• Die Filmemacherin Haifaa Al Mansour im Interview: „Das Kino erreicht die Herzen der Menschen“

Die Filmemacherin Haifaa Al Mansour im Interview : „Das Kino erreicht die Herzen der Menschen“

Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour über ihre politische Feelgood-Komödie „Die perfekte Kandidatin“.

Die Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) kandidiert in ihrem Distrikt für die Wahl zum Gemeinderat. Sie stößt auf Widerstand.
Die Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) kandidiert in ihrem Distrikt für die Wahl zum Gemeinderat. Sie stößt auf Widerstand.Foto: Neue Visionen

Haifaa Al Mansour, geboren 1974, hat einen unglaublichen Weg zurückgelegt. Sie machte ihren Bachelor in Literatur, bevor sie in  Sidney Film studierte. Ihr Regiedebüt „Das Mädchen Wadjda“ von 2012 gilt als erster in Saudi-Arabien gedrehter Kinofilm. Der Publikumserfolg ermöglichte es ihr, in England und den USA zu drehen, unter anderem ein Biopic über Mary Shelley. Für „Die perfekte Kandidatin“, der in Venedig seine Premiere feierte, arbeitete die in Los Angeles lebende Regisseurin erstmals wieder in ihrer Heimat.

Mrs. Al Mansour, Ihr Debüt handelte von einem Mädchen, das für ihr Recht kämpft, Fahrrad zu fahren. Neun Jahre später kehren Sie mit „Die perfekte Kandidatin“ nach Saudi-Arabien zurück, ihre Protagonistin Maryam fährt heute Auto. Wie hat sich Ihr Land verändert?
Nicht nur die Gleichberechtigung von Frauen hat sich verbessert, die Gesellschaft öffnet sich auch für die Kunst. Mir als feministische Filmemacherin liegt beides am Herzen. Zum ersten Mal konnte ich in den Straßen drehen. Ich fühle die Ermächtigung, die Geschichte einer jungen Frau zu erzählen, die ihre eigene Stimme findet. Das ist ein besonderer Moment.

Maryam ist Ärztin, die in die Lokalpolitik geht, um die Versorgung in ihrem Krankenhaus zu verbessern. Gleichzeitig hat sie mit Patienten zu tun, die sich weigern, von einer Frau behandelt zu werden. Wie machen sich diese Gegensätze in der saudischen Gesellschaft bemerkbar?
Progressive Werte gewinnen an Bedeutung. Junge Menschen sind ständig online, sie möchten die Welt verstehen, Musik hören, sich ihre Partner aussuchen können. Dieser fundamentale Wandel folgt auf eine lange Phase, in der der Islam sehr konservativ ausgelegt wurde. Diese Nischen existieren weiter, Männer fühlen sich ihrer Werte beraubt. Aber die Gesellschaft kann das alte Regime nicht länger aufrechterhalten.

Sie zeigen, dass auch Männer darunter leiden. Maryams Vater spielt populäre Musik und wird von Fundamentalisten bedroht.
Populäre Kultur galt in Saudi-Arabien bis vor kurzem als Sünde. Nun findet die Kunst zurück in die Gesellschaft. Das ist wichtig, in der Kunst schlägt das Herz einer Nation. Wer eine Zivilisation aufbaut, muss in die Kultur und die Frauen investieren. Diese liberale Plattform, die in Saudi-Arabien lange gefehlt hat, legt den Grundstein für eine weltoffene, heterogene Gesellschaft.

Der „Arabische Frühling“ war eine Bewegung von der Straße. In Saudi-Arabien wird der Wandel von einem Monarchen, Kronprinz Mohammed bin Salman, durchgesetzt. Können gesellschaftliche Veränderungen von oben diktiert werden?
Der Mittlere Osten ist kompliziert. In Saudi-Arabien gibt es eine junge Generation, die mit einer globalen Popkultur, mit Taylor Swift und Nicki Minaj, aufgewachsen ist. Die Jugend hatte bislang keinen Raum, um sich selbst zu verwirklichen. Diese Freiheiten haben eine Welle der Euphorie ausgelöst. In Saudi-Arabien wird schon lange über Frauenrechte diskutiert, die Gesellschaft war reif für diesen Wandel. Das lässt sich nicht nur per Dekret bestimmen.

Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour.
Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour.Foto: Brigitte Lacombe

Die Entwicklung in Saudi-Arabien wird im Westen zunehmend kritisch gesehen. Es gibt die „Vision 2030“, in der die Gleichberechtigung von Frauen eine zentrale Rolle spielt, gleichzeitig werden Kritiker wie der Journalist Jamal Khashoggi getötet, das Land führt Krieg in Jemen. Wie denken Sie darüber, dass die Frauenbewegung dem Regime als Alibi dient?
Wir müssen weiter daran arbeiten, die Werte in unserem Land zu verändern. Nur so gelingt uns der Wandel. Bildung und ein emphatisches Menschenbild spielen dabei eine wichtige Rolle. Kino, Musik, Kunst erreichen die Herzen der Menschen. Wer sich für die Kunst und Frauenrechte einsetzt, wird immer auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Das versuche ich mit meinen Filmen.

Maryam und ihre beiden Schwestern leben mit dem Vater, sie regeln den Alltag. Ist dieses Prinzip weiblicher Solidarität ein gesellschaftliches Vorbild?
Ja, wir müssen uns unserer eigenen Geschichte ermächtigen und sie kollektiv gestalten. Nur so können wir sicherstellen, dass Frauen in der Gesellschaft vorankommen. Auch ich verdanke meinen Erfolg anderen Frauen. Früher durfte es in Saudi-Arabien nur eine geben. Die einzige Politikerin, die einzige Regisseurin. Und das Konkurrenzdenken war ausgeprägt. Diese Zeit ist vorbei.

Maryam trägt als selbstbestimmte säkulare Frau einen Niqab. Ist diese Doppelrolle noch typisch für Frauen?
Maryams Mutter war Sängerin, ihr Vater ist Musiker, beide waren durch ihre Berufe sozial stigmatisiert. Die älteste Tochter fordert diesen Status heraus, sie möchte aber auch in der traditionellen Gesellschaft respektiert werden. Der Dresscode hat sich in Saudi-Arabien gelockert, junge Frauen können heute unverschleiert in die Shopping Mall. Einige möchten das aber auch gar nicht. Es geht nicht um soziale Regeln, sondern um den freien Willen. Wir müssen lernen, diese neuen Rollen anzunehmen. Es ist wichtig, muslimische Frauen in ihrer Individualität zu bestärken, mit und ohne Schleier. Die Objektivierung des weiblichen Körpers für jegliche Form von Ideologie ist rückwärtsgewandte Psychologie.

Ihre Hauptdarstellerinnen Mila Al Zahrani, die Maryam spielt, und Dae Al Hilali als ihre jüngere Schwester Selma verkörpern diese neue Generation. Wie haben Sie die beiden gefunden?
Mila ist in Saudi-Arabien eine bekannte Fernsehdarstellerin, Dae ist ein Social-Media-Star. Es war ein Erlebnis, sie im Besetzungsprozess persönlich zu erleben. Dae ist albern und macht sich keine Gedanken darum, wie sie von anderen gesehen wird. Ich finde das sehr erfrischend. Die meisten Filme aus dem Mittleren Osten haben einen männlichen Star, es gibt nur wenige interessante Hauptrollen für Schauspielerinnen. Darum ist es mir wichtig, ihnen diese Möglichkeit zu geben. Ich übernehme dadurch aber auch eine Verantwortung.

Es gibt in Saudi-Arabien schon länger Frauen in wichtigen politischen Ämtern. Sind die Widerstände trotzdem noch so groß wie in Ihrem Film?
Wir haben heute eine Botschafterin in den USA. Die erste Botschafterin in der Geschichte unseres Landes! Aber in Saudi-Arabien werden die meisten Frauen in politischen Ämtern noch ernannt, nicht vom Volk gewählt. Wie in Ägypten oder Kuwait. Noch fehlt den Menschen das Vertrauen in eine Politikerin, das bekommt Maryam zu spüren.

Maryam lernt Wahlkampf mit Youtube-Videos und durch Trial-by-Error. War Ihr Start als Filmemacherin ähnlich holprig?
Meine ersten Kurzfilme waren Familienprojekte, die wollen sie nicht sehen. Ich habe alles selbst gemacht, mein Bruder hielt die Kamera. Es wirklich ist ein bisschen wie im Film. Maryam ist meine Figur, natürlich fließen beim Schreiben auch eigene Erfahrungen ein. Sie sagt einmal: Gott sei dank gibt es Youtube, dort gibt es für alles Videos. So sieht der Widerspruch in Saudi-Arabien aus: Es ist ein traditionelles Land, aber die Gesellschaft ist technologisch sehr fortschrittlich.

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Sie haben Ihren Film mit dem Motto „Widerstand feiern“ beschrieben. Erklärt das auch Ihr Verhältnis zum Kino?
Humor ist eine wunderbare Waffe, um Widerstände niederzureißen. Er macht die Menschen empfänglich für die Probleme anderer. Ich sehe mich als Unterhaltungskünstlerin, zu meiner Zeit gab es in Saudi-Arabien noch gar keine Kinos. Die Vorstellung, dass ich meine Geschichten heute vor einem Publikum erzählen kann, kommt mir noch immer unwirklich vor. Ich will also keine deprimierenden Filme über Frauen machen. Darum bin ich auch zurückgekehrt. Kultur und Kunst haben eine wichtige Funktion in der Entwicklung einer Gesellschaft. Dazu möchte ich meinen Teil beitragen.
Die perfekte Kandidatin" startet in acht Berliner Kinos (auch in OmU).

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