Kultur : Die Liebe unterm Kruzifix

Zwillinge aus Sternenstaub: „Traumpaar der Oper“– Anna Netrebko und Rolando Villazon haben eine CD mit Schmacht-Duetten aufgenommen

Frederik Hanssen

„Ist es nicht mehr meine Hand, die diese Hand drückt, ganz wie früher“, fleht Manon, „ist diese nicht mehr meine Stimme? Ist sie keine Liebkosung mehr für dich?“ Die junge Frau sinkt vor dem Exgeliebten nieder, das Orchester rauscht inbrünstig auf. Wenige Takte später wird Des Grieux seufzen: „Ich will nicht mehr gegen mich kämpfen!“, wird sich Manon erneut hingeben und in den verbleibenden zwei Akten dem unausweichlichen Verderben entgegentaumeln.

Die Liebesszene aus Jules Massanets 1884 in Paris uraufgeführter „Manon“ gehört zu den ganz großen Knallern der Operngeschichte: Vor seinem brennenden Verlangen nach der flatterhaften, luxussüchtigen Manon hat sich der Chevalier Des Grieux in ein Kloster geflüchtet. Er ist im Begriff, die Weihen zu empfangen, als Manon in den heiligen Gemäuern auftaucht und ihn ausgerechnet unterm Kruzifix verführt. Das ist der Stoff, mit dem die Deutsche Grammophon ihr „Traumpaar der Oper“ füttert. Das Plattenlabel hat Rolando Villazon von der Konkurrenz abgeworben und kann ihn nun endlich auf einer Duett-CD mit Superstar Anna Netrebko präsentieren. Achtmal schwören sich die russische Sopranistin und der mexikanische Tenor zu Musik von Verdi, Bizet, Tschaikowski, Puccini, Massenet, Gounod, Donizetti und dem spanischen Zarzuela-Komponisten Torroba binnen 70 Minuten ewige Treue – und die ganze Welt hört zu.

Natürlich ist auch „Duets“ Häppchen-Klassik. Doch im Vergleich zu den vokalen Petit Fours, die gewöhnlich bei Arien-Recitals geboten werden, servieren Netrebko und Villazon üppig belegte Baguettes. Die meisten Nummern sind zwischen acht und dreizehn Minuten lang, Zeit genug für die beiden Sänger, um eine Szene zu gestalten, emotionale Wechselbäder zu durchleben. Zum Herzstück wird dabei Donizettis „Lucia di Lammermoor“. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Netrebkos Berufung im Belcanto liegt, hier betört Villazon mit seinem einmaligen Timbre, das viril ist und zartfühlend zugleich. Dirigent Nicola Luisotti lädt die Schauergeschichte aus dem schottischen Hochland effektsicher mit melodramatischer Energie auf, die Staatskapelle Dresden lässt’s mächtig krachen. Auch in Gounods „Roméo et Juliette“ verzichtet Luisotti weitgehend auf Pastelltöne, bevorzugt den emotionalen Dauerbrenner. Und die beiden Stars steigen voll darauf ein. Bei dieser CD geht es nicht um feine Seelenschattierungen, sonder, pardon, um Sex. Allein beim Ausschnitt aus Puccinis „La Bohème“ zeigen sich Netrebko und Villazon knauserig, bieten unerklärlicherweise nur die vier Schlussminuten mit hohem C im Treppenhaus, obwohl doch die vorangehende Suche nach dem verlorenen Schlüssel im nächtlichen Atelier zu den dankbarsten Szenen der Operngeschichte gehört.

Auch wenn beide Künstler als genuine Live-Interpreten ihre volle charismatische Wirkung erst auf der Bühne entfalten, macht diese Duett-CD in ihrem teenagerhaften Liebestaumel Spaß. Ein Album, das man am besten auf der Autobahn hört, in voller Lautstärke. Dann geht Liebe durch den Wagen.

„Stardust Twins“ nennt Nick Kimbeley Anna und Rolando im Begleitheft der CD, Sternenstaub-Zwillinge. Das klingt nicht nur wunderbar geheimnisvoll, sondern ist auch viel treffender als das Etikett „Traumpaar der Oper“, das ihnen in Deutschland ostentativ aufgeklebt wird. Schließlich ist ihre Liaison eine rein geschäftliche, Netrebko ist privat mit dem Bariton Simone Alberghini verbandelt, Villazon zweifacher Familienvater. Nein, sie sind in der Tat zweieiige Zwillinge aus fernen Galaxien, ihr Ruhm hat dank massiver Medienpräsenz längst außerirdische Züge angenommen; in den Top 20 der Klassik-Bestsellerliste belegen sie derzeit acht Plätze. Für ihre Auftritte können sie verlangen, was sie wollen. Seit Monaten wird die Sommertournee des „Traumpaars“ betrommelt, die Peter Schwenkows Deutsche Entertainment AG organisiert. Nach dem Megaerfolg ihres Waldbühnenkonzerts mit Domingo letzten Sommer hat Schwenkow den Marktwert seiner Stars noch einmal neu definiert. Selbst in Berlin mit seinem bei Veranstaltern gefürchtet niedrigen Preisniveau konnte er für einen Auftritt in der Philharmonie am 26. August bis zu 338 Euro verlangen – das Konzert ist so gut wie ausverkauft.

Glücklich, wer eine Karte für einen Auftritt der beiden bei staatlich subventionierten Institutionen ergattert hat, für den 26. März beispielsweise, wenn der atemberaubend vielseitige Villazon mit Daniel Barenboim am Klavier Schumanns „Dichterliebe“ interpretieren wird. Ab 29. April singen beide dann Unter den Linden in Massenets „Manon“. Wie auch immer das künstlerische Ergebnis ausfallen mag, diese „Manon“ steht schon jetzt als das größte populärklassische Ereignis der Hauptstadtsaison fest. Weil die Tickets seit Monaten ausverkauft sind, bietet die Staatsoper am 19. Mai ein public viewing auf Großbildleinwand auf dem Bebelplatz an. Der TV-Sender Arte überträgt bereits die Vorstellung vom 9. Mai, eingebettet in eine Anna-Rolando-Jubelwoche mit einem Villazon-Porträt am 6. Mai sowie Mitschnitten von Solo-Auftritten des Tenors (5.Mai) wie der Sopranistin (13.Mai).

Vielleicht stimmt es sogar, dass die beiden Künstler vom Hype gar nicht so viel mitbekommen. Darum kümmern sich Leute wie Jeffrey Vanderveen von der Londoner Künstleragentur IMG. Er hat sich das „Gipfeltreffen der Extraklasse“ ausgedacht, bei dem das Traumpaar der Oper auf zwei Künstler trifft, die noch einen Publicity-Schub gebrauchen können: auf die Lettin Elina Garanca und den polnischen Bariton Mariusz Kwiecien.

Veranstaltet wird das Event denn auch gleich dort, wo in Deutschland ohnehin das meiste Geld sitzt, in Baden-Baden. Wegen des zu erwartenden großen Andrangs ist das einmalige Ereignis auch gleich dreimal hintereinander angesetzt, zudem wird „The Baden-Baden-Gala“ live im Fernsehen ausgestrahlt und anschließend auf DVD herausgebracht – der „Zauber des Augenblicks“, profitmaximiert eingespeist in die mediale Wertschöpfungskette.

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