Dieter Kosslick : Mister Berlinale wird 70

Der Mann mit dem roten Schal: Dieter Kosslick bereitet sein letztes Festival vor. 2019 endet die Ära Kosslick. Glückwunsch und Ausblick.

Dieter Kosslick.
Dieter Kosslick.Foto: dpa

Eins hat Dieter Kosslick der Berlinale voraus. Er wird schon jetzt 70, die Berlinale erst in zwei Jahren. Dann ist Kosslick nicht mehr ihr Chef. 2019, nach der 69. Festivalausgabe, nimmt der Mann mit dem roten Schal seinen Hut, den berühmten schwarzen Schlapphut. Aber was wären die Filmfestspiele ohne ihn. Daran kann man nicht oft genug erinnern, jetzt wo es in die Endrunde geht und er sich vor ein paar Monaten Anfeindungen ausgesetzt sah, von wegen die Berlinale gehöre entschlackt und reformiert und so gehe es nicht weiter. Das wünscht man ihm vor allem zum Geburtstag: ein tolles letztes Berlinale-Programm, eine Würdigung der Ära Kosslick, einen rauschenden Abschied im nächsten Februar.

Kosslick, 1948 in Pforzheim geboren, Kommunikationswissenschaftler, Hamburger SPD-Redenschreiber, streitlustiger Filmförderer und Festivaldirektor seit Mai 2001, ist Mister Berlinale. Ein Allgemeinplatz, der es trotzdem trifft. Dieter Kosslick hat das größte Berliner Kulturereignis im nasskalten Winter in eine sonnig-charmante Sache verwandelt, Frieden gestiftet zwischen verfeindeten Sektionen, den deutschen Film auf die Festivalplattform zurückgehievt, den European Film Market zu einem der weltweit attraktivsten Branchenmarktplätze entwickelt, modernisiert, verjüngt und das Profil der Berlinale als anspruchsvolles, politisches Autorenfilmfest geschärft. Den aktuellen Umbruch der Filmbranche, die digitale Revolution und die Netflix-Debatten pariert er umsichtig, mit vielfältigem Engagement für den Zuschauer- wie den Regienachwuchs. Und mit dem Verweis auf das Kino als Ort der Kommunikation in Zeiten der digitalen Einsamkeit.

"Das Publikum ist unser größtes Pfund", sagt Kosslick

Bei der Debatte im letzten November ärgerte ihn am meisten, dass seine Kritiker sich am Riesenpublikum stören. 332.000 verkaufte Tickets waren es dieses Jahr, 490.000 Kinobesuche. Kosslicks Credo: „Ohne Publikum gäbe es die Berlinale nicht. Es ist unser größtes Pfund“. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Kosslicks Dienstherrin, würdigt ihn zum 70. als „besten Filmbotschafter der Hauptstadt“ und betont die Weltoffenheit des Festivals.

Kosslick ist ein temperamentvoller Mann, zugewandt, charmant, ein social animal, ein Chef mit Haltung. Seine Naturbegabung als Gastgeber par excellence hat ihm auch Kritik eingetragen, wegen der Reihe „Kulinarisches Kino“, wegen seiner nicht immer geglückten Entertainer-Auftritte und der intensiven Sponsorenpflege. Als könnte die Berlinale ohne Sponsoren überleben. Dass die Quadratur des Kreises, sprich: die Vielzahl der Jobs als Festivaldirektor eine Arbeitsteilung zwischen künstlerischer und organisatorischer Leitung erfordert, hat nicht zuletzt Kosslick selbst immer wieder angesprochen. Die Programmauswahl darf nicht leiden, ein Chefkurator muss das halbe Jahr auf Reisen sein. Dem soll künftig Rechnung getragen werden.

Bis Ende Juni will Grütters einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die künstlerische Leitung bekannt geben. Die Personalie hat Priorität, die Geschäftsführungsfrage könnte dann gemeinsam mit dem oder der Neuen geklärt werden. Der Chefposten beim Forum, der ästhetisch ehrgeizigsten und experimentierfreudigsten Reihe des Festivals, ist mit dem plötzlichen Weggang von Christoph Terhechte ebenfalls vakant. Das Forum wird vom Arsenal verantwortet, es ist eingebunden in nachhaltige Kino-, Verleih- und Archivarbeit. Aber auch bei dieser Neubesetzung wird die neue Gesamtleitung ein gewichtiges Wort mitreden, nach einer Übergangslösung für 2019. So viel Anfang gab es lange nicht.

Diverse Namen kursieren für die Kosslick-Nachfolge

Dem Vernehmen nach ist man bei der Suche auf gutem Wege. Die dreiköpfige Findungskommission aus dem Aufsichtsrat – Grütters, die German-Films-Chefin Mariette Rissenbeek und Björn Böhning als ehemaliger Berliner Senatskanzleichef – lässt sich von Experten beraten. Derzeit kursieren Namen und wilde Gerüchte. Cameron Bailey sei ein heißer Kandidat, hieß es kürzlich in Cannes. Der künstlerische Direktor des Filmfests Toronto, Brite, cinephil, smart, die Diversity vorantreibend, wäre zweifellos attraktiv für Berlin. Aber er hat gerade seinen Vertrag in Kanada verlängert und firmiert seit April dort als Co-Chef. Unwahrscheinlich, dass er nach einem solchen Aufstieg noch mit Grütters verhandelt.

Bevorzugt wird offenbar eine internationale Lösung, ein Kandidat oder eine Kandidatin mit Filmfesterfahrung. Gut so. Schaut man sich in der europäischen Festivalszene um, fallen zwei künstlerische Direktoren ins Auge, leider keine Frau: Bero Beyer vom Filmfest Rotterdam und der Italiener Carlo Chatrian in Locarno. Sie sind im richtigen Alter, Jahrgang 1970 und 1971, beide leiten erfolgreiche Arthouse-Publikumsfestivals. Bei Beyer stimmt einen skeptisch, dass er erst 2015 anfing und mit seiner vorherigen Tätigkeit als Produzent („Paradise Now“) nur begrenzte Festivalerfahrung vorweisen kann. Chatrian, von Haus aus Filmpublizist, ist seit 2002 für Festivals tätig. Gegen ihn spricht vielleicht, dass er beim publikumsträchtigen Piazza-Programm keine glückliche Hand hat. 2017 sagte er Zeit Online, dass ihm das Showtalent abgehe und er nicht glaube, für die Berlinale geeignet zu sein.

Die Qualität des Locarno-Wettbewerbs hat er seit dem Amtsantritt vor sechs Jahren jedoch deutlich gesteigert, ein großes Plus. Dort lief zum Beispiel der philippinische Meisterregisseur Lav Diaz, bevor die ganz großen Festivals ihn ins Hauptprogramm nahmen. Es darf spekuliert werden: Die Findungskommission geht naturgemäß diskret vor, Namen werden in diesen Tagen nicht kommentiert.

Und Dieter Kosslick? Grütters hofft in ihrer Grußbotschaft, „dass sein eindrucksvolles Engagement der Kultur- und Filmwelt noch lange Zeit zugutekommen wird“. Ja, es gibt ein Leben nach der Berlinale, auch wenn die Vorstellung Kosslick nicht leichtfällt. Dennoch hat er von sich aus klargestellt, dass mit seinem Vertragsende im Mai 2019 definitiv Schluss für ihn ist. Vielleicht wirkt er ja beim Aufbau eines Filmhauses mit oder bei anderen Kulturaktivitäten in Berlin. „Ich hör erst mal auf, bevor ich weitermache“, sagte er dazu im Februar.

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