eine Handvoll weiterer Institute. Die Übernahme kompletter Sammlungskonzentrate gegen Zahlung millionenschwerer Leihgebühren, wie sie der Verein der Freunde der Nationalgalerie vor zwei Jahren mit „MoMA in Berlin“ vorexerziert hat und in diesem Jahr mit einer Auswahl aus dem New Yorker Metropolitan Museum wiederholen will, weist in eine Richtung, die aus der Warte der Kunstwissenschaft nicht eben glücklich stimmt. Den Berliner Museen, und nicht nur ihnen, bleibt nur ein Weg: die entschiedene Stärkung ihrer wissenschaftlichen Kompetenz, die sie unverzichtbar macht im internationalen Wettstreit um – neudeutsch – „Exzellenz“.

Von Berlin nach

Dubai:

Michael Schindhelm , früherer Direktor der Opernstiftung, soll

im Golfstaat ein

milliardenschweres Kulturzentrum

aufbauen.

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