Dieter Wellershoff gestorben : Von der Kraft der Vernunft

Realist und Seelenarbeiter: Zum Tod des großen Kölner Schriftstellers Dieter Wellershoff.

Katrin Hillgruber
Dieter Wellershoff, 3. 11. 1925 – 15. 6. 2018.
Dieter Wellershoff, 3. 11. 1925 – 15. 6. 2018.Foto: dpa

In Dieter Wellershoffs Erzählung „Augenblicke der Benommenheit“ von 1985 heißt es: „Das Leben gibt niemals auf. Das ist dieselbe Unvernunft, mit der das Meer gegen die Felsen rennt.“ Darin drückt sich eine fatalistische Hoffnung aus, die die im Grunde trostlose Ehegeschichte zum Leuchten bringt und das gesamte Schaffen dieses bedeutenden realistischen Schriftstellers durchzieht: Wir verdanken unser Leben dem Zufall, und nur er verspricht so etwas wie Trost. Nicht von ungefähr spielen sich die „Augenblicke der Benommenheit“ auf den Klippen hoch über dem Strand ab; der Ich-Erzähler, ein resignierter Ehemann, glaubt für Augenblicke, seine vor ihm gehende Frau wolle ihn dazu animieren, sie ins Nichts hinabzustoßen.

Der Einzelfall als Ernstfall

Das Meer erscheint als die große Unbekannte, als lockende Unwägbarkeit in Wellershoffs epischem Werk. Im Angesicht der rauschenden Brandung fühlt sich das Personal seiner ansonsten eher inländischen, vorzugsweise in Köln-Rodenkirchen angesiedelten Romane und Erzählungen häufig zu existenziellen Entscheidungen gedrängt – und das seit 1969. Damals erschien sein nach dem Debüt „Ein schöner Tag“ zweiter Roman „Die Schattengrenze“. Mit seiner Verschachtelung von Zeitabläufen sowie Innen- und Außenperspektiven orientierte er sich am „nouveau roman“. Wellershoff lässt die gesellschaftliche Talfahrt eines Möbelhändlers in einem winzigen Hotelzimmer an der belgischen Nordseeküste enden. Der namenlose Held gerät nicht nur unter kriminelle Autoschieber, sondern hat schließlich pathologische Wahnvorstellungen. Im Mittelpunkt steht der sich getrieben fühlende Mann, der sich ins soziale und finanzielle Aus manövriert hat: der Einzelfall als Ernstfall.

Anja wiederum, die unglückliche Hauptfigur aus Wellershoffs letztem großen, an Goethes „Wahlverwandtschaften“ orientierten Roman „Der Liebeswunsch“, der gar ein Bestseller wurde, stürzt sich in einem Apartmenthaus an der Nordsee zu Tode. Drei Kölner Großbürger sind an ihr schuldig geworden: Anjas viel zu alter Ehemann, ein prinzipientreuer Richter, der Sex und Gymnastik verabscheut. Außerdem ihr Geliebter, ein ebenso sarkastischer wie bequemer Chirurg. Und dessen Frau, eine vermeintlich verständnisvolle Krankenhausärztin. Alle drei haben mit dem Selbstmord der gescheiterten Studentin, Ehefrau und Mutter unmittelbar zu tun. Nun taucht Anja in ihren Tagträumen als Epiphanie des schlechten Gewissens auf.

Realismus anstelle von Religion

Dieter Wellershoffs reiches belletristisches und essayistisches Werk umfasst Hör- und Fernsehspiele wie „Sirenengesang“ oder „Der schöne Mann“ (oft in Zusammenarbeit mit Marianne Lüdcke) und drei Bände mit Erzählungen: „Doppelt belichtetes Seestück“, „Der Körper und die Träume“ sowie „Das normale Leben“ von 2009. Im selben Jahr veröffentlichte er auch den Roman „Der Himmel ist kein Ort“, in dem ein evangelischer Pfarrer durch einen Unfall in eine Art modernen Teufelspakt gerät. Ein Leben ohne Religion nötige den Menschen zum Realismus, sagte der erklärte Atheist einmal.

Aus dem angedeuteten, sich verdichtenden Unheil bezieht Wellershoffs Prosa ihren unverminderten Reiz, ihre irritierende Kühle und realistische Spannung. Seine Fantasie nährt sich, vor allem im Frühwerk, oft von einem kriminellen Stimulus. Über die Jahrzehnte wurde daraus eher eine Auffächerung erotischer Verheißungen und Illusionen. Darin lag Wellershoffs „Seelenarbeit“, um an einen ähnlich motivierten Roman des Generationsgenossen Martin Walser zu erinnern.

Als Spezialist für Existenzgefährdungen schilderte Wellershoff das altmodische, anrührende Skandalon derjenigen, die sich selbst ihr eigenes Lebensglück versagt haben, im Sinne von Gottfried Benns Gedicht „Denk der Vergeblichen“.

Dissertation über Benn

„Gottfried Benn – Phänotyp dieser Stunde“ heißt das Standardwerk der Benn-Philologie, das Dieter Wellershoff 1958 aus seiner Dissertation entwickelte. Im Jahr darauf trat er als Lektor für Wissenschaft und deutsche Literatur in den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ein, in dem alle seine Bücher erscheinen. Dort begründete er die gelegentlich missverstandene „Kölner Schule des Neuen Realismus“ und förderte Temperamente wie Nicolas Born, Günter Seuren, Rolf Dieter Brinkmann oder Günter Herburger. Erst mit Mitte fünfzig wagte der Ehemann der Schriftstellerin Maria von Thadden und dreifache Vater den Schritt in die freie Schriftstellerexistenz.

Dieter Wellershoff pflegte auch im persönlichen Umgang bei aller rheinischen Jovialität den zuweilen strengen Tonfall der sogenannten Skeptischen Generation, ein Begriff, den der Soziologe Helmut Schelsky prägte. Er meinte damit die pragmatischen, ideologiekritischen Jahrgänge zwischen 1910 und 1926. Wellershoff wurde 1925 in Neuss als Sohn eines Kreisbaumeisters geboren. Als 17-jähriger Gymnasiast meldete er sich freiwillig zum Militär. 1944 überlebte er in Litauen als einer der wenigen seiner Kompanie einen russischen Angriff. Ein Kamerad schleppte den Schwerverletzten in ein Lazarett nach Oberschlesien. Seitdem misstraute er als zufällig Überlebender jeder Form von Kollektivismus. 2006 war bekannt geworden, dass Wellershoff ab 1944 unwissentlich als NSDAP-Mitglied geführt wurde; der gefragte Zeitzeuge brach daraufhin eine Lanze für Generationsgenossen, denen es ähnlich gegangen sei.

Noble Konkretion

Wellershoffs schnörkellose, stets von nobler Konkretion zeugende Sprache ist den Denkweisen von Anthropologen wie Arnold Gehlen und Niklas Luhmann geschuldet. Häufig sind es die Frauen, denen die Rolle der desillusionierten „Wahrsprecherin“ zukommt. In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sprach er von einer „Gespensterparade der Personen, die ich auf den Weg brachte, um an ihnen die Unglücksmöglichkeiten des falschen und scheiternden Lebens darzustellen“. Nun hat sich ein langes, gelingendes Leben vollendet. Am Freitag ist Dieter Wellershoff im Alter von 92 Jahren in Köln gestorben.

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