Deutschland und Italien : Wo unser Herz schlägt

Wut auf „la Germania“: Nationalistisches Geschrei bedroht die tiefe Verbindung der Italiener mit den Deutschen.

Jürgen Trabant
Sehnsuchtsort Neapel: die Piazza Dante in einer historischen Aufnahme aus den 30er Jahren.
Sehnsuchtsort Neapel: die Piazza Dante in einer historischen Aufnahme aus den 30er Jahren.Foto: imago/Arkivi

Zwei italienische Freunde haben mir vor Kurzem Aufsätze zugeschickt, in denen sie Überlegungen zum Thema „Mein Deutschland“ anstellen: la mia Germania. Angeregt wurden die Artikel der beiden Philosophen von dem Germanisten Marino Freschi, der schon einmal, 1993, also kurz nach der Wiedervereinigung, italienische Intellektuelle gebeten hatte, über Deutschland nachzudenken. Der neue Band zeigt wieder, wie präsent das Thema Deutschland in Italien ist.

Vor allem von den linken und rechten Nationalisten an der Regierung wird dort derzeit in jeder politischen Rede zur Aufheizung der Stimmung aufgerufen – oder besser: aufgebrüllt. La Germania ist die Folie ihrer politischen Wut und Frustration, die sich in haltlosen Verdächtigungen und Unterstellungen entlädt. Das kommt derzeit gut an in Italien. Und das vergiftet nicht nur Italien, sondern ist auch einigermaßen schmerzhaft für die mit Italien verbundenen Deutschen – und das sind ja ziemlich viele.

Deswegen ist man natürlich dankbar, wenn italienische Intellektuelle la Germania in Freundschaft und in sympathetischer Kritik reflektieren, als wichtige Präsenz in ihrem Leben und ihrem Werk. Im Falle meiner beiden Freunde preist Domenico Conte zum Beispiel deutsche Bibliotheken (darauf wäre ich nie gekommen, ich hätte amerikanische Bibliotheken gepriesen), er schildert seine innige Beziehung zur deutschen Sprache (er spricht sie wirklich ausgezeichnet) und er arbeitet sich mit Thomas Mann politisch an der geheimnisvollen deutschen Nation ab.

Fulvio Tessitore schreibt einigermaßen überraschend, dass sein Deutschland Neapel sei, die Stadt, in der er geboren wurde und lebt. Inniger kann ja die Beziehung gar nicht sein: Neapel ist Deutschland. Und tatsächlich: Neapel, die Hauptstadt der italienischen Philosophie, denkt seit dem 18. Jahrhundert, seit Vico, De Sanctis, Croce bis hin zu Piovani und Tessitore geschichtsphilosophisch. Und hat damit eine besondere Nähe zu Hegel, Savigny, Niebuhr, Wilhelm von Humboldt, Ranke, Dilthey, Troeltsch, Meinecke etc. „Historische Bildung“ sei die Gemeinsamkeit zwischen Neapel und Deutschland.

Das deutsche Herz Italiens

Tessitore hat recht, wenn er sagt, dass kein anderer Ort außerhalb Deutschlands eine so enge kulturelle Beziehung zu Deutschland hat wie Neapel. Man wird daher von einer tiefen Verzweiflung gepackt, wenn man von la mia Germania auf die politischen Hassorgien aus Italien schaut. Dem Deutschland-Experten Angelo Bolaffi ist es ganz offensichtlich nicht gelungen, den Italienern das politische Deutschland nahezubringen: Cuore tedesco, „Deutsches Herz“, hieß das Buch, in dem er das versucht hat. Er meinte damit auch sein eigenes Herz.

Angesichts des deutschen Herzens unserer italienischen Freunde dürfen wir unser italienisches Herz nicht sinken lassen. Die italienischen Chauvinisten dürfen uns Italien nicht entfremden. Wir müssen durch die politischen Niederungen der nächsten Jahre hindurch unser Italien weiterdenken und weiterlieben.

Cuore italiano. Wie sieht es aus, mein italienisches Herz? Wie alle Deutschen war ich von der Schönheit des Landes, von Sprache und Literatur und von der Liebenswürdigkeit seiner Bewohner (die sich derzeit im Hassgeschrei seiner Politiker aufzulösen droht) einfach hingerissen, als ich vor 50 Jahren in Urbino Italienisch lernte. Urbino enthält Italien in höchster Konzentration: Sprache, Kunst, Gelehrsamkeit, Musik, Lebenskunst.

Die italienische Literatur hat mich ergriffen, nicht so sehr Dante, eher Mozarts Da Ponte (und überhaupt die italienische Oper) und die Modernen: Svevo, Pirandello, Calvino, Primo Levi, Pasolini, die große Morante, Moravia, der Dichter Zanzotto und dann natürlich Umberto Eco.

Eco war zunächst die Verkörperung der italienischen Kulturwissenschaft und stand dann jahrelang für italienische Literatur, Philosophie und Politik. In den 80er, 90er Jahren studierten viele junge Leute Italienisch wegen Eco. Eco war der literarisch und politisch dominante gute Geist Italiens bis zu seinem Tod 2016. Dass er und sein generöser Europäismus sich nicht mehr äußern können, befördert die böse Lautstärke des nationalistischen Geschreis.

Italien war auch Tullio De Mauro, der 2017 verstorbene große italienische Sprachwissenschaftler, der Lexikograf des Italienischen. Er war neben Eco eine andere einflussreiche italienische Stimme der Vernunft, ein philosophischer Denker der Sprache und ein Politiker der Bildung. Sein letztes Buch handelte von den Sprachen Europas, mit dem mozart-daponteschen Titel „In Europa son già 103“.

Und Italien wird für mich immer Giambattista Vico sein, der Philosoph aus dem 18. Jahrhundert, aus Neapel natürlich. Vico ist ein Denker von europäischem Rang und mit europäischer Perspektive. Sein Hauptwerk, die „Scienza nuova“, die „Neue Wissenschaft“, hat er 1725 den Akademien Europas gewidmet: alle Accademie dell'Europa. Aber Europa hat sich viel zu wenig mit Vico beschäftigt. Dabei ist er die wichtigste philosophische Stimme Italiens und eine wirkliche Alternative zum Mainstream der europäischen Philosophie, eine andere Aufklärung.

Sehnsuchtsort Neapel: die Piazza Dante in einer historischen Aufnahme aus den 30er Jahren.
Sehnsuchtsort Neapel: die Piazza Dante in einer historischen Aufnahme aus den 30er Jahren.Foto: imago/Arkivi

Dem Hauptstrom der nordeuropäischen Philosophie, vor allem Descartes, hat er seine italienische Denkart entgegengehalten: Nicht die Ratio ist die Triebkraft des Denkens, sondern die Fantasie; nicht die Natur ist die Welt, in der wir Wissenschaft finden, sondern die Welt der Menschen, die Kultur und die Politik. Diesen mondo civile hat der Mensch als „Poet“, das heißt als Macher, selbst geschaffen und kann ihn daher sicher erkennen. Die Fantasie erschafft das Denken des Menschen in „poetischen Charakteren“, das heißt in Sprachen und Zeichen, die sich – zusammen mit den politischen Organisationsformen – in einem historischen Dreischritt zu immer höherer Geistigkeit entwickelt, ohne jemals ihre Körperlichkeit hinter sich zu lassen. Vicos Sprach- und Zeichenphilosophie ist der erste linguistic turn der europäischen Philosophie.

Das ist eine ganz besondere Stimme im Denken der Menschheit: Fantasie, verkörpertes Denken in Sprache und Bildern, historische Entwicklung des Denkens und der Gesellschaften, denen bei aller Verschiedenheit ein universelles Menschsein zugrunde liegt. Es ist die philosophische Stimme Italiens. Und sie entspricht in so vieler Hinsicht deutscher Philosophie.

Wilhelm von Humboldts Philosophie der Sprache ist der zweite linguistic turn der europäischen (kantischen) Philosophie: Die Sprache ist die „Verkörperung des Gedankens“, die Verschiedenheiten der Sprachen sind verschiedenen „Ansichten“ des Universellen, Sprache und Gesellschaft sind innig verwoben. Deutsch-italienische Überein-Stimmungen.

Die Anmaßungen der Nationen

Und diese Stimme Italiens hat Europa schon im 18. Jahrhundert vor dem Nationalismus gewarnt. In seinen enzyklopädischen Wanderungen durch die Kulturen Alteuropas und mit Blick auf Amerika und Asien hat Vico nämlich bei aller Freude über die diversità überall eine tiefe strukturelle Gleichheit der Kulturen und Gesellschaften der Menschheit festgestellt. Deswegen gibt es keinen Grund dafür, dass eine Nation sich über die andere erhebt und sich für etwas Besseres hält. „Anmaßung der Nationen“ nennt er diese Haltung, die derzeit wieder überall auf der Welt blüht. Italy first, prima l'Italia, ist daher zutiefst unitalienisch!

Visionär hat schließlich Vico die derzeitige politische Situation als eine vergiftete Endzeit vorhergeahnt. „Barbarei der Reflexion“ nennt er sie, einen durch „reflexive Bösartigkeit“, durch Hass und Eigensucht geprägten Zustand giftiger politischer Auseinandersetzungen und intellektueller Verkommenheit. Vico hatte die Hoffnung, dass die göttliche Vorsehung diesen Zustand beenden wird. Wir können nicht so lange warten. Wir können Deutschland und Italien nicht der Barbarei der Reflexion, also einem europäischen Bürgerkrieg, überlassen. Wir dürfen uns nicht von dem Hass anstecken lassen, der durch die malizia riflessiva geschürt wird und durch den wir, wie Vico schreibt, in eine bestialische „Vereinsamung des Gemüts und des Willens“ zurückfallen. Denn wir gehören ja zusammen. So wie Deutschland im neapolitanischen Herzen Tessitores, so ist Italien unverrückbar in unser Herz eingeschlossen. Cuore italiano. Es ist in Deutschland, es ist in Europa, das kann gar nicht anders sein. Was wären wir sonst? Herzlos.

Jürgen Trabant war von 1980 bis 2008 Professor für Romanistik an der Freien Universität Berlin.

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