"Die Unschärfe der Welt" von Iris Wolff : Mitten am Rand

Die Entdeckung in diesem Bücherherbst: Iris Wolffs berückend schöner Familienroman "Die Unschärfe der Welt".

Die Freiburger Schriftstellerin Iris Wolff, 43
Die Freiburger Schriftstellerin Iris Wolff, 43Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz/Klett-Cotta

Wer einmal im Banat war, ob nun im ungarischen, serbischen oder rumänischen Teil dieses ehemals vorwiegend von Deutschen besiedelten Gebietes in Südosteuropa, kennt das Gefühl, sich gerade hier am Ende der Welt zu wähnen – so weit wie der Blick über Felder und flache Landschaften manchmal reicht, so hoch der Himmel bisweilen erscheint, so wenige Menschen in den verstreut liegenden Dörfern leben.

An diesem Ende der Welt, in einem Dorf an der „westlichen Außengrenze“ Rumäniens, unweit der Stadt Arad, hat Iris Wolff ihren Roman „Die Unschärfe der Welt“ größtenteils angesiedelt. (Verlag Klett-Cotta, 213 Seiten, 20 €.)

Die in Freiburg lebende Schriftstellerin kennt sich hier aus. Sie wurde 1977 in Sibiu (auf Deutsch: Hermannstadt) geboren, wuchs im Banat und in Siebenbürgen auf und kam 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland; auch ihre ersten beiden Romane haben diesen Teil Rumäniens als zentralen Schauplatz.

In „Halber Stein“, Wolffs Debüt von 2012, kehrt eine junge Frau zum Begräbnis ihrer Großmutter an den Ort ihrer Kindheit nach Siebenbürgen zurück.

Wolffs zweiter Roman „Leuchtende Schatten“ erzählt die Geschichte der Freundschaft zweier Mädchen in Hermannstadt in den Kriegsjahren 1943/44.

Wolff erzählt leise, zurückhaltend

„Die Unschärfe der Welt" wiederum beginnt irgendwann in den frühen siebziger Jahren mit Florentine, die mit ihrem Mann Hannes in eben jenes Dorf in der Nähe von Arad gezogen ist. Hannes hat hier eine Pastorenstelle angenommen, „ein Mann mit dunklen Vollbart und halblangen Haaren, der Gitarre und Fußball spielte“.

Florentine erwartet ein Kind von ihm, Samuel, einen Jungen, so beginnt der Roman. Später bekommt die kleine Familie Besuch aus der DDR, von Bene und Lothar, einem jungen homosexuellen Paar. Iris Wolff versteht es gut, das wird früh deutlich, in der Zeit unmerklich vor und zurückzuspringen. Wuchs Florentine eben noch in einer größeren Stadt auf, vermutlich in Hermannstadt, überrascht sie die ungewollte Schwangerschaft nicht über die Maßen positiv.

Sie will das Kind aber in jedem Fall behalten und weiß schon ein paar darauf folgende Sätze später das Mutterglück zu schätzen, die Ruhe und das Schweigen, die sie mit dem Jungen verbinden. Nur in dem Dorf fühlt sie sich nach wie vor fremd: „Es gab keine Mitte für sie, keine Zugehörigkeit, und sie fürchtete, dass sie ihr Kind zum Verbündeten gemacht hatte.“

Nach dem Intro glaubt man, dass Florentine die Hauptfigur von „Die Unschärfe der Welt ist; doch schwenkt Wolffs Erzählkamera gleich im nächsten Kapitel auf Hannes, im dritten auf Hannes’ Mutter, die der Monarchie in Rumänien nachtrauert und in dieser Trauer ihren Halt findet.

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So geht es weiter mit diversen Angehörigen und Freunden dieser deutsch-rumänischen Familie: Samuel, dessen Freundin Stana, dessen Freund Oswald, eben jenem aus Ost-Berlin stammenden Bene und schließlich Samuels und Stanas Tochter Liv. Iris Wolff erzählt auf diese Weise eine Familiengeschichte über mehrere Jahrzehnte, die sich mit Liv und dem Tod Karlines bis in die jüngste Gegenwart erstreckt.

„Die Unschärfe der Welt" ist ein leiser, zurückhaltender und trotzdem sehr intensiver, reichhaltiger Roman auf gerade einmal knapp über zweihundert Seiten. Fast alle Figuren prägen sich schnell ein, so nahe wie Iris Wolff bei ihnen und in ihren Köpfen ist.

Oft reichen ihr wenige Sätze, um sie auch in der Tiefe zu porträtieren, ihre psychogeografische Landschaft zu erkunden. Ihr Charakter wird von der sie umgebenden Landschaft und dem nahen Marosch-Fluss bestimmt: „Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Und doch, dachte Florentine, lässt dich diese Landschaft wie du bist.“

Nur sind da auch noch die dörfliche Enge, die Fluchtgedanken provoziert, selbst wenn diese häufig nur im Kopf stattfinden. Und die Politik, das sozialistische System, die Pressionen des Ceaucescu-Regimes: die Spitzeltätigkeit von Stanas Vater, einem Slowaken, ein Verhör, dem Hannes unterzogen wird, die Flucht von Samuel und seinem Freund Oswald mit einem Propellerflugzeug, der Fall des Eisernen Vorhangs.

"Die Unschärfe der Welt" wurde für gleich drei bedeutende Literaturpreise nominiert

Wolff arbeitet mit vielen Metaphern und viel Symbolik, das aber stets dezent, fast unmerklich: mit dem Wasser als Sehnsuchtsort, mit Matratzenbergen, Drachen oder Zaubertricks. Immer wieder geht um die Erinnerung, um den Raum der Erinnerung mit seinen „wandernden Türen“, wie es einmal heißt.

Das Vergehen der Zeit ist trotz alledem eine Selbstverständlichkeit in einer ethnisch vielfältigen Region, in der so viele Sprachen gesprochen werden, es so viele mentale, religiöse, soziale und politische Unterschiede gibt. Einmal empört sich die deutschstämmige Karline darüber, dass „hier niemand eine einheimische Suppe zu kochen imstande ist“.

Was ihr die Frage ihrer Schwiegertochter Florentine einbringt: „Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?

Man meint zuweilen, die formale Struktur der einzelnen Kapitel etwas zu gut erkennen zu können; die erzählerischen Kniffe von Wolff, wenn sie erst das Besondere in den Vordergrund rückt, bestimmte Situationen, in die ihre Figuren geraten, um dann wieder allgemeiner zu werden, in Erinnerungsschüben große Zeiträume zu überbrücken.

Auch die Liebesgeschichten, die ersten Annäherungen vieler der Paare ähneln sich in ihrer Zögerlichkeit, Vagheit. Oswald und seine Mina, Liv und ihr Noah oder Samuel und Stana bekommen da etwas leicht Austauschbares.

Doch sind das höchstens Schönheitsfehler in diesem hochpoetischen, wundervoll erzählten, atmosphärisch dichten und zurecht inzwischen für drei bedeutende deutsche Literaturpreise (Deutscher Buchpreis, Wilhelm-Raabe-Preis, Bayrischer Buchpreis) nominierten Roman.

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