Dimitrij Kitajenko und das Konzerthausorchester : Man hört die Dolche fliegen

Tschaikowsky und Prokofjew: Dimitrij Kitajenko führt das Konzerthausorchester auf altmeisterliche Art durch einen russischen Abend.

Jakob Bauer
Dmitrij Kitajenko war zwischen 2012 und 2017 erster Gastdirigent des Berliner Konzerthausorchesters.
Dmitrij Kitajenko war zwischen 2012 und 2017 erster Gastdirigent des Berliner Konzerthausorchesters.Foto: Dan Hannen

Der Tod kommt im Tanzschritt. „Tybalts Tod“ von Sergei Prokofjew beginnt mit einer spielerisch-wilden Linie in den tiefen Streichern. Hohe Streicher antworten, das Blech gesellt sich dazu. Immer wilder wird der Tanz, immer lauter spielen die Musiker. Die Streicher verfallen in fiebriges Rasen.

Was als Stichelei der Montagues und Capulets auf Veronas Marktplatz beginnt, entwickelt sich in kürzester Zeit zum Kampf. Prokofjews Trompeten glitzern und funkeln, man meint die Dolche fliegen zu hören. Dann, auf einen Schlag der Pauke ist der Kampf vorbei. Tybalt liegt tot am Boden.

Bildreich, gewaltig und mit allen Mitteln der Moderne – Prokofjews Orchestersuiten zu seinem Ballett „Romeo und Julia“ sind Programmmusik der Extraklasse. An diesem Abend spielt das Spektakel am Gendarmenmarkt, auf der Bühne sitzt das Konzerthausorchester.

Am Pult steht ein ausgewiesener Experte des russischen Repertoires. Dimitrij Kitajenko, zwischen 2012 und 2017 erster Gastdirigent, führt die Musiker mit altmeisterlich reduzierter Gestik.

Man ahnt den Abgrund, auf tut er sich nie

Wirklich gut funktioniert das leider nicht. Die Musiker haben Mühe, die Zeichen Kitajenkos zu deuten. In den ersten drei Nummern der „Romeo und Julia“-Auswahl purzelt das Orchester kräftig durcheinander.

Die Violinen beschleunigen, das Blech trottet eher gemächlich vor sich hin. Erst in „Tybalts Tod“ findet man zusammen.

Pjotr Tschaikowskys „Manfred-Sinfonie“ stabilisiert sich auf diesem Niveau. Die Musiker bleiben zusammen und bei ihrem Dirigenten, bisweilen kann Kitajenko das Orchester sogar von leichten Tempowechseln überzeugen

Die existentiellen Seelennöte des Titelhelden bleiben aber merkwürdig abstrakt: Man ahnt den Abgrund, auf tut er sich nie.

Anastasia Kobekina spielt Violoncello.
Anastasia Kobekina spielt Violoncello.Foto: Evgeny Evtyukhov

Positiv überrascht ein Stück, das so gar nicht zum restlichen Programm passen will. Tschaikowskys Rokoko-Variationen für Cello und Orchester strahlen in unbefangen heiterer Virtuosität. Solistin Anastasia Kobekina spielt mit hinreißender Eleganz und mühelos-weiter Linie.

[Weitere Termine: Sa 1.2., 20 Uhr, Konzerthaus am Gendarmenmarkt]

Ganz selbstverständlich versammelt sie das Ensemble hinter sich. Das Zusammenspiel klappt, die Soli von Klarinette und Oboe vermengen sich mit Kobekinas tonschöner Virtuosität zu wunderbaren Miniaturen.

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