Deutsch-Skandinavische Orchesterwoche : Almabtrieb mit Alphörnern

Die Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie gibt ein alpines Konzert in der Berliner Philharmonie, zum Abschluss der 42. Deutsch-Skandinavischen Orchsterwoche.

Christopher Warmuth
"Der Klang der Berge" lautete das Motto der Deutsch-Skandinavischen Orchesterwoche. Die Alpen bei Oberstdorf.
"Der Klang der Berge" lautete das Motto der Deutsch-Skandinavischen Orchesterwoche. Die Alpen bei Oberstdorf.Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Es ist unerhört. Ein Musiker wankt mit Kuhglocke vor dem Philharmonie-Publikum herum. Er ist ein Getriebener, gejagt von Katrin Vogel, einem Mitglied des Ensembles „alphorn absolut berlin“. Was hier gerade stattfindet, ist ein Almabtrieb in Form einer Uraufführung für fünf Alphörner und Orchester, die Andreas Peer Kähler für diesen Abend erdacht hat: „Kein Alp, ein Traum...!“.

Die andere Hälfte der Deutsch-Skandinavischen Jugend-Philharmonie, als deren Leiter Kähler seit ihrer Gründung fungiert, sitzt auf dem Podium. Gemeinsam werden sie das Stück beenden, die Sitzenden und die Getriebenen. Die Orchesterwoche, deren 42. Ausgabe mit dem Alp-Konzert zu Ende geht, begann Anfang der Achtzigerjahre als Start-Up-Projekt, wie man heute sagen würde. Junge Musiker aus dem deutschen und dem skandinavischen Raum werden ausgewählt, um sich projektweise zu einem Orchester zu formieren. Sie optimieren ihre individuellen Spielfähigkeiten und treten anschließend in der Philharmonie auf. Exzellenzausbildung und Völkeraustausch sind eng verzahnt, dieses Jahr unter dem Motto „Der Klang der Berge“.

Eivind Grovens „Hjalar-Ljod“, eine Ouvertüre, in der schlichte und im Unisono angelegte Melodien aneinander geflickt werden, zeigt allerdings auch die Tücken des Abends: Das aus einer Uraufführung, zwei kurzen Werken und der gewaltigen „Alpensinfonie“ von Richard Strauss bestehende Programm bringt das Ensemble an seine Grenzen. Die Ausrufezeichen in den Kompositionen, meist voluminöse Klangmassen, gelingen auf beeindruckende Weise. Aber sobald es an präzise Übergänge, saubere Intonation oder detaillierte Interpretation geht, verliert sich der Charme des Orchesters. Auch bei Franz Berwalds „Erinnerung an die Norwegischen Alpen“ verschwimmen die Melodien, weil zu groß gedacht wird. Die Einzeltöne der riesig angelegten Bögen verwässern wie die Farben in einem Malkasten, die ja eigentlich voneinander getrennt bleiben sollten.

Das ist schade, denn bei der mit Witz gespickten Uraufführung von Kählers „Alptraum“-Werk kommen die Stärken der Musiker zum Vorschein; in der Unbeschwertheit der Alpenidyllvertonung stellen sie ihre Professionalität unter Beweis. Bei Strauss' „Alpensinfonie“ lässt das Bemühen um Perfektion umgekehrt jede Leichtigkeit vermissen. Die Binnendramaturgie bröckelt, die Intonation wackelt, die Balance fehlt. Die Deutsch-Skandinavische Orchesterwoche ist ein ambitioniertes, absolut notwendiges Projekt. Etwas mehr Realismus bei der Programmauswahl kann ihr nicht schaden.

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