Die Medizin als literarischer Stoff : "Tage in Weiß" von Rainer Jund

Von Gottfried Benn bis Rainald Goetz: Der HNO-Arzt Rainer Jund begibt sich mit seinem Buch „Tage in Weiß“ in die Ahnenreihe schreibender Mediziner.

Nochmal hundert rauf. Szene aus OP-Saal des Krankenhauses in Spremberg, Brandenburg.
Nochmal hundert rauf. Szene aus OP-Saal des Krankenhauses in Spremberg, Brandenburg.Foto: imago/Rainer Weisflog

Als im Frühjahr 1912 der Wilmersdorfer Verleger Alfred Richard Meyer in seinen „Lyrischen Flugblättern“ die „Morgue“-Gedichte von Gottfried Benn veröffentlichte, schwärmte er in höchsten Tönen von dem Militärarzt und angehenden Pathologie-Assistenten. Benn, so Meyer, wisse genau, wovon er schreibt, seine Lyrik sei gesättigt von den „Erlebnissen des ärztlichen Berufs“.

Wenn von der Verbindung Medizin und Literatur die Rede ist, fällt in der Regel zuerst der Name von Gottfried Benn, nicht der von Schiller oder Büchner, die ebenfalls als Mediziner ausgebildet wurden. Der Grund dafür dürften die „Morgue“-Gedichte sein mit ihren Versen direkt aus der Pathologie, einer „Krebsbaracke“ und einem Geburtshaus; Verse, die noch heute verstören und einen gewissen Ekel erregen. Man denke an das „Nest von jungen Ratten“, das sich unter dem Zwerchfell eines Mädchens findet, an „zerfallene Schöße“ in der Krebsbaracke, an die „drei Näpfe voll: von Hirn bis Hoden“ im kalten Sektionssaal.

In der Benn-Generation hatte es auch andere schreibende Ärzte gegeben. So etwa Alfred Döblin, der Psychiater war, oder den Chirurgen Ernst Weiß. Nur überdeckte im Fall des einen unter anderem der Ruhm von „Berlin Alexanderplatz“ die ursprüngliche Profession, zumal Döblin sich in seinem Werk nie so explizit wie Benn in den „Morgue“-Gedichten mit der Medizin auseinandergesetzt hatte.

Und Ernst Weiß ist trotz einer 16-bändigen Werkausgabe beim Suhrkamp Verlag Anfang der achtziger Jahre ein vergessener Autor. Weiß schrieb mit „Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen“, mit „Georg Letham, Arzt und Mörder“ und dem lange nach seinem Selbstmord 1940 im Pariser Exil erschienenen Roman „Der arme Verschwender“ durchaus Arztromane.

"Irre" ist ein Klassiker in der deutschsprachigen Literatur

Der HNO-Arzt Rainer Jund, der dieser Tage mit seinem Buch „Tage in Weiß“ (Piper Verlag, München 2019. 240 Seiten, 20 €.) als Schriftsteller debütiert, zählt denn auch Benn zu seinen großen Vorbildern. Er hat seinem Buch einen Auszug aus einem Benn-Gedicht vorangestellt, nicht aus der „Morgue“-Sammlung, sondern seltsamerweise aus dem Gedicht „Das Ganze“, in dem Benn mit sich selbst wegen seines Flirts mit dem Nationalsozialismus ins Gericht ging.

Jund begibt sich mit „Tage in Weiß“ in die nicht kleine Ahnenreihe von Autoren, die nicht nur Ärzte sind, sondern die Medizin als literarischen Stoff bearbeiten. Was zum Beispiel so klingt: „Der Stationsassistenzarzt hatte ihr zuviel Heparin gegeben. Das setzte die Gerinnungsfähigkeit des Blutes stark herab. Die Prothrombinzeit, die in Sekunden anzeigt, wie schnell das Blut gerinnt, war massiv verlängert. Was normalerweise schnell geht, dauerte jetzt viel zu lange.“

Die Medizin und das Milieu der Ärzte und Ärztinnen zählt nicht zu den bevorzugten Sujets in der Literatur – und wenn, von anderer Seite, der der Patienten, als Krankengeschichte. Der Arztroman als Genre gehört nach dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich ins Fach der Trivialliteratur, millionenfach wurde er als Heftchen und in Fortsetzungen verkauft, in der Regel mit Liebesgeschichten zwischen braungebrannten Ärzten und schmachtenden Krankenschwestern.

Aber der Arztroman in der seriösen, anspruchsvolleren Literatur? Hie und da gibt es ihn. Fast schon ein Klassiker ist das Debüt des Georg-Büchner-Preisträgers Rainald Goetz, „Irre“. Dieser Roman erschien 1983 und erzählt aus dem Innern einer psychiatrischen Klinik in München, in Form von Fallgeschichten und aus der Perspektive der Ärzteschaft, insbesondere des rastlosen, zweifelnden Ich-Erzählers und Jungmediziners Raspe.

„Irre“ bildet authentisch die Psychiatrie der frühen achtziger Jahre ab, zum Beispiel die tägliche Visite auf Station: „Und die Stimmen, wie geht es den Stimmen? sagte Bögl. Der Patient sagte Neenee, die Stimmen, das ist praktisch weg, (...). Zu Raspe gewendet sagte Bögl: Da gehn wir , glaube ich, noch hundert rauf mit Taxilan, (...). Bögl dann zum Patienten hin: Und was reden die? Was befehlen die? Der Patient zögerte, wirkte befangen, umgeben und beobachtet von den in einem Stühlekreis versammelten Mitpatienten.“

Kristof Magnusson schrieb 2014 explizit einen "Arztroman"

Der Berliner Schriftsteller Kristof Magnusson hat seinem 2014 veröffentlichten Roman über eine im Urban-Krankenhaus in Kreuzberg beschäftigte Notfallärztin gleich den Titel „Arztroman“ gegeben – um das Genre zu ironisieren, womöglich auch, um an das Publikum in Bahnhofshandlungen zu kommen. Magnusson schildert ähnlich authentisch wie Goetz den Berufsalltag seiner Heldin und hat dabei das medizinische Vokabular geschickt integriert. Ohne vom Fach zu sein, wie Goetz mit seinem abgeschlossenen Medizinstudium oder jetzt Jund, muss Magnusson akribisch recherchiert und sich beraten lassen haben.

Der „Arztroman“ mag in seinem Kern ein Berlin- und Patchworkfamilienroman sein, bekommt seine dramaturgischen Höhepunkte jedoch immer bei den Einsätzen der Notärztin. Dann ist er am besten, am nächsten an einer Kreuzberger Realität .

Im Fall von Rainer Junds Buch „Tage in Weiß“ kann man wie seinerzeit Meyer über Benn davon sprechen, dass dieses Buch von den „Erlebnissen des ärztlichen Alltags“ lebt. Von Geschichten über den jungen Handwerker mit einem Cholesteatom, einem entzündlichen Prozess im Mittelohr, den ein Chirurg so grob und nachlässig operiert, dass er danach mit schweren, sein Leben enorm beeinträchtigenden neurologischen Ausfallerscheinungen kämpfen muss. Oder von dem Surfer, der sich in Brasilien einen Fadenwurm eingefangen hat, und zwar in Nase und Nasennebenhöhlen.

Der HNO-Arzt Rainer Jund, 1965 geboren
Der HNO-Arzt Rainer Jund, 1965 geborenFoto: privat/Piper Verlag

Oder von dem kleinen Jungen, bei dem ein riesiger Abszess hinter der Mandel diagnostiziert wird und der bei der Operation nur um Millimeter einer Katastrophe entgeht: „Ich hatte tief präpariert“, so Junds Erzähler, „und hätte mit dem nächsten Schlag des Raspatoriums nicht nur die hauchdünne Gewebeschicht, sondern auch die Halsschlagaderwand des Jungen entfernt.“

Rainer Jund hat „Tage in Weiß“ als Entwicklungsgeschichte angelegt. Es beginnt mit einem Erlebnis seines Ich-Erzählers als Medizinstudent in der Anatomie, danach folgen die Erfahrungen des Assistenzarztes in der HNO-Abteilung einer Münchner Klinik, und irgendwann kommen die Zweifel und Fluchtgedanken des gestandenen Mediziners. Das Buch trägt keine Gattungsbezeichnung. „Tage in Weiß“ ist auch kein Roman, sondern mehr eine Fallgeschichtensammlung, inklusive Szenen aus dem Krankenhaus-Alltag aus ärztlicher Sicht, ob das nun ein ereignisloser Dienst ist oder die Chefarztvisite.

Junds Buch erinnert bisweilen an den frühen von Schirach

Manchmal merkt man, wie sehr Jund sich darin gefällt, zu schreiben, Schriftsteller zu sein. Dann glaubt er, mehr mitteilen zu müssen als bloß die Geschichten eines Arztes. Das schmerzt bisweilen, wenn er einen Kant-in-Königsberg-Traum einstreut oder ins Sinnieren gerät: „Welche Optionen haben wir eigentlich? Wissen wir es wirklich vorher?“.

Und richtig böse Schmerzen bereitet der Mediziner-Schriftsteller, wenn er versucht, sprachlich aufzutrumpfen und dabei eine grenzwertige Metapher an die andere reiht:  „Ihre Augen kleine, leere Espressotassen“. Oder: graue Wolken, die am Himmel „klebten wie lästige Fragen“. Oder: ein Milchkaffeegeruch, „der von ihrem Gesicht emporstieg wie Frühnebel“. Oder, schon wieder Augen, „die sich berührten, als würden zwei Holzschwerter aneinanderreiben.“

Solche Mängel und ein Hang zu Kitsch und Pathos überdecken leider, dass dieses Debüt in seinen besten Momenten passagenweise an die ersten Bücher des gelernten Juristen Ferdinand von Schirach erinnert (der diese übrigens im selben Verlag veröffentlichte), an die Erzählungen aus dem Alltag eines Anwalts, „Verbrechen“ und „Schuld“.

Die Kranken- und Notfallgeschichten der Patienten, die Jund erzählt, die der Unterhaltungen mit ihnen, die seiner Operationen, sind zumeist präzise, auf den Punkt hin geschrieben, und klar, manchmal auf den Effekt. Mit den medizinischen Begriffen, Diagnosen und Vorgehensweisen, den anatomischen Begebenheiten im Bereich des Halses geht Jund sorgsam um, er versteht sie nachvollziehbar zu erklären. Da gelingen ihm dann auch Bilder, so wie bei der Luftröhre, die er als „regelmäßige Knorpelspangen“ beschreibt, „wie eine Wirbelsäule, ein Spazierstock, ein Spaziergang, schnell gefunden.“

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Rainer Jund ist mit seiner Prosa natürlich literarisch weit entfernt von Benn. Doch nach der Lektüre von mancher Szene in „Tage in Weiß“ stellen sich auch die Leiber auf den Pathologie-Tischen in den „Morgue“-Gedichten weniger radikal gespenstisch und geradezu gewohnt entsetzlich dar. Manche Dinge in der Medizin, so manches über Menschen, Körper und Krankheiten, ändert sich nie, und so schmerzhaft das bisweilen ist, so beruhigend ist es auch.

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