Die politische Genese eines Autors : Wie Thomas Mann zum Demokraten wurde

Vor 1914 war Thomas Mann noch überzeugter Monarchist. Die Münchner Ausstellung „Democracy will win!“ zeigt die politische Entwicklung des Schriftstellers.

Weißhütig. Mann mit Tochter Elisabeth, Pacific Palisades, 1946.
Weißhütig. Mann mit Tochter Elisabeth, Pacific Palisades, 1946.Foto: ETH, Zürich

In Südkalifornien regnet es bekanntlich nie. Im Foyer des Literaturhauses München stehen Fotowände mit Palmen vor strahlend blauem Himmel, und der Blick richtet sich auf eine weiße Balkenkonstruktion, eine nach oben offene Andeutung eines Hauses.

Das symbolisiert zweierlei: Die Demokratie als grundsätzlich unvollendete Staatsform, die der Mitwirkung aller bedarf, um lebendig zu bleiben. Und das „San Remi“ oder „Seven Palms“ genannte Anwesen der Familie Mann in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles.

„Eine freundliche private Umgebung ist unter den heutigen bedrückenden Umständen von so großer seelischer Wichtigkeit“, schrieb Thomas Mann 1941 an den Architekten J. R. Davidson. Im Jahr darauf bezog die Großfamilie das Anwesen im Stil der kalifornischen Moderne.

Seit 2016 ist die Villa im Besitz der Bundesrepublik und fungiert inzwischen als Residenz und transatlantischer Debattenort, nicht weit von Lion Feuchtwangers Villa Aurora.

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Die Ankündigung der Bundesregierung, das Thomas Mann House zu kaufen, kam für Manns Enkel Frido Mann einem Donnerschlag gleich, wie er bei der Eröffnung der Ausstellung mit einem Strahlen in den Augen erzählt. Sein Leben habe sich seitdem verändert: „Jetzt will ich eben als Deutscher und als Amerikaner auf beiden Kontinenten in den Fußstapfen des Großvaters auch mit Lecture Tours werben für Demokratie, für Dialog.“

Dreidimensional Demokratie veranschaulichen

In seinem Buch „Das Weiße Haus des Exils“ erinnert sich der Musiker, Psychologe und Schriftsteller detailliert und lebhaft an das Haus seiner Großeltern. Dort verbrachte der heute 79-Jährige prägende Kindheitsjahre; seine imaginären Streifzüge durch die rund zwanzig Zimmer der Villa sind die Gestaltungsgrundlage der Münchener Ausstellung, die in enger Kooperation mit dem Berliner Verein Villa Aurora & Thomas Mann House (www.vathm.org) entstanden ist.

Dreidimensional veranschaulicht die Schau den abstrakten Begriff der Demokratie, gerade in Zeiten ihrer akuten Gefährdung.

Anhand durchaus ambivalenter Begriffe wie „Herkunft“, „Zeitgeist“, „Bekenntnis“, „Handeln“ und „Verantwortung“ hat das Team von Literaturhaus-Leiterin Tanja Graf und Kuratorin Karolina Kühn zum einen Dokumente zu Manns zunächst widerwilliger Entwicklung zum politischen Schriftsteller ab 1914 zusammengestellt.

Ein zweiter Teil dient unter der Verwendung derselben Rubriken als Echoraum von den sechziger Jahren bis heute. Hier gibt es ein Potpourri aus Film- und sonstigen Zitaten unterschiedlichster Demokratiebewegungen, von Beate Klarsfelds berühmter Ohrfeige bis zu dem kürzlich zu Boden geworfenen Blumenstrauß im Thüringer Landtag.

Diese Kontrastierung hat etwas von Sozialkunde-Unterricht und überzeugt nur bedingt.

Politischer Streit entzweite die Brüder

1914 veröffentlichte der glühende Monarchist Thomas Mann seinen ersten Essay „Gedanken im Kriege“. Sein älterer Bruder Heinrich dagegen trat entschieden für die Republik und die Verständigung mit Frankreich ein. Dieser Streit entzweite die Brüder.

Nach Kriegsende lancierte der Jüngere einen halbherzigen Versöhnungsversuch: Zwar habe Heinrich recht behalten, doch werde er ihm deshalb nicht schluchzend an die Brust sinken. In diesen Zeilen zeigt sich das zuweilen hochfahrende Selbstbewusstsein des „Zauberers“, der 1929 für die „Buddenbrooks“ den Literaturnobelpreis erhielt.

Was seine Genese zum politischen Autor angeht, musste Mann zum Jagen getragen werden. Das übernahmen mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus seine couragierten Erstgeborenen Erika und Klaus. 1930 kam es bei einer Rede Thomas Manns in Berlin zu organisierten Störungen und „Hate-Speech“-Aufwallungen der rechtskonservativen Presse.

Ausblick auf die Gegenwart überzeugt nicht

Der Ausstellungstitel „Democracy will win!“ entstammt einer von Manns berühmten Radioansprachen „Deutsche Hörer!“, die er ab 1940 für die BBC aufnahm. Dazu passend bildet eine malerische Grammophon-Gruppe den Mittelpunkt des ersten Raums.

Bis 4. 10, Literaturhaus München (www.literaturhaus-muenchen.de)

Mit braungemusterter Tapete und weichen Sesseln erinnert er an eine altdeutsche Großbürgerstube. Die Ausstellungsarchitekten Constanza Puglisi und Florian Wenz wollten mit dieser plüschigen Behaglichkeit den geschützten Münchner Innenraum des Romanciers und selbst ernannten Repräsentanten deutscher Kultur veranschaulichen, bevor ihn die Zeitläufte hinausdrängten.

1933 kehrte er von einer Lesung in die Schweiz nicht zurück, 1938 übersiedelten die Manns in die USA, deren Staatsbürgerschaft sie annahmen.

Der zweite Raum weitet sich zum gefällig mondänen Halbrund einer ozeanischen Terrasse. Aus weißen, übereinandergestapelten Kästen ertönen prominente Talking Heads - von John F. Kennedy über Rainer Werner Fassbinder bis zu Greta Thunberg.

So plausibel sich dieses Konzept bei der Darstellung von Thomas Manns politischer Biografie erweist, so wenig gelingt ihm das beim Ausblick auf die Gegenwart. Hier droht sich die Mann’sche Stringenz ins Gefällige und Beliebige zu verläppern. Doch der historische Teil der Demokratie-Schau lohnt den Besuch.

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