Kultur : Die Wildnis ist bezaubernd schön

Neuland für die Kunst: eine Ausstellung in Hamburg zeigt amerikanische Landschaftsbilder

Bernhard Schulz

Der See liegt im Sonnendunst eines Spätsommertages. Die Bäume haben bereits Farbe angenommen; der Indian summer kündigt sich an. Im Vordergrund sitzt ein Indianer, in geradezu philosophischer Betrachtung des Sees versunken – als Kontaktfigur für den Betrachter des Gemäldes, der so einen Blick in eine Epoche tut, die zur Entstehungszeit des Gemäldes – 1828 – bereits der Vergangenheit angehörte. Nur der Name des Winnpiseogee-Sees erinnerte noch an die Zeiten, da die Ureinwohner Nordamerikas ihn als den ihren umstreiften.

Die jungen Vereinigten Staaten hatten keinen geschichtlichen Fundus, auf den sie zurückgreifen konnten, abgesehen von den ins Legendäre gesteigerten Episoden des Freiheitskrieges. Aber sie hatten etwas, das Europa nicht mehr kannte: eine jungfräuliche Natur. „Alle Natur hier ist Neuland für die Kunst“, gab Thomas Cole (1801–1848), der Schöpfer des See-Bildes von 1828, das Motto vor. Das Gefühl, Gottes Schöpfung im Urzustand gegenüberzustehen, bestimmte die Malerei der Hudson River School. Ihr zählen Künstler zu, die zwar in New York lebten, ihre Ateliers besaßen und in der 1825 gegründeten National Academy of Design ausstellten, aber die Landschaften entlang des Hudson wie auch Neuenglands für sich entdeckten.

Amerika war unerschlossen und wild – und brachte im 19. Jahrhundert zugleich eine eigene Kunst hervor, die in Europa nie recht zur Kenntnis genommen wurde. Es hat immer einmal wieder Ansätze gegeben, 1984 in Paris, 1988 in Berlin, zuletzt 2002 in der Tate Britain in London. Doch Unkenntnis und wohl auch Vorurteile scheinen unüberwindlich zu sein. Jetzt macht sich das Bucerius Kunstforum in Hamburg daran, in einer Ausstellungstrilogie die amerikanische Kunst vom frühen 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vorzustellen. Der erste Teil steht unter dem Titel „Neue Welt. Die Erfindung der amerikanischen Malerei“ und ist der Landschaftsmalerei gewidmet, die unter der Bezeichnung Hudson River School geläufig ist, jedoch in der Hamburger Auswahl weit darüber hinausgeht.

Überlagert wurde die Erkundung der Natur durch das Bewusstsein des manifest destiny, der göttlichen Bestimmung, die Wildnis zu zivilisieren. Der religiöse Unterton ist in den meisten Landschaftsbildern der Mitte des 19. Jahrhunderts gegenwärtig – zum einen die Ehrfurcht vor der Schöpfung, zum anderen der Auftrag, sich diese untertan zu machen. Darstellungen der unzugänglichen Natur wechseln mit solchen kultivierter Landschaft. Beispielhaft kommt diese ambivalente Haltung in der Anlage des Landhauses von Daniel Wadsworth, einem wohlhabenden Bürger aus Hartford, zum Ausdruck: Von der einen Seite des Hauses konnte er auf das urbar gemachte Tal schauen, von der anderen in die Ferne der Wildnis.

Wadsworth ist der Gründer des ersten öffentlichen Museums amerikanischer Kunst in dem noch jungen Land: 1844 stiftete er das Wadsworth Atheneum in seiner Heimatstadt, das der Partner und Hauptleihgeber der Hamburger Ausstellung ist. Viele der gezeigten Werke sind direkte Aufträge von Wadsworth, der selbst als Amateurgeologe und -zeichner mit den Künstlern auf Reisen ging. Enormen Einfluss übte zur Mitte des Jahrhunderts der „Kosmos“ Alexander von Humboldts aus, in dem der deutsche Naturforscher von seiner Südamerikaexpedition berichtet. Frederick Edwin Church (1826–1900), wie Wadsworth ein Sohn der Stadt Hartford und wichtigster Schüler Coles, bereiste auf den Spuren Humboldts zweimal Südamerika – und schuf spektakuläre Ansichten, bei denen das Sensationelle der nie gesehenen Naturwunder in den Vordergrund drängt. Als Attraktionen wurden seine zunehmend großformatigen Bilder gegen Eintrittsgeld ausgestellt.

Mit dem Zug der Siedler nach Westen veränderte sich das Bild der Landschaft: Nicht mehr Demut vor der Wildnis spricht nun aus den Bildern, sondern die Begeisterung für immer großartigere Naturwunder. Albert Bierstadt aus Solingen (1830–1902) führte diese Auffassung auf einen Höhepunkt. Dabei scheute er sich nicht, in seinen gefeierten Ansichten des von ihm in die Kunst eingeführten Yosemite Valley auch Ansichten der Schweizer Alpen einzuarbeiten – eine kalkulierte Täuschung, die mit dem Aufkommen der Fotografie bald entlarvt wurde.

Den Wandel von der bewunderten zur beherrschten Natur, von der Religiosität zur Sensationslust macht die Hamburger Ausstellung in ihren 70 Werken vorzüglich deutlich. Und auch die Ernüchterung nach der Katastrophe des Bürgerkriegs, als sich die Maler wieder kleinen Formaten und ihrer unmittelbaren, meist neuenglischen Heimat zuwandten. Nicht mehr das Spektakuläre wurde nun dargestellt, sondern die Gleichförmigkeit von Wiesen und Marschland. Bedarf an grandiosen Darstellungen gab es beim breiten Publikum nicht mehr, seit der Ausbau der Eisenbahn die Ziele zu Touristenattraktionen gemacht hatte.

Mit der Hamburger Ausstellung besteht die Chance, die amerikanische Kunst als eigenständige Leistung wahrzunehmen – zumal im Vergleich mit der Landschaftsmalerei der deutschen Romantik, die in der Hamburger Kunsthalle vorzüglich vertreten ist. Aber während die Romantik elegisch zurückschaut, blickt die junge amerikanische Kunst entschlossen in eine glorreiche Zukunft.

Hamburg, Bucerius Kunstforum, bis 28. Mai, Katalog im Hirmer Verlag, 24,90 €.

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