Kultur : Die Moschee hinterm Deich

Der Mord an Theo van Gogh als Kulturkonflikt: Ian Buruma beschreibt „Die Grenzen der Toleranz“

Clemens wergin

Vielleicht ist es das Buch, das sein Leben lang auf ihn gewartet hat. Auf Ian Buruma, den holländischen, kosmopolitischen Essayisten, der Mitte der Siebziger seine Heimat verließ, weil sie ihm zu eng geworden war. Der deshalb den Innenblick auf die Niederlande genauso beherrscht wie den von außen auf ein Land, das durch die Morde an Pim Fortuyn und an Theo van Gogh aus seiner überschaubaren Gelassenheit gerüttelt wurde. Der ein Liberaler ist, der an das nebeneinander von Kulturen glaubt, der sich aber auch intensiv mit dem antiwestlichen Gedankengut des Islamismus beschäftigt hat, so dass er nicht wie viele andere europäische „Progressive“ dazu neigt, diese totalitäre Herausforderung kleinzureden. Wer hätte also besser als Ian Buruma ein Buch über Theo van Gogh schreiben können, den Filmregisseur, der von einem hasserfüllten Islamisten marokkanischer Herkunft auf bestialische Weise ermordet wurde?

Die Stärke seines Buches „Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh“ besteht in der Mischung aus Recherche und Reflektion. Man erfährt nicht nur viel über Holland. Über die verschiedenen Klassen von Ausländern in diesem Land, etwa die aus der ehemaligen Kolonie eingewanderten Surinamer. Sie sind „kein Problem mehr“, wie Buruma schreibt. „Sie sprechen Holländisch, tun sich beim Fußball hervor und sind im großen und ganzen stetig in die Mittelklasse aufgestiegen.“ Anders die so genannten Gastarbeiter, Türken und Marokkaner zumeist, deren Aufenthalt nicht von Dauer sein sollte. Und die in den „Schüsselstädten“, in denen sie über Satellitenfernsehen an die Kultur ihrer Herkunftsländer angeschlossen sind, ein mehr oder weniger abgeschottetes Leben führen. Was Buruma hier beschreibt, gilt ähnlich für viele westeuropäische Länder. Es gilt auch unabhängig davon, ob ein Land wie Holland oder die Bundesrepublik lange am Mythos Gastarbeiter festhielt oder wie Großbritannien oder Frankreich jeweils unterschiedliche Integrationskonzepte verfolgte. Holland ist Europa: Es gibt einen Grad der Entfremdung eines Teils der muslimischen Bevölkerung, der besorgniserregend ist.

Buruma sieht das Problem vor allem in der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Während die Älteren noch wüssten, wer sie seien, konstatiert er bei den Nachgeborenen einen schwerwiegenden Identitätskonflikt. Wie aber schlägt ein mangelndes Zugehörigkeitsgefühl in Gewalt um und führt zuletzt gar zu solch einer extremen Tat wie der Mohammed Bouyeris, der Theo van Gogh kaltblütig niederschoss, ihm die Kehle durchschnitt und mit einem zweiten Messer eine Botschaft an die islamkritische Politikerin Ayan Hirsi Ali an die Brust heftete?

Für Buruma liegt das Problem nicht so sehr bei den muslimischen Traditionalisten. „Am anfälligsten sind alle diejenigen, die ihre Bemühungen, sich in das holländische Alltagsleben einzufügen, trotz aller Versuche durchkreuzt sehen. Alles kann eine Stimmung aus gewalttätigem Ressentiment und Selbstzerstörung auslösen: ein zurückgezogenes Arbeitsplatzangebot, ein nicht vergebenes Stipendium, eine Tür zu viel, die vor einem zugeschlagen wird.“ Wer das Gefühl hat, von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt und gedemütigt zu werden, dem mag das islamistische Angebot einer eindeutigen, starken Identität attraktiv vorkommen. Deren Ideologie ist überall in der Welt abrufbar: „Ein Großteil von Bouyeris Kenntnissen radikal-islamistischer Rhetorik stammte aus englischen Übersetzungen arabischer Texte, die aus dem Internet heruntergeladen wurden.“ Man kann sich also in Europa als Teil einer gedemütigten Minderheit empfinden und gleichzeitig das Gefühl haben, einer heroischen internationalen Bewegung anzugehören.

Buruma beschreibt den Mord an Theo van Gogh als Kulturkonflikt. Das hat auch mit der niederländischen Besonderheit der „Schandkritik“ zu tun, einer Art der intellektuellen Auseinandersetzung, die mit Beschimpfungen und Verunglimpfungen geführt wird – und die viele eingewanderte Muslime nicht verstehen oder akzeptieren können. Van Gogh hat die „Schandkritik“ wie kein anderer auf die Spitze getrieben. Gleichzeitig war sein Kampf gegen muslimische Obskurantisten, die er gerne als „Ziegenficker“ bezeichnete, auch ein Aufstand gegen die sozialdemokratischen Eliten seines Landes, die Probleme der multikulturellen Gesellschaft lange tabuisierten und all jene als Rassisten brandmarkten, die sie ansprachen.

Mit feinem Gespür registriert Buruma, dass sich mit dem Islamkritiker Pim Fortuyn – der von einem autochtonen Holländer erschossen wurde – und dem Mord an van Gogh neue politische Fronten ergeben. Konservative werden da zu vehementen Verfechtern aufklärerischer Werte, nicht zuletzt, weil sich damit ein neues „eigenes“ gegen das fremde „andere“ abgrenzen lässt. Die Linke teilt sich. Hier die van Goghs und andere, die darauf bestehen, dass die universalistischen Werte Europas, allen voran Menschenrechte und Geschlechtergleichheit, für alle zu gelten hätten. Dort eine folkloreverliebte Linke, die einen Relativismus vertritt, der der europäischen Aufklärung die selbe Werthaltigkeit zumisst wie traditionellen Lebensformen. Eine Umkehrung der hergebrachten Muster in westlichen Gesellschaften.

Den Mord an Theo van Gogh deutet Buruma als Zusammenprallen zweier universalistischer Ideologien, der der Aufklärung und der des islamistischen Dschihad. Einer der wenigen Schlüsse, die nicht überzeugen. Denn wer die Werte der Aufklärung in der eigenen Gesellschaft verwirklicht sehen will, dort, wo diese auch durch Verfassungen abgesichert sind, begründet dadurch noch keinen weltübergreifenden Anspruch – anders als die islamistische Revolution.

Burumas essayistische Beobachtungen liefern eine verstörende Studie über Europas Zusammentreffen mit dem Islam, der längst auch eine europäische Religion geworden ist. Buruma erzählt die Positionen einzelner Beteiligter an diesem Drama mit persönlicher Anteilnahme. Er überschreitet aber – etwa bei der Beschreibung der persönlichen Kränkungen, die Mohammed Bouyeri erlitten hatte – nie die feine Grenze vom Verstehen zum Verständnis, von Recherche zur Rechtfertigung. Seine Sympathien gelten denen, die zwischen den Stühlen sitzen. Denn gerade moderate Muslime fühlen sich seit dem 11. September in eine Kollektivhaftung genommen, aus der sie sich vorher mit viel Mühe befreit hatten. So fand er auch unter diesen modernen Muslimen kaum jemanden, der mit der harschen Islamkritik von Ayan Hirsi Ali etwas anfangen konnte und viele, die sich von Theo van Goghs wüsten antimuslimischen Tiraden gekränkt fühlten. Das ist kein Grund, jemanden umzubringen. Es wirft aber Fragen der Fairness im gesellschaftlichen Umgang auf.

Sicher richteten sich van Goghs Tiraden auch gegen die Mandarine der holländischen Politik, die aus Gründen der political correctness Integrationsprobleme unter den Teppich kehrten. Sein aufklärerischer Furor nahm aber eine Minderheit aufs Korn, die immer noch zu den schwächsten Gliedern europäischer Gesellschaften gehört. Das heißt nicht, dass man Ehrenmorde, Frauenunterdrückung und hohe Kriminalitätsraten nicht zum Thema machen sollte. Es handelt sich aber nicht um eine Auseinandersetzung, die dem Kampf der Aufklärer gegen die Macht der Kirchen in Europa gleicht. Die Kräfteverhältnisse sind heute eindeutig zugunsten der Säkularisten und Aufklärer verschoben. Deshalb können und sollten sie es sich leisten, mit feinerem Florett zu fechten. So, wie Buruma es in „Die Grenzen der Toleranz“ tut, das ein so gedankenreiches Buch ist, weil er auch Thesen über den Kulturkonflikt referiert, die er selbst nicht teilt.

Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh. Aus dem Englischen von Wiebke Meier. Hanser Verlag, München 2007. 254 Seiten, 19,90 Euro.

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