Die Zeitzeugin Irena Veisaite : Übe keine Rache

"Ein Jahrhundert in Litauen": Irena Veisaite hat das Ghetto von Kaunas erlebt und die Sowjetzeit. In einem Interview-Buch erzählt sie aus ihrem Leben.

Nicole Henneberg
Thomas Manns Haus auf der Kurischen Nehrung, Irina Veisaite hat sich dafür engagiert, hier ein Kulturzentrum zu etablieren.
Thomas Manns Haus auf der Kurischen Nehrung, Irina Veisaite hat sich dafür engagiert, hier ein Kulturzentrum zu etablieren.Foto: imago/Martin Bäuml Fotodesign

Der Arzt hatte ihr die Reise nach Berlin verboten. Und so lächelte die über 90-jährige Irena Veisaite bei der Vorstellung ihres Gesprächsbuches in der litauischen Botschaft, von Vilnius aus per Skype zugeschaltet, nur vom Bildschirm. Aber von welch seltener Entschlossenheit und Klarheit sie ist, teilte sich sofort mit.

„Ein Jahrhundertleben in Litauen“ (aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 428 Seiten, 24 €) heißt ihr Buch zu Recht: Die ganze schmerzhafte Geschichte ihres Landes steckt darin.

Am eindrucksvollsten ist jedoch die Art, wie Irena Veisaite mit ihren Erlebnissen umgeht: dem Holocaust, dem fast ihre ganze Familie zum Opfer fiel, den Erlebnissen im Ghetto von Kaunas, ihrer Flucht und dem Untertauchen in den Kriegsjahren, dem Leben unter sowjetischer Diktatur.

1941, Irena ist 13 Jahre alt, wird ihre Mutter von Nazis ermordet. Litauen hat zu diesem Zeitpunkt bereits qualvolle Jahre sowjetischer Besatzung hinter sich, Deportationen und Erschießungen. Als 1941 die Wehrmacht die Stadt besetzt, stößt sie auf willige Helfer. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes wird ermordet, täglich finden auf den Straßen Massaker statt.

"Das Leben sollte klar sein" lautet ihr Motto

Ihre jüdisch-säkularen Eltern haben sie zu Toleranz und Achtung vor allem Fremden erzogen, sagt Veisaite, das habe sie geprägt. Genauso wie der Rat ihrer Mutter kurz vor ihrem Tod, niemals Rache zu üben. So wurde es ihr möglich, später mit Reglindis Rauca befreundet zu sein, der Enkelin jenes Helmut Rauca, der im Ghetto die Selektionen durchführte.

Reglindis Rauca hatte ihren Großvater nie kennengelernt und erst 2003 von dessen Verbrechen erfahren. Sie kam nach Litauen, um sich bei den Opfern zu entschuldigen, und Irena Veisaitt nahm ihre Entschuldigung an. Damals im Ghetto hatte sie ihre Großeltern retten wollen, was auch gelang: „Als Rauca an uns herantrat, schaute ich ihm direkt in die Augen, vermutlich mit einer derartig hypnotisierenden Kraft, dass er meine Großeltern nicht einmal bemerkte.“

„Das Leben sollte klar sein“, lautet der Titel des ersten der insgesamt 14 Gespräche mit dem Historiker Aurimas Svedas. Sie stehen in einer besonderen Tradition der Oral History, denn in den Sowjetrepubliken war es verboten, über den Holocaust zu schreiben, er ist bis heute in Litauen ein schwieriges Thema.

Sie hat sich für das Thomas-Mann-Zentrum in Nidden engagiert

Aber Zeit zum Schreiben hätte Irena Veisaite auch nicht gehabt. Nach Jahrzehnten germanistischer Lehrtätigkeit und vielen Theaterkritiken – klassische Literatur und Theater galten ihr in Sowjetzeiten als Räume der Freiheit – engagierte sie sich für die Errichtung des Thomas-Mann-Kulturzentrums in Nidden, die Grenzlandstiftung im heute polnischen Sejny, das im Krieg elf Mal die Seiten wechselte, und vor allem für die litauische Soros-Stiftung, die sie von 1993 bis 2000 leitete.

Für ihr Engagement wurde sie von ihrem Land hoch geehrt und in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet: Die deutsche Literatur hatte sie im Ghetto von Kaunas entdeckt.

Unmöglich, alle Ereignisse dieses Lebens aufzuzählen, die Freundschaften mit dem Dichter Tomas Venclova oder dem Komponisten Arvo Pärt und dessen Frau Nora. Heimlich holte sie Arvos Zeichnungen, die er beim Komponieren anfertigte, aus dem Papierkorb. Eine Emigration hat sie auch in finsteren Zeiten nie in Erwägung gezogen, bis heute kämpft sie leidenschaftlich für ein freies, europäisches Litauen. Aufgeben komme nicht infrage. Schließlich, sagt sie, sei Don Quijote ihr Lieblingsheld.

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