Deutsches Theater : Kränze in Stanniol

Karneval und Pornopassion: Die Lange Nacht der neuen Stücke am Deutschen Theater.

Melodramatisch. Linda Pöppl in Björn SC Deigners „In Stanniolpapier“.
Melodramatisch. Linda Pöppl in Björn SC Deigners „In Stanniolpapier“.Foto: Arno Declair

Europa startet mit den besten Absichten, das muss man ihr lassen. Kaum hat sie den Stier getötet, dem sie die Verschleppung zu diesem unbekannten Kontinent verdankt, da erklärt sie das Blutvergießen für beendet. Schluss mit dem Recht des Stärkeren, keine Gewalt mehr, „und diese Geschichte hier wird nicht mit einer atomaren Auslöschung enden, das können wir uns gleich mal merken“. Hört, hört.

Ganz beseelt schraubt sich Europa in ein humanistisches Manifest, das die Messlatte für künftige Generationen hochhängt: „Ich werde einen Kontinent erschaffen, wo Mütter Kränze flechten mit ihren Kindern, wo sich Erde und Himmel umarmen, wo Platz ist für jeden.“ Gut, so viel Idealismus ist heute nicht mehr en vogue, aber im utopischen Raum des Theaters wird man ja wohl noch träumen dürfen. Wobei auch hier die Halbwertzeit der noblen Absichten kurz ist, denn schon bald marschieren allerlei Spielverderber auf, kleine Könige, Konquistadoren, Putzkolonnen, um das Wertegerüst der antiken Madame gründlich anzusägen.

„Europa flieht nach Europa“ heißt dieses Stück der österreichischen Autorin Miroslava Svolikova, der man ebenfalls die besten Absichten bei der Verfassung ihres „dramatischen Gedichts in mehreren Tableaux“ (so der Zusatz) unterstellen darf. In einem beschwingten Elfriede-Jelinek-Gedächtnis-Sound („ich bin Teil eines kleinen wir, und dieses wir ist so klein, da haben nur drei Buchstaben drin Platz“) mäandert Svolikova durch die Geschichte einer guten Idee mit Imageproblem. Karnevaleske Farce und politischer Bilderreigen will das Stück sein, und so bringt es Regisseur Franz-Xaver Mayr auch auf die Bühne. Die Szenenwechsel sind geschwind, das Ensemble agiert nach Kräften überzogen. Woran nur liegt es, dass man trotzdem unentwegt das Gefühl hat, hier sei eine triste Nachrichtenwirklichkeit in travestierter Form auf die Bühne gelangt?

Die Nacht ist der traditionelle Abschluss der Autorentheatertage

„Europa flieht nach Europa“ ist eines von drei Stücken, das für die „Lange Nacht der Autor*innen“ ausgewählt wurde – traditionell der Abschluss der Autorentheatertage am Deutschen Theater. Eine dreiköpfige Jury (Bernd Noack, Bettina Stucky, Saša Stanišic) hat sie unter 143 eingereichten Texten gefunden. Seit ein paar Jahren ist es Praxis, dass diese Siegerstücke nicht einfach nur in Werkstattinszenierungen zur weiteren Verwendung empfohlen werden, sondern in Kooperation zwischen Burgtheater Wien, Schauspielhaus Zürich und Deutschem Theater ihre Uraufführungen erleben und ins Repertoire der Häuser wandern. Das beweist Qualitätsvertrauen und hat sich mehrfach bewährt. Wie überhaupt die Lange Nacht eine verdiente Institution für den Dramatikernachwuchs ist. DT-Intendant Ulrich Khuon hat sie mit der Ruhe eines Hochseekapitäns auf Tranquilizern stoisch durch Zeiten navigiert, in denen allerorten sehr erregt die vermeintliche Überförderung junger Talente debattiert wurde.

Das muss man grundsätzlich mal festhalten, denn der aktuelle Jahrgang ist alles andere als eine Werbung für die Lange Nacht. Simone Kuchers Text „Eine Version der Geschichte“, der 2016 bereits in szenischer Lesung auf dem Stückemarkt des Theatertreffens vorgestellt wurde, wirkt wie aus dem Setzkasten „Ich baue mir ein preisgekröntes Drama“ zusammengepuzzelt. Alles drin, was Ergriffenheit verspricht: Ein gewichtiges Thema (der Genozid an den Armeniern). Ein alter Mann, der raunend Weisheiten verkündet. Und ein dominantes metaphorisches Leitmotiv (in Gestalt des Phonographen, mit dem nach dem Ersten Weltkrieg in Gefangenenlagern verschiedene Sprachen gesammelt wurden). Gedächtnisarchiv! Das große Vergessen!

Faszinierend, was alles Zeug zum Klassiker hat

Kucher erzählt von einer Geigerin mit armenischen Wurzeln, der ein „geheimnisvolles Tonband“ in die Hände gefallen ist. Anstoß zu einem Stationenritt durchs weite Themenfeld Armenien: „Die 40 Tage des Musa Dagh“, die von Hollywood verfilmte Geschichte der Aurora Mardiganian, die Ermordung des Kriegsverbrechers Talaat Pascha in Berlin und noch mehr wird reingepackt. Aber jeder einzelne Satz ächzt unter extrem spielfeindlichem, bleiernem Bedeutungsgewicht. Entsprechend hilflos inszeniert Marco Milling das Stück in einem Tonstudio hinter Glas, wo die sterile Künstlichkeit auf die Spitze getrieben wird.

Ein ganz anderer, hoch interessanter Fall ist schließlich das Stück „In Stanniolpapier“ von Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt, das Regisseur Sebastian Hartmann für die Kammerspiele des Deutschen Theaters eingerichtet hat. Dem Text liegt am Abend ein Zettel bei, auf dem Jury-Sprecher Bernd Noack sich von der „Fassung“ Hartmanns distanziert, weil sie „vom Ursprungstext in einer Weise abgekoppelt sei, die wir für sinnverdrehend halten“. Entsprechend darf es nun nicht mehr Uraufführung, sondern bloß noch Premiere heißen. Hoppla, klingt ja vielversprechend!

Mutter Arbeit, Vater Flasche

„In Stanniolpapier“ rufe beim ersten Lesen, so schreibt’s der Dramaturg Claus Caesar im Programmheft, „fast klassische Stationen einer Prostituierten-Karriere“ auf. Faszinierend, was alles das Zeug zum Klassiker hat. Deigner entwirft die Via Dolorosa einer Maria in zwölf Szenen, und tatsächlich zeigt Hartmann wenig Interesse, sie vom Blatt zu inszenieren. Was, nebenbei, ja auch nicht der einzige Weg ist, einem Stück zur Sichtbarkeit zu verhelfen. Dass der Regisseur überwiegend nur einzelne Wörter stehen lässt, ist allerdings doch erstaunlich. Seine Hauptdarstellerin Linda Pöppel, die wie die Kollegen Frank Büttner und Manuel Harder fast durchweg nackt ist, ruft zum Beispiel oft „Mutter Arbeit, Vater Flasche“.

Ein kreisender Rotlichtbunker mit Jalousie, aus dem das Geschehen per Live-Kamera auf Fassade und Leinwand übertragen wird, ist der Schauplatz von Hartmanns Deutung, die eine radikale Maria-Innenschau in Gestalt einer Porno-Passions-Choreografie betreiben will. Das wird auf eine Weise peinigend und peinlich, die man fast gesehen haben muss. Fazit: Nacht lang, Theater mau.

„In Stanniolpapier“: wieder am 27. Juni, 19.30 Uhr, DT-Kammerspiele

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