Kultur : Die Zeitvernichter

Eine Richard-Linklater-Werkschau mit dem neuen Film „A Scanner Darkly“

Sebastian Handke

Der Slacker, das war in den Neunzigern eine Kultur des vorsätzlichen Drop-outs. Tue nichts und rede darüber: So rebellierten jene, deren liberale Eltern sich in den Siebzigern für politisch wirkungsvoll hielten. Mit „Slacker“ (1991) hat Richard Linklater ihnen ein Denkmal gesetzt. Vom Loslösen aus dem Funktionszusammenhang handeln die meisten seiner Filme – ob man mitmacht beim Spiel und sich einfügt ins große Ganze, oder ob man nur abhängt. Linklaters Kino der Schwätzer und Träumer feiert das rhapsodisch verlebte, ziellose Versickern der Zeit.

Einen Abschlussabend an der High School etwa verwandelt Linklater in seinem unwiderstehlichen „Dazed and Confused“ in einen drogenseligen, nostalgischen Abschied von der schönen jugendlichen Belanglosigkeit. Später trieb einer seiner Zeitvernichter durch Europa („Before Sunrise“) und entdeckte dabei die Liebe – wo sonst wäre das Herausfallen aus Zusammenhängen so angemessen? Die heitere Mühelosigkeit, mit der sich in Wien zwischen zwei jungen Menschen Intimität einstellt, beim Gehen und Plaudern, hat etwas bleibend Zauberhaftes – ein Glücksversprechen ganz ohne die Manipulationen der Romantikkonvention. Zehn Jahre später schenkten Linklater, Ethan Hawke und Julie Delpy mit „Before Sunset“ ihrem Publikum eine wunderbare Fortsetzung – und den wohl perfektesten Filmschluss, den die romantische Komödie je gesehen hat.

Linklaters Sympathie gehört entschieden denen, die durch den Tag driften statt ihn zu nutzen, und seine Filme folgen daher nicht den Erzählregeln Hollywoods: Sie schlendern und schweifen mit ihren Figuren durch eine Zeitspanne, die kaum je über einen Tag hinaus geht. Nun aber führt der vorsätzliche Nichtsnutz weit auf die dunkle Seite: Für seinen neuen Film hat sich Linklater „A Scanner Darkly“ zur Vorlage genommen, eine der schwärzesten Geschichten von Philip K. Dick, der darin das eigene Versacken im Drogenmilieu verarbeitete.

Bob Arctor (Keanu Reeves) ist Dealer und zugleich verdeckter Ermittler im Kampf gegen die Superdroge „Substance D“. Diese Ermittler verbergen ihre wahre Identität unter formwandelnden „scramble suits“, und so erhält Bob den Auftrag, sich selbst zu überwachen – und seine Freunde Donna (Winona Ryder) Ernie (Woody Harrelson) und Barris (brillant: Robert Downey Jr.). Drogenkonsum und Selbstbeobachtung führen bei Bob zu einer Spaltung des Bewusstseins. Science Fiction, Paranoia, Staatsüberwachung, Identitätsverlust – wie schon so viele andere Stoffe von Dick („Total Recall“, „Blade Runner“, „Minority Report“) hätte auch dieser sich zu einem krachenden Sci-Fi-Thriller ausdünnen lassen. Und was macht Linklater? Was er am besten kann: einen Film übers Abhängen.

Wie immer also: wenig dramatische Wucht bei viel gesprochenem Wort. Doch Linklater kommt seiner Vorlage damit näher als alle Dick-Anleihen vor ihm. Er konzentriert sich auf die Unfähigkeit der Figuren, eine Beziehung zueinander aufzubauen; die wilde Paranoia, in der diese Unfähigkeit sich ausdrückt, ist teilweise von hoher Komik, die damit einhergehende Auflösung des Selbst aber erzeugt Tragik. „Sie wollten nur Spaß“, schrieb Dick über Freunde, die dem Drogenkonsum zum Opfer fielen. „Sie zahlten einen hohen Preis.“

Schon in seiner Traummeditation „Waking Life“ (2001) hatte Linklater sich dem Rotoskop-Verfahren zugewandt: Mit Schauspielern auf Video aufgenommene Bilder werden dabei mühevoll nachgezeichnet und übermalt. Für „A Scanner Darkly“ erschufen seine Animatoren eine konzentrierte Bildwelt: Der grob-digitale Pinselstrich trübt den Bildfluss ein und verleiht ihn eine Unruhe, bei der sich die Farbfelder fortwährend verschieben und überlappen. Ein ideales Mittel für die Darstellung einer Welt unter Selbstbeobachtung, in der sich Realität und Vorstellung verflüssigen.

Linklater-Werkschau im Kino Central, „A Scanner Darkly“ (OV) läuft bis 21. 3.

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