Er schätzte ihre Genauigkeit, das ernsthaft Forschende

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Diane Arbus : Die dunkle Kammer

Selkirk tauchte noch einmal durch 15 Jahre Arbeit, verfolgte nach, wie Arbus irgendwann keine Ausschnitte aus ihren Bildern mehr vergrößerte, sondern, wie um die ganze Wahrheit zu zeigen, die ganze Aufnahme zeigte. Er bemerkte, dass sie nie im Labor einzelne Partien heller fächelte, wie das die meisten anderen Fotografen taten. Sie behandelte immer das ganze Bild. Er sah ihre Auftragsarbeit für Magazine, für „Esquire“, „Glamour“ und „Harper’s Bazaar“. Er sah die Reichen von New York und die Armen. Er sah die Arbeiten, die sie mithilfe zweier Guggenheim-Stipendien realisierte. Die „amerikanischen Riten“, alltägliche Zeremonien der Gegenwart, die sie fotografierte, als würde Amerika in viele verschiedene Stämme zerfallen, deren Mitglieder sich kostümierten, Tänze veranstalteten und seltsamen Ritualen folgten. Er sah das Paar einer Kindertanzschule und die Paare in Nudistencamps. Selkirk sah in diese vielen Augen, in die zuvor Arbus geblickt hatte, und die ihn nun aus dem Fixierbad anschauten. Wer fixierte da wen? Da waren Zwerge, Arme, Transvestiten, Feuer-, Schwert- und Rasierklingenschlucker, Zirkusgestalten und die Insassen einer Anstalt für geistig Behinderte, die sich verkleidet hatten und glücklich wirkten.

Es waren Menschen, die man gerne unter „Außenseiter“ subsumiert. Während sie selbst glaubte, mit den amerikanischen Riten ins Zentrum der Gesellschaft vorzudringen, behaupteten andere, sie beschreibe ihre Ränder.

Selkirk machte zunächst 700 Prints, in den nächsten vier Jahrzehnten viele mehr. Das Bild, das er so von der Fotografin Diane Arbus zutage förderte, hatte ausgezeichnete Schatten.

„Extrem neugierig und vollkommen leidenschaftslos“ fand er ihren Stil. Er schätzte ihre Genauigkeit, das ernsthaft Forschende. Gearbeitet habe sie immer alleine, manchmal hatte sie mehrere Kameras dabei, einen Blitz. Sie hat die Leute in der U-Bahn angesprochen, und die haben sie mit nach Hause genommen.

Selkirk lernte das alles, bevor die Welt sich ein Bild machen konnte. Bevor sie begriff, dass sie mit Diane Arbus eine maßgebliche Fotografin verloren hatte, die ihre Kunst umdefinierte. Die großen Ausstellungen, die Arbus’ ältere Tochter Doon organisierte, an die das Erbe gefallen war und die dem Arbus Estate vorsteht, sollten erst noch kommen. Dann kamen bald die Jünger. Mit ihnen die Zuschreibungen und die Nachahmer. Viele hatten ein Bild von Diane Arbus, ohne je ein Bild gesehen zu haben. Viele verwechselten die Düsternis ihres Selbstmords mit dem Thema ihrer Arbeit. Die Fotografin Nan Goldin wurde möglich. Und Rineke Dijkstra.

Selkirk wurde ebenfalls Fotograf, Spezialität Porträts. Er erinnert sich an nichts, was Diane Arbus zu seinen Arbeiten gesagt hätte, damals in der Klasse, die sie gab, um sich die Pentax kaufen zu können. Er erinnert sich an das, was er gesehen hat. Alles, was er von ihr lernte, lernte er durch ihre Bilder.

Selkirk, der behauptet, den Unterschied von einem ihrer Abzüge zu einem seiner Abzüge nicht mehr erkennen zu können, sagt, er ist ernster geworden im Keller des West Village. Er hatte vorher Werbung fotografiert, und nun war er unfähig, irgendetwas zu beschönigen. „Ich war zerstört. Ich musste ganz von vorne anfangen. Alles was zählte, war das Dokument. – Vermutlich wäre ich sonst heute ein oberflächlicher Werbefotograf.“

„Diane Arbus“ im Gropius-Bau, 22. Juni bis 23. September, Mi-Mo 10-19 Uhr

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