„Die Jahre“ von Annie Ernaux : Etwas von der Zeit retten

Ihre Perspektive ist die einer Generation. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux erlebt in „Die Jahre“ Geschichte am eigenen Körper.

Tobias Schwartz
Eine Strandszene aus der Normandie, wo Annie Ernaux in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs.
Eine Strandszene aus der Normandie, wo Annie Ernaux in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs.Foto: EPA/HORACIO VILLALOBOS/dpa/picture-alliance

Wer Annie Ernaux eine Soziologin nennt, tut ihr nicht unrecht. Ihr autobiografisch geprägtes Werk nimmt immer wieder die Gesellschaft als Ganzes in den Blick und stellt die Frage, wie soziales Miteinander funktioniert. Als Arbeiterkind hält sie entsprechenden Erzählstoff parat – ähnlich wie der Soziologe Didier Eribon, der in seinem Erfolgsbuch „Rückkehr nach Reims“ von seinen proletarischen Wurzeln und den prekären Seiten seiner Herkunft berichtet. Eribon, der behauptet, viel von ihr gelernt zu haben, tritt mit ihr zusammen jetzt auch in Frankfurt auf.

Ernaux’ Bücher, die seit einem Vierteljahrhundert auch auf Deutsch erschienen, ohne es hierzulande jemals zu größerer Aufmerksamkeit gebracht zu haben, erzählen beispielsweise von den „feinen Unterschieden“ (Pierre Bourdieu), die etwa in der Schule die Sprösslinge aus dem Arbeitermilieu von denjenigen aus bourgeoisen Verhältnissen trennen.

Passenderweise sieht sich Ernaux, die 1940 in Lillebonne, einem kleinen Ort in der Normandie, geboren wurde, als „Ethnologin ihrer selbst“. In ihrem in Frankreich bereits 2008 erschienenen Buch „Die Jahre“ begibt sie sich – Marcel Proust wird bereits auf der zweiten Seite Tribut gezollt – auf die Suche nach der verlorenen Zeit und unternimmt einen Epochen-Abriss, der zwischendurch auch Züge einer Abrechnung trägt.

Ernaux verzichtet auf ein Erzähler-Ich

„Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“, der letzte Satz ist das erklärte Ziel. Er schlägt die Brücke zum ersten: „Alle Bilder werden verschwinden.“ Private und kollektive Gedächtnisbilder tauchen in kurzen Absätzen auf: „Philippe Lemaire, der Schauspieler und Juliette Grécos Ehemann, seine schöne Gestalt“, oder „das Haus mit der weinüberwucherten Laube in Venedig, auf dem Zattere-Kai Nummer 90 A, das in den sechziger Jahren ein Hotel gewesen ist“. Aber auch: „die Gesichter der Menschen, die vor dem Abtransport ins Konzentrationslager von den Behörden fotografiert worden waren...“

Der Leser erkennt schnell, dass hier nicht Bilder eine Rolle spielen, die das kollektive Gedächtnis betreffen. Selbst verschiedene Schwarzweiß-Fotografien aus dem Familienarchiv, von denen ausgehend Ernaux beschreibend ihre Zeitläufte spinnt, dienen im Wesentlichen der verallgemeinernden Betrachtung. Ernaux verzichtet entsprechend konsequent auf ein Erzähler-Ich. Die Rede ist von „uns“, „wir“ oder „man“, und erst nach der Hälfte des Textes auch einmal von „sie“ oder „die“. Ihre Perspektive ist die einer Generation.

Auf Protagonisten im Sinne von handelnden Figuren verzichtet sie wie auf Handlung insgesamt. Stattdessen gibt es Themenfelder wie Fortschritt, Religion, Sex und Moral, Klassen und Schichten, die Politik und die Zeitgeschichte ab dem Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsjahre, die Algerienkrise, die Ära Charles de Gaulles, die 68er Revolte, das Kino, der Feminismus, Frankreich unter Mitterrand, das Aufkommen von Aids, die Globalisierung, das neue Jahrtausend und seine Desillusionierungen. Streckenweise liest sich der kunstvoll gebaute Text dann eher wie eine nüchterne Chronik.

Ein anspruchsvoller, teilweiser gewagter Text

Gänzlich entpersonalisiert ist der insgesamt stimmungsvolle, melancholische Text glücklicherweise dennoch nicht geraten. Ernaux’ eigene Biografie, bestehend aus einer Uni-Karriere, einer problematischen Ehe, aus Kindern, einer Krebserkrankung, dem Altern und nicht zuletzt dem Schreiben, wird unaufdringlich eingewoben. „Ich habe nur ein Leben“, schreibt sie. Zudem lauert zwischen den Zeilen eine Ironie, die eine Distanzierung von den geschilderten Ereignissen und womöglich auch von der eigenen Lebensweise, von eigenen, als überholt erkannten Ansichten bezweckt.

Stellt sich zuletzt die Frage nach dem nicht weiter bezeichneten Genre. Aber vielleicht spielt sie Jahrzehnte nach den Konzepten, wie sie Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute oder Michel Butor in höchst unterschiedlicher Weise für das entwickelten, was Nouveau roman genannt wurde, auch nicht mehr so sehr.

„Die Jahre“ jedenfalls sind ein experimenteller, ein anspruchsvoller und passagenweise gewagter Text, der auch ein breiteres Publikum zu begeistern vermag – immerhin gelang Annie Ernaux damit in Frankreich ein Bestseller. Den Titel übrigens hat sie in seiner ganzen Unauffälligkeit von Virginia Woolf geborgt, einer wahren Meisterin des literarischen Erinnerns.

Annie Ernaux: Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, Berlin 2017. 255 Seiten, 18 €.

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