Deutschlandjahr in den USA : Gegen das Vergessen

Der Fotograf Luigi Toscano porträtiert Holocaust-Überlebende aus aller Welt. Seine Bilder reisen derzeit quer durch die USA.

Luigi Toscano sammelt Unterschriften bei seine Installation "Gegen das Vergessen" auf seiner Tour im Rahmen des Deutschlandjahres in den USA in San Francisco.
Luigi Toscano sammelt Unterschriften bei seine Installation "Gegen das Vergessen" auf seiner Tour im Rahmen des Deutschlandjahres...Foto: Luigi Toscano

„Ralph kam in Chicago in den Raum, begrüßte mich und sagte: ,Hey Luigi, tolle Tattoos, schau mal, ich hab auch eins’ und zeigt mir seine eintätowierte Häftlingsnummer“, erzählt Fotograf Luigi Toscano von der Begegnung mit einem der Holocaust-Überlebenden aus aller Welt, die er porträtiert hat. Seine Bilder reisen derzeit als Projekt des Deutschlandjahres durch verschiedene Städte der USA. Geplante Stationen sind unter anderem Seattle, Pittsburgh, Kansas City – im nächsten Jahr Chicago.

Auch in den USA trifft Toscano lange vor seiner Installation am Ausstellungsort ein. Er sucht den Kontakt zu den Überlebenden über Holocaust Centres und das Holocaust Museum. Die neuen Porträts nimmt er in seine Installation mit auf. Nicht immer seien die Begegnungen todernst, manchmal plauderten sie einfach miteinander. Aber manche Situationen, wie die mit Ralph, sind schwieriger: „Ich habe gemerkt, der will mich testen, wie ich reagiere. Da hatte ich schon so ein Gefühl, dass das Gespräch hart wird.“ Ralph erzählt ihm, wie er in Auschwitz das Krematorium mauern musste, in dem später seine Verwandten ermordet wurden.

Ben Stern aus San Francisco ist einer der Porträtierten.
Ben Stern aus San Francisco ist einer der Porträtierten.Foto: Luigi Toscano

Mittlerweile hat Toscano mehr als 400 Überlebende fotografiert. Sein Ziel ist es, seine Installation „Gegen das Vergessen“ auf der ganzen Welt zu zeigen. Für manche ist das Gespräch mit Toscano das erste Mal in ihrem langen Leben, dass sie einer Menschenseele ihre Geschichte erzählen. Toscano hört schlimme Geschichten bei seiner Arbeit, wohl die schlimmsten, die ein Mensch hören kann. Ihn nimmt das mit, aber er hat gelernt, sich Auszeiten zu nehmen. „Ich verlasse während eines Gesprächs nie den Raum“, sagt er, „aber manchmal muss ich darum bitten, einen Moment durchatmen zu können, um das zu verarbeiten, was mir erzählt wird“.

Seine Fotos entwickeln eine emotionale Wucht. Zum einen sind die Gesichter mit dem Sockel, auf dem sie stehen, knapp 2,60 Meter hoch. Zum anderen finden sich auf einer Texttafel Informationen zu den Überlebenden. Manchmal kommen die Porträtierten auch auf ein Gespräch vorbei – was eine außerordentliche Wirkung auf Besucher entwickle. „Für viele ist der Holocaust so weit weg, sie haben den Eindruck, die ehemaligen Überlebenden sind alle schon tot – wenn dann jemand von denen vor ihnen steht, ist das plötzlich ganz nah, das ist überwältigend.“

Überlebende des Holocaust
Susan Cernyak-Spatz - Im Mai 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Ghetto Theresienstadt eingewiesen. 1943 kam sie ins KZ Auschwitz-Birkenau. Im Januar 1945 dann der Todesmarsch in das KZ Ravensbrück. Im Frühjahr dann Befreiung durch die Rote Armee.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Luigi Toscano
05.10.2017 18:28Susan Cernyak-Spatz - Im Mai 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Ghetto Theresienstadt eingewiesen. 1943 kam sie ins...

Etwa die Hälfte der Besucher fangen irgendwann an zu weinen, erzählt er. Toscano bringt den Holocaust zurück in die Lebenswirklichkeit der Besucher, seine Ausstellung ist ein Tribut an die Überlebenden und eine Erinnerung an den Schrecken, den sie durchleben mussten. Er selbst hat während der vier Jahre neue Freundschaften geschlossen – einige davon nur für kurze Zeit, weil die Überlebenden sehr alt sind. „Das macht sie für mich umso beeindruckender.“ Erinnerungen hat Toscano gesammelt – anrührende und welche, bei deren Erzählung man schlucken muss. All die Geschichten ermutigen ihn, den Kampf gegen das Vergessen in die ganze Welt zu tragen.

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