Kultur : Die Schmuddelkinder müssen sauber werden

Die Textilindustrie zählt zu den schmutzigsten Branchen. Auf der Fashiontech wurden viele Recycling-Ideen präsentiert.

Jörg Oberwittler
Blick in die Zukunft. Die Modebranche sucht Antworten für die digitale Welt.
Blick in die Zukunft. Die Modebranche sucht Antworten für die digitale Welt.

Zwei große Themen dominierten diese achte Ausgabe der Fashiontech: Digitalisierung und Umweltschutz. Im Obergeschoss des Kraftwerks Mitte präsentierte sich eine Branche mit vielversprechenden Business- und Produktideen, wie sich das Internet besser für die Geschäfte nutzen und die Umwelt durch konsequentes Recycling schonen lässt.

Da standen Erfolgsbeispiele auf der Bühne, allen voran Sebastian Klauke von der Otto-Gruppe mit mehr als 50 000 Mitarbeitern, der erläuterte, wie man ein ehemaliges Katalogunternehmen zum Big Player im Onlineshopping wandelt. Da sprach die junge Modedesignerin Justine Leconte über ihren Werdegang von der unbekannten Modedesignerin aus Frankreich zur weltweit bekannten Youtuberin aus Berlin mit mehr als 500 000 Abonnenten, die potenzielle Kunden für ihre Mode sind – und das in nur drei Jahren. Diese zwei Beispiele zeigen, wie man im Internet und mit nachhaltigen Geschäftsideen tatsächlich Erfolg haben kann.

Dem eifern auch die Unternehmen nach, die auf dem Gang zum Auditorium ihre innovativen Businessideen präsentierten, zum Beispiel das Berliner Start-up Inspora, das auf Facebook eine virtuelle Stylistin für US-amerikanische Teenager anbietet. Oder die Lenzing AG, die ein Garn auf Holzbasis für Sneakers herstellt, um sie besser recycelbar zu machen. Die Sohle besteht aus ehemaligen Industrieabfällen.

Diese Erfindung ist wegweisend, denn die Textilindustrie zählt zu den schmutzigsten Branchen weltweit. Acht Prozent unseres globalen Ausstoßes von Treibhausgasen geht auf das Konto der Textilindustrie, das sei höher als bei internationaler Luftfahrt und Schifffahrt zusammen, mahnt Greenpeace. Erst ein knappes Prozent der Kleidung in Europa besteht aus recycelter Kleidung, in den USA sind es bereits 15 Prozent, wie Felipe Coelho Costa vom WWF mitteilte. Noch eine letzte Zahl, die Branche und Experten betrübt: Um minus zwei Prozent sackte der Umsatz im stationären Handel ab. Ein Umsatz-Jahresminus zum dritten Mal in Folge, wie die Branchenzeitschrift „TextilWirtschaft“ informiert. Schockstarre aus Angst vor dem Internetgiganten Amazon bietet keinen Ausweg. Auf dieser Fashiontech zeigte sich: Die Branche muss etwas tun und tut es auch.

Ebenfalls erfreulich waren die Funde bei den Ausstellern im Erdgeschoss, die unter der neuen Dachmarke Neonyt ihre nachhaltige Mode präsentierten. Auch hier gibt es innovative Zukunftskonzepte, zum Beispiel die Londoner Marke Bluebuck, die Badehosen für Männer aus recyceltem Plastik offeriert, aus Plastikflaschen, die spanische Fischer aus dem Wasser gefischt haben, wie Designer Pierre David erklärte. Oder das südkoreanische Taschen-Label Continew – ein Wortspiel aus „continue“ und „new“ –, das Leder ehemaliger Autositze aufbereitet und daraus neue Lederrucksäcke macht. „Wir sammeln nutzlose Sachen und machen sie zu etwas Nutzwertigem“, sagte Gründer Ian Choi. „Wir sind damit die Nummer eins der Upcycling-Fashion in Süd-Korea.“ Im Herbst will er auch in Berlin einen Laden eröffnen. Jörg Oberwittler

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