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Die Polin Olga Tokarczuk : Erst Opus Magnum, dann Literaturnobelpreis

Gerade hat Olga Tokarczuk ihren 1100-Seiten-Roman „Die Jakobsbücher“ veröffentlicht. Polens Kulturminister würdigt die Auszeichnung für Olga Tokarczuk.

Olga Tokarczuk, 2017 bei einer Buchmesse im polnischen Krakau.
Olga Tokarczuk, 2017 bei einer Buchmesse im polnischen Krakau.Foto: REUTERS

Olga Tokarczuk ist gerade auf einer Lesetour in Deutschland unterwegs. Sie saß im Auto, als der Ständige Sekretär der Nobel-Akademie, Mats Malm, sie anrief, sie musste erstmal rechts ranfahren, um die Botschaft vom Literaturnobelpreis entgegen zu nehmen. Die Auszeichnung für Tokarczuk kommt weniger überraschend als die für Peter Handke: Ihr Name stand auf der Liste der als aussichtsreich geltenden Kandidatinnen und Kandidaten. Und erst 2018 hatte sie mit dem Man-Booker-Preis eine der renommiertesten internationalen Literaturauszeichnungen gewonnen, er ging erstmals nach Polen.

Tokarczuk, Jahrgang 1962, hat gerade ihr Opus Magnum vorgelegt. Erst vor wenigen Tagen ist das jüngste Buch der mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichneten Autorin auf Deutsch erschienen. Der Roman "Die Jakobsbücher" (Kampa Verlag) umfasst über 1100 Seiten und wird in ersten Rezensionen als metaphysisches und lebenspralles Epos gewürdigt, als schillerndes Porträt eines Grenzgängers und Panorama einer Welt in der Krise.

Es geht um Jakob Frank, der im 18. Jahrhundert in Polen lebte (und 1791 in Offenbach starb) und Anführer der mystischen Bewegung der Frankisten wurde. Sein Volk, die Juden Osteuropas, wollte er ins moderne Zeitalter führen. Jakob Frank galt vielen als Weiser und Messias, er war aber auch als Scharlatan und Ketzer verrufen.

Olga Tokarczuk, Chronistin ihres Landes und Analytikerin von Geschichte und Gegenwart, wurde jetzt in einer ersten Stellungnahme von Polens Kulturminister Piotr Glinski gewürdigt. Er wertete die Auszeichnung als Erfolg für sein Land.

Der Literaturnobelpreis sei ein klarer Beweis dafür, dass die polnische Kultur auf der ganzen Welt geschätzt werde, schrieb Glinski auf Twitter. Er werde sich jetzt nochmals der noch nicht beendeten Lektüre der Werke von Tokarczuk zuwenden. Der nationalkonservative PiS-Politiker hatte zuletzt Schlagzeilen gemacht, weil er ihm politisch nicht genehme Museumsdirektoren kurzerhand absetzte.

Tokarczuk, geboren im polnischen Sulechow, hatte zunächst Psychologie studiert und war als Therapeutin unter anderem in der Suchthilfe tätig, bevor sie mit dem Schreiben begann. Nach einer ersten Lyrik-Veröffentlichung machte sie sich gleich mit ihrem im 17. Jahrhundert angesiedelten Debütroman „Reise der Buchmenschen“ einen Namen.

Ihr dritter, 1996 erschienener  Roman „Ur und andere Zeiten“ bescherte ihr dann auch internationale Erfolge, bei Lesern wie Kritikern. Seitdem ist sie die bekannteste Schriftstellerin ihres Landes. In "Ur und andere Zeiten" steht das fiktive ostpolnische Städtchen Ur  unter dem Schutz von Erzengeln – die Geschichte beginnt mit dem Ersten Weltkrieg und spannt sich über achtzig Jahre.  

Den Nike-Preis, die bedeutendste Literaturauszeichnung Polens, erhielt Olga Tokarczuk 2015.
Den Nike-Preis, die bedeutendste Literaturauszeichnung Polens, erhielt Olga Tokarczuk 2015.Foto: imago

In ihrem wild mäandernden Reiseroman „Unrast“, der auf Deutsch 2009 bei Schöffling erschien, mahnt die Erzählerin gleich zu Beginn, dass Literatur nichts für zarte Seelen sei. „Es ist eine kontrollierte Psychose, eine Paranoia und zugleich Obsession, die mit Arbeit verbunden ist und deshalb auch nicht mit den Federn, Rüschen und venezianischen Masken ausgestattet, die wir damit assoziieren, sondern eher mit Fleischerschürze und einem Messer zum Ausweiden in der Hand.“

Ihre Literatur streift die Sphäre des Mystischen und Metaphysischen

Nach ihren ersten Romanen hatte sich Tokarczuk eine Zeitlang mehr auf kürzere Prosatexte verlegt, die unter Titeln wie "Kleiderschrank", "Taghaus, Nachthaus" oder "Letzte Geschichten" veröffentlicht wurden. Vor den "Jakobsbüchern" war auf Deutsch zuletzt 2011 ihr Roman "Der Gesang der Fledermäuse" (2011) herausgekommen. Auch hier streift ihrer Literatur die Sphäre des Mystischen. und Metaphysischen, auch hier erkundet sie Seelenlandschaften. Eine Englischlehrerin auf dem Dorf hütet die Sommerhäuser der Städter, sie übersetzt die Gedichte von William Blake und denkt über die Sterne, über die Bedeutung von Namen und die Verbrechen nach, die an Tieren begangen werden.

Ihrem jüngsten Werk "Die Jakobsbücher" wird der gemeinsam mit dem Literaturnobelpreis 2019 vergebene Preis für 2018 nun gewiss etliche zusätzliche Leserinnen und Leser bescheren. 1184 Seiten warten auf sie. (Tsp)

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