Die deutsche „Kulturrevolution“ 1968 : Kritisches Unbehagen, dumpfer Aktivismus

Zwischen Mao und Mephisto: Der Literaturwissenschaftler und Publizist Willi Jasper blickt auf die deutsche „Kulturrevolution“ von 1968 zurück.

Moritz Reininghaus
Im Dienste der Revolution. Solidaritätskundgebung des Deutschen Sozialistischen Studentenbundes mit den kommunistischen Guerillas in Vietnam im Jahr 1968.
Im Dienste der Revolution. Solidaritätskundgebung des Deutschen Sozialistischen Studentenbundes mit den kommunistischen Guerillas...Foto: Chris Hoffmann/dpa

Ausgerechnet im Reich der Mitte nahm die Ernüchterung ihren Lauf. Als eine Delegation der maoistischen KPD in Peking im Oktober 1977 einen Kranz am gläsernen Sarg des ein Jahr zuvor verstorbenen „Großen Vorsitzenden“ niederlegte, glaubte man offenbar noch an die Propagandamärchen rund um Mao Zedongs Kulturrevolution. Doch schon in Schanghai zerstob ein Teil der Illusion, als man nicht kunstbeflissenen Intellektuellen, sondern verknöcherten Verwaltungsfunktionären gegenübersaß.

Auf den Ölfeldern der mehrere Tausend Kilometer nördlich gelegenen Provinz Heilongjiang nährten dann erbärmliche Arbeitsbedingungen und umfassende Umweltzerstörung Zweifel an der Überlegenheit des chinesischen Sozialismus gegenüber dem westlichen Kapitalismus auf der einen und dem sowjetischen Weg des Kommunismus auf der anderen Seite. Am Ende trug die von staatlichen Stellen sorgfältig vorbereitete Sightseeing-Tour dazu bei, dass es keine drei Jahre mehr dauerte, bis sich die 1970 als KPD (Aufbauorganisation) gegründete Partei auflöste. Schon damals veröffentlichten vormalige Genossen eine Schrift mit dem programmatischen Titel „Partei kaputt“. Sie blickten angesichts der nicht mehr zu leugnenden Gewaltexzesse mit rund 1,5 Millionen Todesopfern während der Kulturrevolution weitgehend nur noch auf ein „dumpfes Jahrzehnt“ zurück.

Ein Denkmal für die verstorbenen Weggefährten

Rund 40 Jahre nach dem denkwürdigen Besuch in China wagt nun mit dem 1945 geborenen Literaturwissenschaftler und Publizisten Willi Jasper ein Mitglied der Reisedelegation den Drahtseilakt zwischen der bitteren Einsicht in die eigene Verblendung und einem „Trotz alledem“ seines aktuellen intellektuellen und politischen Anspruchs. Im Angesicht der umfänglichen Literatur anderer Achtundsechziger verfolgt der einstige Chefredakteur der KPD-Parteizeitung „Rote Fahne“ in seinen nun erschienenen Erinnerungen das Anliegen, nicht bloß ein weiterer Renegat der einstigen Überzeugung zu sein, sondern das von Jürgen Habermas für die Studentenrevolte als grundlegend beschriebene „Miteinander von kritischem Unbehagen und dumpfem Aktivismus“ zu ergründen.

Bei der Spurensuche im Milieu der Siebzigerjahre ist er dabei zunächst auf eine erschreckend hohe Zahl von Nachrufen auf seine zumeist als verlorene Söhne bezeichneten Weggefährten von einst gestoßen. Nicht nur der ehemalige Parteivorsitzende Christian Semler, auch zahlreiche, heute weitgehend vergessene Protagonisten der maoistischen Sekte sind mittlerweile verstorben. Unverkennbar möchte Jasper den meisten von ihnen ein Denkmal setzen – oder wenigstens ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen.

So würdigt er ausführlich das vielfältige zivilgesellschaftliche Engagement seines 2015 verstorbenen Freundes Kurt Holl. Jasper ist aber auch ganz anderen Genossen begegnet. So hatte er von dem einstigen RAF-Anwalt und späteren Rechtsextremen Horst Mahler den Eindruck, dass dieser in der Justizvollzugsanstalt Tegel „Tag und Nacht Hegel las“. Mahlers eigenwillige Interpretation des „deutschen Großphilosophen“ macht er dann auch als Grund für dessen Wendung zum Rechtsradikalen aus.

Eine kritische Betrachtung der Universität der Sechzigerjahre

Anderen ehemaligen Genossen, so vermutet er, habe der Maoismus mit seiner These vom „sowjetischen Sozialimperialismus“ nicht selten als nützliche Kontinuitätsbrücke zum konservativen Antikommunismus gedient. Warum im Lauf der Jahre – wie auch das Beispiel des Gründungsmitglied Rüdiger Safranski zeigt – dann doch erstaunlich viele der einst in der KPD-AO organisierten Funktionäre auf die andere Seite des politischen Spektrums wanderten, vermag dies nur in Ansätzen zu erklären.

Die Suche nach den eigenen Motiven für das politische Engagement führt Jasper in die Universitäten der Sechzigerjahre. Zunächst nach Bonn, wo der Germanist Benno von Wiese trotz seiner Verstrickungen mit dem NS-Regime auch nach 1945 seine Karriere fortsetzen konnte, dann an die Freie Universität Berlin. Hier nun war es neben dem Einfluss des deutsch-amerikanischen Philosophen und Soziologen Herbert Marcuse vor allem der Holocaustüberlebende Peter Szondi, der auch bei Jasper die Hoffnung weckte, dass durch sein neu eingerichtetes Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft endlich der noch immer vom Geist der Goethezeit dominierten Germanistik ein Ende gesetzt würde.

Abkehr vom "faustischen Erbe"

Jaspers Berufsleben als Literatur- und Kulturwissenschaftler erhielt damals seine Prägung durch diese Abkehr vom deutschen Sonderweg und seinem „faustischen Erbe“. Nicht von ungefähr nennt er eine Lesung von Paul Celan über die negative Dialektik von Kultur und Barbarei die eindrücklichste Erinnerung an diese Zeit, die ansonsten auch bei ihm von Radikalisierung und Dogmatisierung gezeichnet war: Die Demonstration am 2. Juni 1967, als Benno Ohnesorg starb, aber auch der Pyrrhussieg am Tegeler Weg, als die Studenten als gefühlte Sieger aus einer Straßenschlacht mit der Polizei gingen. Wie viele andere Studenten wandte sich auch Jasper enttäuscht vom Hoffnungsträger Willy Brandt ab, dessen Sympathie für die Exilliteraten den jungen Germanisten zunächst überzeugt hatte.

Die Bekanntschaft mit dem Radikalenerlass war auch für Jasper unausweichlich und hart, auch wenn er den so verschlossenen Weg in den Schuldienst heute alles andere als bedauert. Dass die KPD eine mit „biographischen Heilserwartungen“ verknüpfte Germanisten-Partei war, macht Jaspers Rückblick mehr als deutlich, auch wenn ihr Verfasser eingesteht, dass seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater weit weniger ausführlich geriet, als es nötig gewesen wäre. Wichtiger als die leiblichen Eltern schienen den „verlorenen Söhnen“ wegweisende Vaterfiguren wie der 1969 verstorbene nordvietnamesische Präsident Ho Chi Minh.

Jasper hält die Gründung der KPD trotz Fehler für eine avantgardistische Gegeninitiative

Nicht wenige Situationen der damaligen Zeit erscheinen dem Autor heute peinlich, viele Diskussionen, an denen er einst lebhaft teilgenommen hatte, nennt er nicht mehr nachvollziehbar. Und doch bleibt Jasper bei seiner Überzeugung, dass die Gründung der KPD eine „avantgardistische Gegeninitiative“ zur fatalen „faustischen Tradition“ der deutschen Geisteswissenschaftler darstellte. Dass in der maoistischen Kaderpartei, wie er resümiert, ebenfalls kein Platz für einen „intellektuellen Mephisto“ war, dürfte als maßgebliche Tragik der Bewegung zählen. Denn erst als die Bilder der Totenschädel auf den „killing fields“ von Kambodscha die Runde machten, bedeutete das auch für ihn das Ende der deutschen „Kulturrevolution“ – symbolisiert von einer in Deutschland und China gleichermaßen vollzogenen Rehabilitierung von Goethe und dessen „Faust“.

Dass er im Oktober 1977 bei einem Staatsbankett in Peking mit dem für den kambodschanischen Massenmord verantwortlichen Pol Pot an einem Tisch saß, lässt Willi Jasper noch heute den Atem stocken. Wenn er zugleich berichtet, dass bei dem Bankett auch der CDU-Politiker und Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestags, Manfred Wörner, anwesend war, wird erkennbar, warum sich Jasper nicht mit einer Absage an den Maoismus begnügt, ohne die Doppelmoral der deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu China zu kritisieren.

Willi Jasper: Der gläserne Sarg. Erinnerungen an 1968 und die deutsche „Kulturrevolution“. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 256 Seiten, 24 €.

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