Die Hitze in den Künsten : Sommer, glühender, bleib!

Flirrende Klänge, lauerndes Unheil, coole Songs: Ob in Ulrichs Seidls „Hundstage“ oder in T.S. Eliots „Das wüste Land“, die Hitze spielt auch in den Künsten eine Rolle.

In Vincent van Goghs Gemälde "Sämann bei untergehender Sonne" von 1888 ist die Welt noch in Ordnung.
In Vincent van Goghs Gemälde "Sämann bei untergehender Sonne" von 1888 ist die Welt noch in Ordnung.Foto: picture-alliance/dpa

Die Weizenfelder unter dem hohen heißen Himmel. Die Erntehelfer, die sich in Scharen der Kamera nähern. Der Windzug im Haar von Abby (Brooke Adams), das überhitzte Gesicht von Bill (Richard Gere), ihre heillose Dreiecksgeschichte mit dem Farmer (Sam Shepard), nur die Sonne von Texas schaut zu. „In der Glut des Südens“ lautet der deutsche Titel von Terrence Malicks Meisterwerk „Days of Heaven“, dessen Cinemascope-Bilder vom Traum und Alptraum des Schmelztiegels Amerika künden. Die Spreu fliegt hoch ins Sonnenlicht, Heuschreckenschwärme suchen das weite Ackerland heim, nicht die Dürre, sondern eine andere biblische Plage vernichtet die Ernte. Gier und Begierde, Liebe und Lüge, Versprechen und Verrat lauern in den phantasmagorischen Szenen: Auch 40 Jahre nach ihrem Entstehen haben Malicks Bilder nichts von ihrer Fiebrigkeit verloren.

Hitze im Kino verheißt nichts Gutes. Gefühle stauen sich, der Lavastrom der Gewalt bricht sich Bahn, der Mensch ist geblendet. Das Licht der Aufklärung, die Morgenröte der Revolution, alles schön. Aber wehe, man kommt der Sonne zu nahe. Es steckt ein Ikarus in jedem von uns.

Im deutschen Science-Fiction-Thriller „Hell“ von 2011 herrscht Höllenhitze. Die Sonne verbrennt alles Leben, gnadenlos, es ist die ultimative Naturkatastrophe. Aber meist erweist sich die Apokalypse als menschengemacht, mit dem himmlischen Feuerball als Sinnbild der Grausamkeiten, zu denen der Mensch fähig ist. Ach René Clements Patricia-Highsmith-Adaption „Nur die Sonne war Zeuge“ mit Alain Delon handelt von Gier und Begierde. Eine Frau, zwei Männer, ein Vermögen, die Folge: ein Mord unter wolkenlosem Firmament auf offenem Meer.

Der österreichische Kino-Radikale Ulrich Seidl hat seine „Hundstage“ von 2001 in der Wiener Vorstadt angesiedelt. 34 Grad im Schatten, pralle Sonne, pralle nackte Bäuche, ölig gefettete Haut. Wie Tote liegen die Menschen vor öden Reihenhäusern und billigen Pools, Kleinbürger, Neurotiker und andere schrägen Typen. Seidl entblößt den Menschen auf seinen monströsen Kern. Es ist nicht zum zum Aushalten. Christiane Peitz

Der österreichische Film-Radikale Ulrich Seidl versammelt in „Hundstage“ von 2001 sechs Episoden aus der Wiener Vorstadt.
Der österreichische Film-Radikale Ulrich Seidl versammelt in „Hundstage“ von 2001 sechs Episoden aus der Wiener Vorstadt.Foto: ulrichseidl.com

GOTT DES LICHTS

Es ist eine Frage der Perspektive: Einerseits nährt die Sonne alles Leben, andererseits kann sie es mit ihrer Hitze versengen. Uns will die Sonne dieser Tage eher in ihrer zweiten Gestalt vorkommen. So oder so wird sie seit jeher mit dem Herrscher assoziiert. In seiner Holzschnittfolge des „Triumphwagens Kaiser Maximilians I.“ von 1522 stellte Albrecht Dürer den Habsburger in besagtem Triumphwagen mit Sonnensymbolik dar; der Humanist Willibald Pirckheimer gab die Inschrift hinzu, „Was im Himmel die Sonne/ist auf Erden der Kaiser“. Auch spätere Herrscher haben diesen Vergleich gezogen, bis Frankreichs König Ludwig XIV. sich kurzerhand selbst als „Roi soleil“ titulierte, als Sonnenkönig. In den Gemälden, die zum Ruhme eines Herrschers gemalt wurden, spielte Apoll als Gott des Lichts eine entsprechende Rolle, zumal er zugleich der Gott der Künste ist.

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Doch die Kunst emanzipierte sich von solchen Gehalten – und wurde reine Malerei. William Turner nahm die gleißende Sonne als Anlass, helle und hellste Farben zu wilden Strudeln zu mischen, aber auch die untergehende Sonne als Metapher des Lebensendes im Gemälde des abgewrackten Kriegsschiffs „Temeraire“ einzusetzen. Von Hitze findet sich bei Turner allerdings keine Spur.

Um so mehr bei den Malern des späten 19. Jahrhunderts, die sich den Orient vornahmen. Und bei keinem schrecklicher als bei dem Russen Wassili Wereschtschagin, der nach einer Expedition ins wilde Turkestan Erfahrungen erster Hand besaß. In seinem Gemälde „Die Apotheose des Krieges“ von 1871 lässt er eine Pyramide ausgebleichter Schädel – wohl auf die Untaten von Tamerlan zurückgehend – in staubig-verdörrter Steppe aufragen, umkreist von Rabenvögeln. Eine Sonne ist nicht zu sehen. Sie ist ohnehin anwesend, nicht als Lebensspenderin, sondern als Verderberin. So weit ist sie in unseren Breiten noch lange nicht. Bernhard Schulz

KISS ME COOL

„Mr. Kinsey, der als Sexspezialist
theoretisch ja sehr viel weiß,
hat behauptet, wenn es abgekühlt ist,
sind wir Männer besonders heiß.
Doch wenn’s Thermometer
nach oben saust,
Weiß ein jeder Mann ganz genau:
Sind die Triebe
für die Liebe
sehr flau.“

Aus dem Musical „Kiss me, Kate“ von Cole Porter von 1948 in der deutschsprachigen Nachdichtung des Kabarettisten und „Insulaner“-Gründers Günter Neumann

Hot, hot sun - macht Männer müde.
Hot, hot sun - macht Männer müde.Foto: Boris Roessler/dpa

DIE NACHT WIE LAVAGESTEIN

Auf die Dichter ist in Zeiten tropischer Tage und Nächte wenig Verlass. „Kurzer Sommer, glühender, bleib!“, beginnt „Sommergefühl“, eine Ode des großen Naturdichters Georg Britting aus den vierziger Jahren. „Dein Anhauch / Zwar verdrießt das ängstliche Gras. Das Korn doch / Liebt dich, der sich rötende Wein.“ Die Bauern träumen derzeit wohl von nichts anderem, als die Sommerglut zum Teufel zu jagen. Sie hat das Versprechen „In den kühlen, glänzenden Nächten richtet / Sich das grüne Gras wieder auf“ längst widerlegt. Britting kann zwar auch einen „Unerbittlichen Sommer“ beschwören, mit einer Sonne, die – „In der Hand die / Goldne Peitsche“ – nichts Besseres zu tun hat, als auf das Heu einzuschlagen. Doch dass nicht einmal der Abend Linderung bringt, hinderte ihn nicht an einem versöhnlichen Schlussvers: „Die finstre, die Nacht, / War wie Lavagestein, / Dunkel glühend / Bis wieder zur Frühe – / Aber so muss der Sommer sein!“

Soll er eben nicht. Zumal niemand sagen kann, ob seine Verheerungen einer Wetterlaune entspringen, die bald wieder andere Kapriolen schlägt, oder dem Eintritt ins Anthropozän, eines Erdzeitalters, das wegen der menschlichen Eingriffe die Selbststeuerung verloren hat. Selbst Gottfried Benn, der für den Störfaktor Homo sapiens einen siebten Sinn hatte („Meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde / von Sonne bis zum Mond – ?“), ist in Sommerfragen kein Gewährsmann.

Mit der Zeile „Einsamer nie als im August“ hat er sich zwar für immer bei allen eingenistet, die sich vom südlichen „Rausch der Dinge“ abgeschnitten fühlen. Die berühmten, zum Ende hin den Ton abrupt wechselnden Strophen von „Was schlimm ist“, klingen derzeit erstaunlich unzeitgemäß. Ironisch fängt es an: „Wenn man kein Englisch kann, / von einem guten englischen Kriminalroman zu hören, / der nicht ins Deutsche übersetzt ist. // Bei Hitze ein Bier sehn, // das man nicht bezahlen kann.“ Dann kommt’s: „Am schlimmsten: / nicht im Sommer sterben, / wenn alles hell ist / und die Erde für Spaten leicht.“ Das sollte man mal einem Totengräber sagen.

Im Moment ist wohl nur ein einziges Gedicht der Lage gewachsen. T.S. Eliots polyphon zerklüftetes Langpoem „Das wüste Land“ von 1922 erzählt von einer sich in alle Richtungen ausbreitenden Unfruchtbarkeit und Dürre – verbunden mit der Sehnsucht, die geistig zerfallende Epoche wieder zusammenzufügen. In fünf Teilen bewegt es sich auf das Friedensgebet des „Shantih shantih shanti“ zu und passiert dabei zuletzt ein unwegsames Bergland, über dem ein Donner grollt, dem kein erlösendes Gewitter folgt. „Here is no water but only rock / Rock and no water and the sandy road“, heißt es. Und: „Wenn es wenigstens das Geräusch von Wasser gäbe.“ Gregor Dotzauer

ZÜNGELNDE SECHZEHNTEL

Kann man die Hitze hören? Natürlich nicht, genauso wenig, wie man Musik sehen kann. Und doch ist es Komponisten immer wieder gelungen, mit Klängen Wetterphänomene zu assoziieren. Prominentestes Beispiel für solche Programmmusik ist Beethovens 6. Symphonie, die Pastorale, mit heiterem Landleben am Bach inklusive Gewitter. Sie wird von einigen abschätzig als Sündenfall bezeichnet, weil Musik kein äußeres Programm abbilden und die Form für sich stehen soll.

Debussy hat es auch getan, meisterhaft, in seiner symphonischen Tondichtung „La Mer“, wo im „très lent“-Abschnitt des ersten Satzes die Mittagshitze über dem Wasser steht. Gleißendes, flirrendes Licht, dass Halluzinationen evoziert. Auch in Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ regt sich zu Beginn von „L’Estate“ kein Lüftchen. Die Hitze steht, die Akkorde schleppen sich dahin. Bloß keine schnellen Bewegungen.

Dann sind da die in warmen Ländern angesiedelten Opern, „Don Giovanni“ und „Carmen“ in Spanien, oder „Aida“ in einem zeitlos-pompösen, von den Wassern des Nils nur mühsam gekühlten Ägypten. Hier ist weniger die Sonne des Südens auskomponiert als dessen Kolorit, mit Carmens langsamer Habanera oder Giovannis Mandolinenständchen in der Mondnacht. Philip Glass hat mit „Echnaton“ eine Oper über jenen Pharao geschrieben, der den Kult des Sonnengottes einführte. Bei der futuristischen Oper „Sieg über die Sonne“ wird sie umgekehrt gleichsam kaltgestellt: Die Sonne wird in Beton eingebunkert, die Menschen sind in Freiheit entlassen. Dunkelheit als größte Utopie? Beim Publikum kam die Idee nicht gut an. Während der Uraufführung 1913 in St. Petersburg soll es zur Saalschlacht gekommen sein.

Und Wagner? Der lässt seine Anhänger bekanntlich im Bayreuther Festspielhaus schwitzen. Als ob das nicht genügte, züngelt unter Frank Castorfs Regie im Finale der „Walküre“ auch noch Feuer auf der Bühne, zuletzt am Dienstag auf dem Grünen Hügel. Wenn Wotan Loge ruft und die Piccoloflöten in punktierten Sechzehnteln die tanzenden Flammen imitieren, kann man die Hitze schließlich doch hören. Udo Badelt

He likes it hot: Glenn Frey, Mitgründer und Gitarrist der Eagles, sang „The heat is on, on the street / Inside your head, on every beat“. Frey starb im Januar 2016.
He likes it hot: Glenn Frey, Mitgründer und Gitarrist der Eagles, sang „The heat is on, on the street / Inside your head, on...Foto: dpa/The Eagles

THE HEAT IS ON

Das Schlimme an der Hitze ist, dass man sie nicht abstellen kann. Es gibt keinen Schalter. Hitze hängt, Hitze lastet, Hitze drückt, Hitze macht Glieder schwer und das Gehirn matschig. „The heat is on, on the street / Inside your head, on every beat“, singt Glenn Frey. Das Saxofon röhrt, der Synthesizer quietscht, Bass und Schlagzeug vereinen sich im Schunkelrhythmus der schlaffenster Art, es folgt ein E-Gitarrensolo, cremig wie zäher Honig. Beim Refrain rafft sich der Sänger zu einem „Oh-wo-ho, oh-wo-ho“-Ruf auf, aber er klingt nicht überhitzt, eher ermattet. Aus seiner Stimme spricht die resignative Toleranz eines Mannes, der sich mit dem Unerträglichen abgefunden hat. „The heat is on, baby can’t you feel it / Yeah, it’s on the street.“ Hitze, Straße, Hoffnungslosigkeit. Worte und Töne zerschmelzen zu Asphaltmusik.

Hitze macht gereizt. Mit dem Song des Eagles-Gitarristen beginnt die Actionkomödie „Beverly Hills Cop“ von 1984, der Vorspann zeigt die ruinösen Industriekulissen von Detroit, Autobauer in der Fabrik von General Motors, Eckensteher und Tagediebe, einen Einbruch. Helfen kann hier nur noch die große Klappe von Eddie Murphy: „Also Leute, das ist echt der sauberste und gemütlichste Streifenwagen, in dem ich je gesessen habe. Kann ich hier mit meiner Schrankwand einziehen?“

Der April mag der grausamste Monat sein, der August ist der heißeste. „Everyone’s feeling pretty / It’s hotter than July“, singt Stevie Wonder in seinem Hit „Master Blaster (Jammin)“ zu fresh wippenden Reggae-Rhythmen. Hitze ist Energie, Hitze ist Befreiung. Im Soul kann das Glück gar nicht genug Grad Celsius haben. „Heat Wave“, das ist für Martha & the Vandellas ein Aphrodisiakum, ein Zustand körperlichen Außersichseins. Das Herz steht in Flammen, die Seele brennt. The Heat is on. Komm, wir drehen noch etwas weiter auf. Christian Schröder

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