Zynisch könnte man den ersten Oscar für Michael Haneke auch als Langweiler bezeichnen.

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Die Oscars 2013 : Der Preis für das beste Vaterland geht an...

Natürlich jubelte Ben Affleck, überwältigt, und der persönliche Jubel - er war als Regisseur nicht einmal nominiert, und einen Besten Oscar-Film ohne diese Nominierung hat es seit 1990 nicht gegeben - sei ihm gegönnt. Dass nun zudem, wohl auch wohl wegen der Verkünderinnenrolle Michelle Obamas, iranische Nachrichtenagenturen prompt die Ehrung für einen "antiiranischen Film" brandmarken, sei hier als besonders subtiler Beitrag zum Post-Oscar-Kassenerfolg von "Argo" registriert. Immerhin aber brachte die Wahl noch einmal Zunder in eine Zeremonie, die sich trotz steter Scherzimpulse des frisch verpflichteten Moderators Seth MacFarlane von Gesangs- zu Gesangs- und Musical- zu Musicalnummer zog und zog und zog. Und zwischendurch setzten sich überwiegend die heftig gesetzten Favoriten durch - von Daniel "Lincoln" Day-Lewis über Anne Hathaway ("Les Misérables") bis Jennifer Lawrence ("Silver Linings").

Oscar-Schaulaufen auf dem Roten Teppich
Oscar-Favouritin Jessica Chastain schreitet als eine der Ersten über den Teppich, dicht gefolgt von....Weitere Bilder anzeigen
1 von 30Foto: Reuters
25.02.2013 13:40Oscar-Favouritin Jessica Chastain schreitet als eine der Ersten über den Teppich, dicht gefolgt von....

Insofern könnte man zynisch auch den ersten Oscar für Michael Haneke als Langweiler bezeichnen - erstens, weil Haneke für "Liebe" von der Goldenen Palme 2012 in Cannes über den Europäischen Filmpreis und einen Golden Globe bis zuletzt am Freitag fünf französischen Césars bereits so ziemlich jeden relevanten Filmpreis geholt hat, der auf diesem Erdball zu haben ist. Und zweitens, weil "Liebe" ohnehin so turmhoch über allem steht, was im letzten Jahr produziert wurde, die restlichen Oscar-Konkurrenten eingeschlossen. Überraschend also eher, dass Haneke mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film nur eine seiner fünf Noiminerungen verwandeln konnte - und damit hinter früheren in anderen Disziplinen wildernden Auslandsfilmen wie "Tiger and Dragon" (vier Oscars 2001) und "La vita è bella" (drei Oscars 1999) zurückblieb. Und besonders schade, dass "Amour"-Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva, am Oscar-Sonntag 86 geworden, ohne Trophäe heimfahren muss. Kalendarische oder anderweitige Mildtätigkeit aber war noch nie Sache der Academy.

Auch sonst fehlte dieser Krönungskarawanserei das, was man heute gerne eine "Erzählung" nennt. Ein entschieden selbst gesetztes Thema, mit dem die Oscar-Geschichte zumindest gesellschaftliche Entwicklungen nachvollzieht und auf das sich Laudatoren und Geehrte gleichermaßen beziehen, ob das den Siegeszug der Frauen betrifft oder jenen der Schwarzen, oder ob die traditionell offene Hollywood-Community scharf politisch Stellung bezieht, wie zu Zeiten Bushs. Diesmal galt wohl: "Lieb Vaterland, magst ruhig sein". Obwohl Udo Jürgens' Ständchen, wäre er denn geladen gewesen, den Amerikanern am Sonntag womöglich auch noch zu kritisch ausgefallen wäre.

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