Kultur : Die Reise nach Europa

Mein Nachbar, der Maler: eine furiose Ausstellung in Brüssel zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft

Nicola Kuhn

Sie ist jung, sie ist hübsch, und sie schaut den Betrachter herausfordernd an. Als Provokation ist das nicht gemeint. Dafür wirkt die blond gelockte Schöne viel zu züchtig, sind die Blümchen in ihrer Rechten zu brav. Und doch ist ihre ganze Erscheinung Programm. Denn Heinrike Dannecker, die Ehefrau des Stuttgarter Freigeistes Johann Heinrich Dannecker, sitzt nicht etwa harmlos auf ihrer steinernen Sitzbank inmitten lieblicher Landschaft. Nein, ihr Kleid trägt die Farben der Trikolore, dazu auf dem Haupt ein geschlungenes Tuch, das einer phrygischen Mütze, der Kopfbedeckung der französischen Revolutionäre, gleicht. Damit wird die von Christian Gottlieb Schick 1802 gemalte junge Frau Symbolgestalt für ein grenzüberschreitendes, aufgeklärtes Denken, für den Aufbruch in eine neue Zeit. Und sie ist nun Galionsfigur einer Ausstellung, die genau diese Ideen des 19. Jahrhunderts in der deutschen Malerei einzufangen sucht.

Vielleicht lastet zu viel auf ihren zarten Schultern, wie sie am Ende des großen Eingangssaals im Brüsseler Palais des Beaux-Arts und damit am Anfang des Bilderparcours hängt. Die junge Dame soll nämlich die These der Kuratoren veranschaulichen, dass deutsche Maler angesichts der Kleinstaaterei in ihrer Heimat seit der Französischen Revolution bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs immer schon Wanderer und durch ihre andernorts entstandenen Werke Botschafter des europäischen Gedankens gewesen sind. Diese Vorstellung hat im Jahr der deutschen EU-Ratspräsidentschaft etwas Verführerisches, die dazu entstandene Schau mit 150 Meisterwerken ist zweifellos furios. Hier ist das Beste zu sehen, was die deutsche Malerei jener Zeit zu bieten hat. Gleichwohl beschleicht den Betrachter nach den ersten der insgesamt zwölf Kapitel, in denen Land für Land der jeweilige Einfluss auf die deutschen Maler dargestellt wird, das Gefühl, dass hier alles rigoros einem Oberthema untergeordnet wurde.

Sei’s drum, die drei größten Museumsverbände der Republik – die Staatlichen Museen zu Berlin, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München – sollten im Auftrag von Kulturstaatsminister Bernd Neumann und damit für Bundeskanzlerin Merkel als amtierende EU-Ratspräsidentin nicht nur eine Leistungsschau abliefern, wie das bei den offiziellen Kulturbeiträgen in Brüssel üblich ist. Sie wollten auch eine Vision liefern, eine Geschichte erzählen – und zwar mit Happy-End.

So verlässt der Besucher die Ausstellung mit der Erkenntnis, dass die Deutschen schon Europäer waren, bevor das Staatenbündel sich selbst als Einheit verstand. Diese selbst verliehene Einsernote für europäisches Betragen bekommt jedoch einen seltsamen Beigeschmack. Zwar mag es gut gemeint sein, aller Welt zu zeigen, wie viel die deutsche Malerei dem Blick auf die damals schon als Nationalstaaten existierenden Nachbarländer verdankt. Aber all das romantische Schwärmen, das Sehnen nach einem eigenen geeinten Vaterland brachte auch einen fatalen Nationalismus hervor, im darauffolgenden Jahrhundert mit dramatischen Folgen. Die Empfehlung von José Manuel Barroso, dem Präsidenten der Europäischen Kommission, mit Hilfe der Ausstellung Europa „gleichsam wieder mit Kinderaugen“ zu sehen, gelingt zumindest dem deutschen Publikum nicht.

Noch weiß man nicht, wie die Schau von internationalen Besuchern aufgenommen wird. Das deutsche 19. Jahrhundert dürfte Neuland für sie sein, auch wenn Caspar David Friedrich oder Adolph Menzel mittlerweile durch Retrospektiven im Ausland bekannt sind. „Blicke auf Europa“ ragt über die frühen Ausstellungen 1976 und 1984 in Paris sowie 1981 in New York hinaus. Denn diesmal geht es weniger um eine Übersicht als um eine streitbare These. Außerdem hat sich die Bilderzahl durch die Berlin-Dresden-Münchner Zusammenarbeit vervielfacht. Entsprechend gelassen reagieren die drei Generaldirektoren auf kritische Nachfragen zur Instrumentalisierung der Kunst durch die Politik. Sie sehen es umgekehrt: als Instrumentalisierung der Politik zugunsten der Kunst. Nie zuvor haben die drei Museumsverbände kooperiert; Brüssel soll der Startschuss für weitere Projekte sein – ein erneuter Beweis für die dynamisierende Wirkung eines Auslandsbesuchs.

Es bleibt der Premiere zu wünschen, dass sie auch in ihrem Ursprungsland zu sehen sein wird und diese Synopse deutscher Malerei im 19. Jahrhundert zu den Stammhäusern weiterwandert; schließlich kommen die Werke von dort. Eindrucksvoller war selten zu sehen, wie sich damals die Maler, die Intellektuellen nach Griechenland, der Wiege der Kultur, verzehrten als geistigem Fundament für ihr eigenes Land. Karl Friedrich Schinkel und Leo von Klenze malten die Akropolis, die antiken Trümmer als Ideallandschaft. Diese Fernliebe – nur wenige bereisten wirklich den Süden – hatte auch praktischen Nutzen, denn damit nahm die Denkmalpflege ihren Anfang.

Auch Italien wurde Projektionsfläche, das Land, wo die Zitronen blühn. Auch hier sollte das Vorgefundene, Raffael, die Renaissance, als Transmissionsriemen für die eigene Erneuerung dienen. Rührend zeigt dies Johann Friedrich Overbecks „Italia und Germania“ in einer Kopie von Theodor Rehbenitz (1835). Die beiden als Bräute gekleideten Symbolfiguren schmiegen sich vor altitalienischer beziehungsweise altdeutscher Landschaft aneinander. Allerdings ist die blonde Germania mit ihrem Myrtenkranz gegenüber der lorbeergeschmückten Italia die Empfangende, ja Fordernde.

Einen Höhepunkt hat die Schau mit Skandinavien, wo die Romantiker ihre starken Landschaftseindrücke empfingen. Da stört es wenig, dass eben jene Visionen auch im Kapitel „Böhmen und Riesengebirge“ wiederkehren; letztlich konstruierten die Maler aus dem Gesehenen ihre eigene Sicht der Dinge. Die deutschen „Blicke auf Europa“ sind ein Amalgam, verschmelzen Reales mit Erfundenem. In dem großartigen Saal mit Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“sowie Philipp Otto Runges Figurenbildern zeigt sich die deutsche Malerei von den Vorbildern befreit und nicht länger als Zitat.

Die Ausstellung hat ihre Schwächen, etwa wenn sie Spanien streift, wohin es die Maler offensichtlich wenig zog, oder Belgien ihre Reverenz als Gastgeberland erweist, was selbst Paul Dujardin, Generaldirektor des Palais des Beaux-Arts, unangenehm berührt. Zwei belgische Historienbilder, die Mitte des 19. Jahrhunderts durch deutsche Städte reisten, hatten erheblichen Einfluss auf die hiesigen Maler. Sie lösten eine Debatte über die historische Genauigkeit von Kostümen, Gebäuden, Waffen aus. Fortan verabschiedet sich – auf einem Gemälde von Julius Friedrich Anton Schrader – König Karl I. im Stile van Dycks tränenreich von den Seinen. Und Paolo Veronese tritt in samtener Pumphose mit dem Kurzhaarschnitt seiner Zeit vor den Prior von San Giorgio Maggiore – auf einem Bild von Otto Gottfried Wichmann. Sympathischer sind dem heutigen Betrachter dann doch Max Liebermanns Früchte. Er malte in der holländischen Sommerfrische Sozialeinrichtungen wie Altmännerhaus und Waisenheim – Vorbilder für seine bürgerliche Kundschaft daheim.

Den Bogen schlägt Adolph Menzel, dem das letzte Kapitel gehört. Der große Maler firmiert hier als „Auge Europas“, offen für alles Neue und doch immer er selbst. In einer kleinen Gouache zeigt er zwei Männer auf einer Gartenterrasse, gebeugt über eine Karte, vielleicht die Europas. Die Reise beginnt.

Brüssel, Palais des Beaux-Arts, bis 20. Mai; Katalog (HatjeCantz) 49,80 Euro.

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