Die Performance-Gruppe EGfKA in Berlin : Vergangene Zukunft

Politisches Beschwörungstheater im Ballhaus Ost: Die Performance-Truppe EGfKA sucht mit „Past Forward“ in der Historie nach Auswegen aus der Gegenwart.

Computer sind auch Bibliotheken. Im Geschichtslabor der „Europäischen Gemeinschaft für Kulturelle Zusammenarbeit“.
Computer sind auch Bibliotheken. Im Geschichtslabor der „Europäischen Gemeinschaft für Kulturelle Zusammenarbeit“.Foto: Pascal Bruns/promo

Das Stück beginnt mit dem Ende. Mehrere Projektoren und Bildschirme zeigen synchron die Nulllinie eines EKGs, das keinen Schlag mehr misst. Der Rest des Abends ist eine Geisterbeschwörung. Protagonisten historischer Augenblicke, in denen die Weichen für Utopien schon gestellt schienen, die aber nicht zustande kamen, können sich zeigen. „Histopien“ nennen die Macher des Stückes solche Momente, deren Heraufbeschwörung Handlungsoptionen für die Gegenwart eröffnen soll.

Hier ist die „Europäische Gemeinschaft für Kulturelle Angelegenheiten“ am Werk, kurz EGfKA, was weit offizieller und institutioneller klingt, als es tatsächlich der Fall ist. Es deutet aber die Ernsthaftigkeit an, mit der die Gruppe Theater macht. Gegründet 2012, versteht sich das Kollektiv als eine von vielen Antworten auf die Krisensituation in Europa, der es neue Formen „ästhetischer Solidarität“ durch Bühnen- und Theoriearbeit entgegenstellen will.

Im aktuellen Stück „Past Forward“ sieht das so aus: Im „ZeitRaumMaterialisierer3000 (ZRM3000)“, der wie ein Hybrid aus Raumschifffantasie und offener Baustelle anmutet, beziehen die acht Performer an Computerstationen mit leuchtenden Kontrolloberflächen Stellung. Wie Verwaltungsangestellte einer anderen Dimension verschmelzen sie mit dem Apparat, der die beschworene Geschichte materialisieren soll. Mit Synthesizern und alten Messoszillatoren wird akustisch der Eindruck eines Maschinenraums erzeugt, während die Projektoren historische Bilder von niedergeschlagenen Aufständen, Leid und Unterdrückung an die Wände werfen – gleichsam defibrillierende Elektroschocks gegen die Nulllinie.

Immer wieder neue Sinnzusammenhänge

Wie die Bilder sind auch die gesprochenen Texte überwiegend Archivmaterial. Aus einem Pool von Zitaten politischer Aktivisten, von Opfern politischer Gewalt und Rassismus, aber auch von Galionsfiguren politischer Bewegungen greifen die Performer improvisatorisch Texte heraus. Daneben Fragmente und längere Textpassagen, die dem Bühnengeschehen eine gewagte theoretische Fallhöhe verleihen, wie etwa Walter Benjamins Geschichtsaufsatz, dessen darin formulierter Revolutionsbegriff überall im Stück durchscheint, oder Heiner Müllers Zuspitzung „Nekrophilie ist Liebe zur Zukunft“.

Durch den improvisatorischen Umgang mit den Texten und den Stream der Bilder entstehen zufällig immer wieder neue Sinnzusammenhänge. Das Ganze verdichtet sich zunehmend, steigert sich in Licht, Rhythmus und Lautstärke, während die Sprachverständlichkeit abnimmt, bis die Historie zu einem einzigen hypnotischen Dröhnen wird, in dem alles mit allem wechselwirkt: Revolten mit ihren Niederschlagungen, Revolutionen mit ihrem Umschlagen in Diktaturen, emanzipatorische Reden und die Trümmer- und Leichenberge der Konterrevolution mit Theoriefragmenten.

Auf einer Laufschrift ist immer wieder Bartlebys geniale Arbeitsverweigerung „I would prefer not to“, „ich würde lieber nicht“, zu lesen. Herman Melvilles Vision eines gewaltfreien Widerstands wird damit angerufen.

Auch das Publikum ist mit auf der Bühne

Das Publikum befindet sich dabei durchweg ebenfalls auf der Bühne. Schon zu Beginn des Stückes wird es aufgefordert, die Zuschauertribüne für die zu beschwörenden Geister frei zu halten. Vor dem Hochfahren des ZRM3000 hatten Darsteller und Publikum Namen Verstorbener, deren Anwesenheit sie sich wünschten, auf Zettel geschrieben und diese auf die Sitzplätze verteilt – etwa Rosa Luxemburg, „Opa“ oder David Bowie. Man kann es so denken: In der Zuschauertribüne sitzen die Geister und schauen den Lebenden beim Umgang mit der Geschichte zu. Einen Zwang zur Interaktion gibt es aber nicht.

Man könnte sich daran stören, dass hier die Schauspielkunst zu kurz kommt, dass keine Charaktere erscheinen, die Entwicklungen durchmachen. Auch daran, dass die Dichte der Referenzen die allermeisten Bildungshorizonte übersteigen dürfte oder die Textfragmente, ohne ihre Ursprungskontexte, an Sinn verlören. Ein verkopftes Lehrstück also, das seine Inhalte nicht vermittelt? Das sein Publikum auf die Bühne setzt, um ihm von oben herab zu zeigen, wen es alles nicht kennt und was es alles nicht weiß?

Es täte dem Stück unrecht. Denn natürlich kann es nicht um ein akademisches Verständnis der Texte gehen – wir sind in keiner Vorlesung. Alles hat einen ästhetischen Wert, wird sinnlich erfahrbar. Vieles bedrückt und schmerzt beim Anblick. Es zeigt sich aber auch, dass die Möglichkeiten der Rekombination gedanklicher Ansätze noch lange nicht erschöpft sind, dass die Geschichte reich ist an nie entfalteten Ansätzen zur Überwindung ungerechter Verhältnisse.

Und so steht es, reich an Empathie und theoretischer Schönheit, den Forderungen nach stumpfen Schlussstrichziehungen entgegen, die gerade in letzter Zeit wieder öfter zu hören sind.

„Past Forward“ war am Wochenende in Berlin zu sehen und zieht vorerst weiter durch Deutschland und Österreich. Künftige Termine sind der Website www.egfka.eu/pastforward zu entnehmen.

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