Kultur : Die Rache der Geschichte

Mit der Apartheid endeten die Privilegien der weißen Südafrikaner. Manche gehen in die Wüste, andere nach London. Und viele verbittern

Esther Kogelboom

Ein Magazin in englischer Sprache? Die beiden blonden, pausbackigen Mädchen an der Supermarktkasse wechseln einen nervösen Blick, bevor die Ältere eine Ausgabe des britischen Klatschmagazins „Hello!“ hervorzieht, mit Kate Moss auf dem Titel. Sie kichern verlegen. Fotos von Frau Moss, überhaupt englischsprachige Magazine, sind in Orania nicht gern gesehen. Die ausschließlich weißen Bewohner der kleinen Siedlung lesen und sprechen Afrikaans, ihre Muttersprache; viele können, die meisten wollen nicht Englisch reden. Englisch ist die Sprache des neuen, demokratischen Südafrikas.

Orania liegt am Rande der Karoo-Wüste in Südafrika. Man gelangt hin, indem man nach Kimberley fliegt, von dort aus zwei Stunden Richtung Süden fährt und in dem Nest Hopetown, wo ein Kind 1867 am Orange River den ersten Diamanten des Landes gefunden hat, links abbiegt. Dann sind es noch 35 Kilometer über eine unbefestigte Straße, und am Ende wartet – wenn man Glück hat – die resolute Annalit Steyn mit Bobotie, dem traditionellen Käse-Hackfleisch-Auflauf der Buren. „Geniet die kos“, sagt sie. Guten Appetit.

Im Dezember 1990, wenige Monate nach der Freilassung Nelson Mandelas, haben etwa 40 Afrikaaner-Familien das damals verfallene Städtchen gekauft. Angeführt wurden sie von Carel Boshoff, dem Schwiegersohn des früheren Premierministers und Apartheids-Architekten Hendrik Verwoerd. Die 25-jährige Annalit Steyn hat einen Großteil ihres Lebens in der abgeschotteten Gemeinschaft verbracht. Eine Gemeinschaft, von der die einen sagen, sie sei die letzte, ewiggestrige White-Trash-Bastion der Rassentrennung, die anderen, es handele sich um wenige harmlose Großfamilien, die ihr Schicksal selbst bestimmen wollen.

White Trash, der Begriff hat eine lange Geschichte und kommt eigentlich aus Amerika. Doch nach dem Ende der Apartheid taucht er immer häufiger auch in Südafrika auf, weil sich eine neue Unterschicht herausgebildet hat, in der jetzt auch arme Weiße vorkommen. Die Journalistin Nadine Hutton beschreibt das Phänomen in der Wochenzeitung „Mail & Guardian“: „Ihrer früheren Privilegien beraubt, suchen Südafrikas arme Weiße jetzt Wege, um zu überleben. Sie leben mittlerweile in einer Wirklichkeit, vor der sie für Jahrzehnte geschützt wurden.“ Wer unter der Apartheid arm und weiß war, der konnte sich darauf verlassen, dass ihm geholfen wurde. Reiche Afrikaaner verschafften ihnen Jobs und veranlassten, dass sie im Auswahlverfahren gegenüber Schwarzen und Farbigen konsequent bevorzugt wurden. Es gab Sozialarbeiter, die sich um ihr Schicksal kümmerten, es war staatlich gewollt, dass sie den Aufstieg in die Mittelklasse schafften. „Jetzt müssen die Armblankes mit der globalisierten Welt Schritt halten“, schreibt Nadine Hutton. „Viele schaffen das nicht, ganz einfach, weil sie nicht oder nur schlecht qualifiziert sind. Verschiedenen Armutsberichten zufolge lebt inzwischen einer von zehn Weißen unter der Armutsgrenze.“

Während die Armen im Land bleiben, wandern die, die es sich leisten können, aus. Fast eine Million Weiße haben Südafrika seit dem Ende der Apartheid verlassen. Eine Studie des South African Institute of Race Relations besagt, dass 1995 5,2 Millionen Weiße in Südafrika lebten, 2005 waren es nur noch 4,3 Millionen. Es sind vor allem die Jungen, die emigrieren – bevorzugt nach Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada. Sie finden zu Hause keine Arbeit oder haben die Nase voll von der massiven Kriminalität in Johannesburg. Experten befürchten mittlerweile, dass sich der Wegzug der jungen Gebildeten negativ auf die wirtschaftliche Situation des Landes auswirken könnte.

In Orania ackern sie vom Morgengrauen bis zum Abend. Selbst mittags, wenn die Sonne erbarmungslos aus dem blauen Himmel auf die Erde herunterknallt. Die Haupteinnahmequelle sind die spärlichen Erträge aus der Pekannuss-Ernte. Die Hauptsorge, sagt Annalit Steyn, während sie sich die Hände an ihrer Kittelschürze abstreift, ist die Angst vor der Kriminalität. Überall sei es gefährlich. „Aber hier“, sagt sie, „musst du dein Zimmer nicht abschließen. Es kommt nichts weg, versprochen.“ Die Kindergärtnerin, die tagsüber auf die Kleinsten aufpasst und abends im Bed & Breakfast der Eltern aushilft, lacht ihr glockenhelles Lachen. Wer sein nur mühsam zu verriegelndes Zimmer in dem kleinen Gasthaus mit einem Rand-Schein bezahlt, bekommt das Wechselgeld auf Wunsch in Ora zurück. Seit 2004 drucken sie in Orania ihr eigenes Geld, jede einzelne Note trägt die Unterschrift des Ortsvorstehers. Inzwischen gibt es sogar Schecks. Es ist eine bedrückende Idylle, fernab der Realität.

Der bunte Regenbogen, mit dem die Südafrikaner normalerweise stolz für das friedliche Miteinander der Rassen werben, ist in Orania monochrom. Nur der Cola-Automat im örtlichen Schnellimbiss mit den klebrigen Plastiktischdecken wird von einem Vertreter aus dem Township in Hopetown aufgefüllt, der nach getaner Arbeit schnell wieder in seinen Lieferwagen steigt. Und die beiden jungen, farbigen Streifenpolizisten, die in Orania ab und zu nach dem Rechten sehen müssen, donnern lieber mit Tempo 160 über die Sandpiste, als sich für die Theorien ihrer Nachbarn zu interessieren. Verbrechen gibt es in Orania sowieso nicht.

John Strydom sitzt am schattigen Ufer des Orange River. Gerade hat er sich gebückt, um einen Schluck Wasser aus der Bewässerungsanlage zu trinken, jetzt wischt sich der Familienvater über den Mund und versucht, sich gegen die vielfach formulierten Rassismusvorwürfe zu wehren, mit denen die Einwohner Oranias regelmäßig konfrontiert werden. „Wir haben uns hier eine Nische geschaffen, ich weiß nicht, was daran falsch sein soll. Ich habe keine Lust, Teil einer Minderheit zu sein. Was ist so falsch daran, wenn ich mich nur mit meinen Leuten umgeben will?“

Strydom würde nie einen Schwarzen für sich arbeiten lassen. Oder, wie er es ausdrückt: „Ich bin stolz darauf, nicht auf ,Black Labour‘ angewiesen zu sein.“ Trotzdem, das ist unübersehbar, existiert in Orania ein Zweiklassensystem: Die Arbeitgeber wohnen in kleinen Häuschen mit Garten, die Arbeitnehmer in einer etwas entlegeneren Siedlung namens Kleingeluk, „kleines Glück“. „Wir sind Oranias Schwarze“, sagt einer.

Strydoms Vorfahren, die Buren, stammen von den niederländischen Einwanderern ab, die sich seit 1652 in der Kolonie der Ostindien-Kompanie am Kap der guten Hoffnung ansiedelten. Nachdem die Kapkolonie 1806 von den Briten annektiert wurde und die Briten zum großen Entsetzen Buren 1834 die Sklaverei abschafften, zogen diese verbittert massenweise ins Landesinnere weiter. Von 1836 bis 1844 schlugen sich 10 000 Buren mit dem großen Treck bis jenseits des Orange Rivers durch. Die Vortrekker, so werden die Flüchtlinge auch genannt, vertrieben ihrerseits am 16. Dezember 1838 in einer blutigen Schlacht die Zulu, danach gründeten sie die ersten Buren-Republiken. Im ersten Burenkrieg 1880 wehrten sich die Buren gegen die britische Besetzung einer ihrer Provinzen – erfolgreich, denn der Aufstand endete in der Autonomie der Südafrikanischen Republik. Erst Cecil Rhodes, der Präsident der britischen Kapkolonie, eroberte die Buren-Republik. 1910 wurde aus den zersplitterten Provinzen die Südafrikanische Union, zu der nun auch die Kapkolonie zählte. Die Union gehörte fortan zum Britischen Empire. Schließlich gewann die von Buren beherrschte Nationale Partei die Wahlen im Jahre 1948, so konnten sie ihr grausames Apartheids- und Diskriminierungsprogramm durchsetzen – bis 1994.

John Strydom und seine Mitstreiter nehmen eine besondere Stellung ein. „Weltfremde Irre“, sagen die Großstädter über sie. Und doch ist Orania ein Beispiel dafür, wie weiße Südafrikaner mit dem Verlust ihrer Privilegien umgehen.

Ein anderes: Das Baxter-Theater in Kapstadt, Ende 2006. Zwei Komödianten, Corné und Twakkie, springen in Unterhosen und Thabo-Mbeki-Masken über die Bühne. Sie machen Witze darüber, dass der Präsident vor wenigen Tagen der Aufforderung seiner Gesundheitsministerin nicht nachgekommen ist, sich einem Aids-Test zu unterziehen und dessen Ergebnis zu veröffentlichen. Es ist die Premiere von Corné und Twakkies „The Most Amazing Show“, der Saal tobt. Corné und Twakkie jonglieren gekonnt mit den Insignien des White Trash – den Schnurrbärten, den Frisuren, den sexuellen Verwirrungen und, nicht zu vergessen, dem mangelnden Selbstwertgefühl, das sich bei Corné und Twakkie in einer schwer zu beschreibenden autoaggressiven Albernheit entlädt. Die Premiere ist ein voller Erfolg und erreicht ihren bizarren Höhepunkt, als die Stars des Abends sich bei der anschließenden Autogrammstunde anstrengen, jeden einzelnen Premierengast zu umarmen und zu küssen. Cornés und Twakkies Ziel ist es, ihr Publikum in Grund und Boden zu lieben.

Ein paar Tage später im beschaulichen Küstenvorort Muizenberg, ein Treffen mit Corné (sehr groß, dunkel, eigentlich Louw Venter) und Twakkie (sehr klein, blond, mit bürgerlichem Namen Rob van Vuuren). Es ist ein schöner Sommermorgen, noch nicht zu heiß, Möwen fliegen durch die klare Luft. Beide sitzen im vollen Tigermuster-Bademantel-Ornat und mit angeklebten Bärten vor einem Café. Ein Gespräch mit Venter und van Vuuren zu führen, das geht offiziell nicht. Sie bleiben in ihren Rollen. Wie beliebt sie sind, zeigt sich daran, dass Passanten, gleich welcher Hautfarbe, entzückt stehen bleiben und anfangen zu strahlen. Noch ein Foto? Yes, please.

Venter und van Vuuren sind die Ersten, die es wagen, der neuen weißen Unterschicht auf ziemlich schonungslose Weise den Spiegel vorzuhalten. Schnell umreißen sie – leicht überspitzt – als Corné und Twakkie das kulturelle Spektrum des typischen White-Trash-Südafrikaners. „Musik von Toto, Whitesnake, Roxette und Iron Maiden; ab und an aus Mangel an Alternativen Geschwisterliebe; Homophobie; Wohnwagen, Trailerparks; Bratwurst, Gin Tonic, Bier, Bier und nochmals Bier; mangelnde Körperhygiene“, sagt Corné. „We never shower“, ergänzt Twakkie.

Die ironische Inszenierung des White Trash ist in Südafrika eine neue Erscheinung. In Amerika und Europa ist das Spiel mit den Codes der weißen Unterschicht schon seit langem ein vertraut-fester Bestandteil der populären Kultur. Der Sänger Beck hatte 1993 einen Hit mit „Loser“ („I’m a loser, Baby, so why don’t you kill me“), im Berliner Club „White Trash Fast Food“ hängen Porträts der unverwüstlichen WhiteTrash-Ikone Elvis Presley, während mit Spielkartenmotiven tätowierte Kellner riesige Pitcher Bier servieren. Der weiße Rapper Eminem erzählte 2002 in dem Oscar-prämierten Film „8 Mile“ von seiner Jugend im verwahrlosten Trailerpark in Detroit, und bereits Mitte der 80er Jahre veröffentlichte der US-amerikanische Autor Ernest Matthew Mickler sein Kochbuch „White Trash Cooking“. Es verkaufte sich so erfolgreich, dass er kurze Zeit später eine Fortsetzung schrieb. Nicht zu vergessen Al und Peggy Bundy, die schrecklich nette Fernsehfamilie.

Was in Europa und Amerika schon cool ist, ist in Südafrika einfach pure Not. Danville, im Westen von Pretoria. Hier lebten einst weiße Lastwagenfahrer, Fabrik- und Minenarbeiter in kleinen Häusern, teilweise mit Vorgärten. Nach dem Ende der Apartheid haben viele ihre Arbeit verloren, konnten keinen neuen Job finden: Die Arbeitgeber stellten bevorzugt Schwarze und Farbige ein, um die von der Regierung gewollten Gleichstellungsquoten zu erfüllen. Es ist wie ein Rollentausch. Heute leben viele Weiße in sogenannten „Informal Settlements“ – in schmalen Hütten, die sie illegal entlang der Ausfallstraßen errichtet haben. „Es gibt viele dieser Siedlungen rund um Pretoria. Viele Afrikaaner versuchen, ihre Armut zu verbergen, weil sie stolz sind. Wären sie Schwarze, hätten sie es leichter“, erklärt die Journalistin Stephanie Hanes. „Das ist die Ironie der Geschichte.“ Von Gerechtigkeit mag sie angesichts der schlimmen Lebensumstände der Menschen nicht sprechen.

In nur wenigen Ländern ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie in Südafrika. Immer noch ist die überwiegende Mehrzahl der armen Südafrikaner schwarz. Sie leben in übersichtlichen Townships vor den Toren der Innenstädte von Kapstadt, Johannesburg und vielen kleineren Städten. Sie verfügen weder über fließend Wasser noch Strom, sind krank und ohne Hoffnung. Die wenigsten Touristen verlassen freiwillig den Strand von Camps Bay und die Weingüter von Stellenbosch, um sich einer geführten Tour durch die Townships Khayelitsha und Langa anzuschließen. Die Mord- und Totschlaggeschichten aus den Townships, die Revolverblätter wie die „Daily Voice“ täglich veröffentlichen, wirken abschreckend. Krasse Armut begegnet den meisten höchstens beim Landeanflug auf den Kapstädter Flughafen – von oben bekommt man eine Vorstellung von der Dimension der Townships. Armut und Gewalt als Hintergrundrauschen, wie zum Gruseln.

Annalit Steyn, die Kindergärtnerin, sitzt im Wohnzimmer ihres Elternhauses. An der Wand hängt ein Druck, der die Vortrekker beim Kampf gegen die Zulu zeigt. Auf dem Holzregal darunter liegt eine Afrikaans-Ausgabe der Bibel, auf einem weiß umhäkelten Spitzendeckchen. Annalit serviert ein Glas zuckersüßen Rotwein und zieht die dicke Katze auf ihren Schoß. „Wir wollen nur glücklich sein“, sagt sie.

John Strydom, dem Farmer aus Orania, haben sie in seinem früheren Leben dreimal das Auto geklaut. Da wusste er: Ich muss weg, an einen Ort, der sicher ist. Er erfuhr von Orania, löste sein Sparbuch auf und zog los. Womit er nicht gerechnet hatte: Mitte der 90er Jahre kam Südafrikas erster schwarzer Präsident Nelson Mandela nach Orania, um mit der inzwischen verstorbenen Witwe des Apartheids-Ideologen Verwoerd ein Tässchen Tee zu nehmen. Es war Mandelas Wille zur Versöhnung, der ihn hierhertrieb. Zusammen mit der Witwe besuchte er das Verwoerd-Denkmal, das sie in Orania in Ehren halten. Überlieferungen zufolge sagte Nelson Mandela beim Anblick der Statue über den Mann, der mitverantwortlich war für seine jahrzehntelange Verbannung: „Ich wusste gar nicht, dass er so klein war.“

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben