Die Gesellschaft nach der Pandemie : Die Normalität kehrt niemals zurück

Pessimismus, Optimismus, Realismus: Was kommt nach der Coronakrise? Ein Blick zurück nach vorn, auf Angst vor Verlust und Hoffnung auf eine bessere Welt.

„Fridays for Future“. Die Protestbewegung kämpft auch in der Coronakrise gegen den Klimawandel.
„Fridays for Future“. Die Protestbewegung kämpft auch in der Coronakrise gegen den Klimawandel.Foto: Mika Mahringer/dpa

Welche Distanzen liegen weiterhin vor und zwischen uns? Ein Meter fünfzig von Mensch zu Mensch, ein Jahr noch bis zum ersehnten Impfstoff? Und was ist danach?

So viel Zukunftssuche in ungewisser Gegenwart war selten. Denn wie nichts sonst seit dem letzten Weltkrieg hat die Weltviruskrise auch die alten, vermeintlich nur (aber was heißt „nur“!) philosophischen Fragen aktualisiert: „Wohin gehen wir, was können wir wissen, was sollen wir tun, was dürfen wir hoffen?“

Die Normalität kehrt niemals zurück

Kein Wunder also, dass jetzt vor allen künftigen Corona-Romanen die ersten Ratgeber auf den Markt drängen, die bereits wissen wollen, wie das Ungewisse wird. Oder wie es bitte werden soll. Ein Musterbeispiel ist das gerade erschienene Buch des Futurologen Matthias Horx „Die Zukunft nach Corona“.

Horx verkündet, wie „eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert“ und teilt in einem Begleittext schon mit, wann die „Normalität“ aus der Zeit „vor Corona“ zurückkehren wird, nämlich: „Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.“

Bifurkationen. Ein Wort erst mal zum googeln. Aber die Horx-Schlüsse zum Richtungswechsel (sic!) einer tieferen Zukunft wirken dann doch eher flach: mehr zwischenmenschliche Aufmerksamkeit, mehr regionale, sprich lokale Nachhaltigkeit, mehr mitmenschlicher Humor, vermutlich sehr bald schon Medikamente, welche die gesundheitlichen Corona-Folgen minimieren („ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten“). Horx schreibt das tatsächlich noch, nach allem Trump und Bolsonaro: „ähnlich wie die Grippe“.

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Der Bestsellerautor möchte auch das voraussehen: Im „Herbst 2020 herrscht bei Fußballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.“ Tun wir das wirklich?

Last, but not least, zaubert auch die eben noch krisengebeutelte Wirtschaft ein weiteres Wunder hervor: auf dass „sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.“

Schreibt der Zukunftsspezialist. Der Romantiker Novalis, ein Zeitgenosse Friedrich Hölderlins, dessen 250. Geburtstag noch kurz vor dem Lockdown gefeiert wurde, hat es in seinem vor gut zweihundert Jahren geschriebenen Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ im Prinzip treffender gesagt: „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“

Sehnsucht nach Veränderung, Hoffnung auf Beruhigung

Das ist die nostalgische Variante. Und wie immer in existenzerschütternden Zeiten, wechselt auch jetzt die Hoffnung nach Veränderung mit der Sehnsucht nach Beruhigung. Es ist der Blick zurück nach vorn. Oder umgekehrt. Dabei bleibt die Frage, ob man die Welt als Optimist oder Pessimist betrachtet und wo der mit diesen beiden Weltsichten vertraute Realist seinen Standpunkt findet.

In unzähligen Beiträgen wird seit dem Ausbruch der Pandemie ein Zusammenhang zwischen globaler Gesundheitsbedrohung und globaler Naturzerstörung beschworen. Menschen müssen Abstand voneinander halten, weil die Menschheit den für alle Seiten schützenden Abstand zur Natur nicht gewahrt hat, sondern beim Ausbeuten und Zerstören der natürlichen Lebensgrundlagen noch in die letzten Biosphären eindringt. In die Reservate auch von Tieren mit pathogenen Keimen.

Was weder die Sars-Epidemie zu Beginn des Jahrtausends noch die anhaltende Klimadebatte in ähnlicher Weise geschafft haben, deutet sich für Optimisten nun an: ein Umdenken in weiteren Teilen der Gesellschaft und der Politik. Nicht einmal die in Deutschland bislang mitregierende Auto-Lobby hat so bei dem Konjunkturförderprogramm der großen Koalition eine Kaufprämie für Verbrennungsmotoren mehr durchsetzen können. Fast eine Sensation.

Menschen werden durch Schaden dumm

Ein Pessimist, der im besten Fall nur ein Optimist ist, der nicht enttäuscht werden möchte, wird sich damit freilich noch nicht widerlegt sehen. Er wird sagen, dass das Umdenken hin zu mehr Ressourcenschonung, zu gesünderem, nachhaltigerem Konsum und neuem Mobilitätsverhalten erstens die wirklich Mächtigen à la Trump oder Bolsonaro gar nicht erreicht und dass die Mehrheit selbst der gutwilligen Deutschen nur dank einer Mischung aus realer Angst und staatlich verordnetem Gruppendruck sich in den vergangenen Wochen so vernünftig und verantwortungsvoll gezeigt habe.

Schon aber sei diese Haltung am Bröckeln, kaum fielen die Beschränkungen des Lockdowns fort, drängten die Menschen zurück ins „alte Leben“. Nicht alle würden durch möglichen Schaden klug. Der Pessimist zitiert eher Karl Kraus: „Es gibt Menschen, die werden durch Schaden auch dumm.“

Ich denke gern an die Zukunft zurück

Georg Wilhelm Hegel, der Tübinger Stiftsgenosse von Hölderlin und wie jener vor 250 Jahren geboren, glaubte den Weltgeist immer vorwärts galoppieren zu sehen, bis zum Sieg der allgemeinen Vernunft. Er hielt dazu in Berlin gerade eine seiner Vorlesungen zur „Philosophie der Geschichte“, als er 1831 recht plötzlich starb. Vermutlich an der Cholera.

Hegel liebte bisweilen poetische Metaphern und geflügelte Wesen wie die „Furie des Verschwindens“ oder die „Eule der Minerva“, welche nach den Katastrophen des Tages ihren Flug in der Dämmerung beginnt. Vor 40 Jahren nun hat sich Hans Magnus Enzensberger die „Furie des Verschwindens“ für seinen gleichnamigen Lyrikband anverwandelt.

Das Titelgedicht handelt davon, wie einem Wachstum und Mehrwert „verschwenderisch“ über den eigenen Kopf wachsen, ohne Hoffnung, bis die Furie des Verschwindens als Letzte(s) bleibt. Ein paar Seiten davor, im poetischen Gespräch mit seinem Arzt, sagt der Patient: „Sie werden lachen: / Ich denke gern an die Zukunft zurück.“

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Das war vor vierzig Jahren. 1991 erscheint dann Enzensbergers nächster großer Gedichtband und heißt „Zukunftsmusik“. Auch er ist heute eine bisweilen geisterhaft aktuelle Lektüre. Im Gedicht „Grenzwerte“ ist von unserer biologischen und zivilisatorischen Verletzlichkeit die Rede, ein paar „Haarrisse im Primärkreislauf“ und schon „zählt das 21. Jahrhundert nicht mehr“.

Ein paar Seiten weiter und damals wohl unter dem Einfluss der Tschernobyl-Katastrophe beschreibt HME eine unsichtbare globale Bedrohung: „... breit verteilt, wie der Wind / entfesselt, wolkig, geruchlos / und ebenso wenig zu fassen, all- / gegenwärtig wie früher Gott“.

Noch eine jubilarische, geflügelte, gedankenfliegende Koinzidenz. Vor hundert Jahren, 1920, hat Paul Klee sein Aquarell eines Engels gemalt, den berühmten „Angelus novus“. Bald darauf besaß ihn Walter Benjamin. Der von den Nazis verfolgte Emigrant musste das Bild 1940 bei seiner Flucht aus Paris zurücklassen, hat ihm aber in seinen geschichtsphilosophischen Thesen vor heute 80 Jahren noch eine der tiefgründigsten Reflexionen gewidmet.

Der Engel der Geschichte

Klees und nunmehr Benjamins „Engel der Geschichte“ breitet seine Flügel aus und schaut in eine Vergangenheit, die zugleich vor uns liegt: „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Wer spricht so? Der Pessimist, der Realist? Eigentlich glaubte Walter Benjamin, vor der Verzweiflung des Flüchtlings und dem Selbstmord, an die Zukunft, er war auch Utopist.

In einem so klugen wie durchaus realistischen Dialog haben sich zu später Fernsehstunde kürzlich der Philosoph Richard David Precht und der Berliner Soziologe Dieter Reckwitz über die Folgen der Coronakrise unterhalten. Beide sind eher gedämpfte Optimisten. Reckwitz sieht für die Gesellschaft einen „Crashkurs in Risikopolitik“, und Precht glaubt angesichts der Erfahrung unserer trotz aller Hochtechnologie noch existenziellen biologischen Verwundbarkeit an ein gesteigertes „Alternativempfinden“. Man merke plötzlich wieder, „wir sind nicht mit dem Smartphone verwandt, sondern mit fremden Tieren“.

Mehr Lebensfreude durch Verzicht?

Aber führt das – jenseits von mehr medizinischer Vorsorge, verkürzten Lieferketten bei lebenswichtigen Gütern oder der verstärkten digitalen Bildung – zu dauerhaften „Lehren aus der Krise“? Die oft schwärmerisch beschriebene schöne Erfahrung von mehr Ruhe und Entschleunigung, vom blauen Himmel selbst über Peking kann in einem Jahr schon wieder vergessen sein. Ein gesamtgesellschaftliches Verhalten (beim Konsumieren, Reisen, beim Verkehr auf den Straßen oder im Internet) kann nur voraussagen, wer auch weiß, wie im Juni 2021 das Wetter wird.

Und „mehr Lebensfreude durch Verzicht“, die der Berliner Neurowissenschaftler Joachim Bauer hier sehr sympathisch empfohlen hat, dürfte nicht so leicht empfinden, wer durch die Krise gerade seine Arbeit verloren hat oder aber mit der Doppelbelastung durch Job und Kinderbetreuung in diffizilen Verhältnissen kämpft.

Außer für Ignoranten oder Verschwörungsverrückte ist eben alles: ambivalent. Riskant. Komplex. Der erste Autor der Stunde war Albert Camus mit seinem Roman „Die Pest“. Mit seiner Philosophie des Absurden, in der Sisyphos den Stein immer wieder aufs Neue wälzt, mit „Der Mensch in der Revolte“ (das philosophisch-essayistische Hauptwerk, dem er 1951 ein Hölderlin-Zitat voranstellt) ist Camus auch der Autor für morgen. „Die Welt an sich hat keinen Sinn. Erst der handelnde Mensch verleiht ihn ihr ... Es gilt, die Erde zu lieben, kühn und intelligent zu denken ...“ Und so zu leben.

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