Diskussion um Jahrhundertschriftsteller : Wie sah Marcel Proust das Judentum?

Experten blickten in Berlin auf das Verhältnis des Schriftstellers zum Jüdischen. Ergebnis: Sein Werk entzieht sich auch hier der Eindeutigkeit.

Marcel Proust, Foto undatiert.
Marcel Proust, Foto undatiert.Foto: dpa

Am 10. Dezember 1919 erhält Marcel Proust für den zweiten Band seiner später auf sieben Bücher anwachsenden „Suche nach der verlorenen Zeit“ mit dem Prix Goncourt den bedeutendsten französischen Literaturpreis.

Den Druck des ersten Bands der „Recherche“ hatte Proust noch selbst finanzieren müssen (ebenso unterstützende Kritiken), Aufregung und Freude lösen beim Preisträger nach eigenen Angaben einen „scheußlichen Asthma-Anfall“ aus, gefeiert wird später.

In Erinnerung an dieses Jahrhundert-Jubiläum ist die vom Kölner Kunst- und Literatursammler Reiner Speck gegründete Marcel Proust Gesellschaft am Wochenende ins (überfüllte) Berliner Literaturhaus gezogen: um das Thema „Proust und die Juden“ zu verhandeln.

Wobei Speck sogleich darauf hinwies, dass man bei der Vorbereitung des von internationalen Proustianern bestrittenen Symposions die sehr aktuelle gesellschaftliche Brisanz des mitschwingenden Themas Antisemitismus noch kaum geahnt habe.

Tatsächlich verdankte Proust den Goncourt-Preis vor allem dem Publizisten Léon Daudet, einem ausgewiesenen Antisemiten und Deutschenhasser, der in der Dreyfus-Affäre die grundlosen Prozesse gegen den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus 1894/99 mit Hetzartikeln begleitet hatte. Während Proust, Sohn einer aus jüdisch-deutscher Familie stammenden Mutter, stets für Dreyfus Partei ergriffen hatte. Dies spielt im Verlauf der 4000-seitigen „Recherche“ eine starke Rolle.

Er bediente sich Stereotypen des Antisemitismus

Auch sind zwei Hauptfiguren, Charles Swann und Albert Bloch, nicht einfach nur jüdischer Herkunft. Wie der Schweizer Kritiker Andreas Isenschmid in seinem Eröffnungsvortrag mit Hinweisen auf die wechselnden Entstehungsstufen der „Recherche“ belegte, hat Proust durch den Mund seines Erzählers die Protagonisten teils huldigend, teils durchaus hämevoll mit Stereotypen des damaligen (und heutigen) Antisemitismus gekennzeichnet. Obwohl sich Isenschmid mit Prousts „Ambivalenzen in allem Jüdischen“ auch selber vor verengenden Eindeutigkeiten bewahrt, nennt er die „Recherche“ doch einen „jüdischen Roman“.

Das schließt an Ursula Voss’ bemerkenswerten Essay über „Die schöne Jüdin in Prousts Leben und Werk“ an, der wiederum schon das frühere Tagungsthema „Proust und die Frauen“ mit ähnlichen Ambivalenzen beleuchtet hat.

Denn natürlich war der homosexuelle Mann Marcel Proust als Autor auch androgyn: wie fast alle großen Dichter*innen. Mit zwei Seelen und Geschlechtern in ihren Köpfen und Künsten. Ebenso ist die „Recherche“ gleichermaßen als autobiografisch gefärbte Fiktion eines katholischen Juden, eines jüdischen Katholiken und französisch-universellen Freigeists zu lesen.

Dazu passend hat der Aachener Werbetexter, Privatgelehrte und Proust-Experte Alexis Eideneier die „Recherche“ in Berlin auch als „Komödie der Assimilation“ beschrieben.

Sigmund Freud und dessen berühmte Studie zum Witz zitierend, gilt dem jüdischen Humor als „utopisches Ziel“ dabei gut proustianisch die Wiederfindung des „verlorenen Kinderlachens“.

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