Detroit : Ein Künstler baut sein Lebenswerk ab - aus Protest

Tyree Gyuton verwandelte einst eine Straße in Detroit in ein Kunstwerk. Nun zerstört er es aufgrund der Gentrifizierung der Stadt.

Ein Haus als Performance. In der Heidelberg Street geht es lebhaft zu. Jetzt verschwinden die bunten Elemente wieder.
Ein Haus als Performance. In der Heidelberg Street geht es lebhaft zu. Jetzt verschwinden die bunten Elemente wieder.Foto: Rebecca Cook/Reuters

Dreiunddreißig Jahre lang musste Tyree Guyton seine Kunst verteidigen, gegen Skeptiker, Abrissbirnen, Brandstifter. Immer wieder stand sein „Heidelberg Project“ kurz vor dem Aus, immer wieder kämpfte Guyton um dessen Fortbestehen. Nun setzt er seinem Lebenswerk selbst ein Ende.

Sein Lebenswerk, das ist die Verwandlung der Heidelberg Street in Detroit, der Straße, in der er aufwuchs, in eine Open-Air-Installation. Begonnen hatte es 1986 mit einer Vision. „Ich hatte eine Erleuchtung, war überwältigt von der Idee, sie klang nach Beethovens Fünfter Symphonie in meinem Kopf“, erinnert er sich. Guyton klingt beinahe pastoral, er nennt seine Arbeit eine Offenbarung, nichts weniger.

Wenn Tyree Guyton von seiner Kindheit im Detroiter McDougall-Hunt-Viertel erzählt, schwingt Nostalgie mit. Wunderbar sei die Nachbarschaft gewesen, sehr multikulturell. Deutsche, Juden, Schwarze, Weiße, sie alle lebten hier friedlich Haus an Haus. Als er 1986 nach dem Militärdienst zurückkehrte, erinnerte nur noch wenig an diese Idylle.

Ein post-apokalyptisches Wunderland in der Tristesse

Detroit, die einst wohlhabende Autostadt, war zum Friedhof der amerikanischen Industrie verkommen, die Bevölkerung fast um die Hälfte geschrumpft. Von den vielen Prachtbauten blieben nur Ruinen übrig – eine Stadt im freiem Zerfall. Das Viertel um die Heidelberg Street war ein Problembezirk inmitten der sterbenden Metropole geworden, geprägt von Armut, Gewalt und Drogenhandel. „Es war schlimm, meine Heimat in diesem Zustand zu sehen“, erinnert er sich. „Also fragte ich mich, was ich als Einzelner dagegen unternehmen kann.“

Guyton besorgte sich Farbeimer und fing zusammen mit seinem Opa Sam an, die leerstehenden Häuser der zwei Straßenblocks um die Heidelberg Street in Kunstwerke zu verwandeln. Daneben errichtete er Installationen aus kaputtem Spielzeug und Schrottteilen, ließ alte Sneakers von den Bäumen baumeln und pflasterte den Asphalt mit bunten Punkten. Guyton wollte den Ruin seiner Heimat nicht überschminken, er wollte ihn unübersehbar machen. So schuf er ein post-apokalyptisches Wunderland inmitten eines grauen Molochs.

Die Leute verstanden das Werk anfangs nicht

„Die Kunst war meine Medizin für eine kranke Stadt“, sagt er, „und sie hat gewirkt.“ Zwar stieß er anfangs auf Intoleranz und Feindseligkeit; die Anwohner hatten wenig Verständnis für das kreative Unterfangen. „Sie verstanden die Idee dahinter nicht. Ich musste ihnen erst die Schönheit der Kunst vermitteln“, resümiert Guyton heute.

Auch die Stadtverwaltung lehnte das Projekt ab, stand es doch der geplanten Grundsanierung im Wege. 1989 gab sie die Vernichtung von Guytons „Baby Dollhouse“ in Auftrag, wegen Sicherheitsrisiken. Zwei Jahre später rückten erneut die Bulldozer an, um weitere Häuser des Heidelberg Project einzuebnen. Guyton nahm es als Beweis dafür, wie ernst seine Kunst genommen wurde. Trotzdem steht das Heidelberg Project immer noch – ja, es ist aus Detroit nicht mehr wegzudenken. Über 300 000 Besucher aus aller Welt zieht es jährlich an, Topmodels wie Kate Moss ließen sich hier für Hochglanzmagazine fotografieren. Dennoch gab es allein 2013 und 2014 zwölf Brandanschläge, viele Häuser wurden beschädigt. Aber die Rückschläge nahm Guyton in Kauf: „Die meisten Leute lieben meine Kunst heute, sie sind dankbar für die Veränderung und Aufwertung des Viertels“. Man könnte glauben, Guyton sei endlich am Ziel.

Detroit erlebt einen ähnlichen Wandel wie Berlin

„Die Stadt akzeptiert uns, weil wir eine Touristenattraktion geworden sind. Aber wollen wir das sein? Tyree will relevant sein und mit der Kunst der Gemeinschaft dienen“, sagt Guytons Ehefrau Jenenne Whitfield, die mittlerweile die Leitung des Projekts übernommen hat. Guyton und Whitfield arbeiten nun an Heidelberg 3.0., einer Kunstplattform für viele. Ein ganzes Künstlerdorf soll entstehen.

Guyton, der heute 63 ist, will noch einmal die Wucht spüren, die ihn 1986 traf. Dafür tut er nun das, was Bulldozern und Brandstiftern nicht gelang. Er lässt seine Kunst in der jetzigen Form verschwinden. Eine Art schöpferische Zerstörung: Nach und nach baut er die Installationen ab, nennt es ein „Kunstwerk mit umgekehrtem Vorzeichen“. Wo Touristen Selfies vor den bunten Installationen machen, sollen künftig Freiräume entstehen. Denn Detroit ist nicht mehr dieselbe Stadt wie vor 33 Jahren, die oft mit dem Berlin der 90er Jahre verglichen wurde, als Stadt der Möglichkeiten und der billigen Mieten, als Eldorado für die Kreativwirtschaft. Wie in Berlin bringt der aktuelle Aufschwung in Detroit auch Konflikte mit sich, vor allem um Wohnraum und Privateigentum. Guyton will nicht, dass sein Lebenswerk irgendwann von Luxuswohnungen umzingelt ist. Auch er selbst musste wegen steigender Mietpreise sein Büro im Zentrum aufgeben, das Gebäude beherbergt nun eine hippe Bar.

Teile des Projekts sind in verschiedenen Museen zu sehen

„Kunst braucht Platz und Sicherheit“, sagt Jenenne Whitfield. „Detroit war immer eine Stadt der Innovation. Deshalb erfindet Tyree das Heidelberg Project neu, verändert seine Struktur und seinen Zweck.“ Guyton spricht gerne von einem Fahrstuhl, der auf dem Weg nach unten in jedem Stockwerk hält. So lässt er sein Lebenswerk Stück für Stück schrumpfen. Eine Deadline hat er sich nicht gesetzt, es dauert eben so lange, wie es dauert.

Teile des Heidelberg Project sind inzwischen in Museen und auf Kunstmessen im In- und Ausland zu sehen. So widmete ihm das Museum für Zeitgenössische Kunst in Detroit eine Ausstellung, im Herbst soll das Projekt in einer Galerie in New York präsentiert werden.

Und wie genau wird „H3.0“ später einmal aussehen? „Es wäre zwecklos, das im Detail zu erklären, man muss es sehen, um es zu verstehen,“ sagt Guyton. Weitere Nachfragen nach konkreten Plänen sind zwecklos. Guyton lacht nur und sagt: „Es ist gefährlich, einen konkreten Plan zu haben. Wie oft gehen Pläne schon auf? Ich folge meinem Instinkt.“

Tyree Guyton hat keinen Plan, er hat wieder eine Mission.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!