Disney-Film "Mulan" : Das Mädchen mit dem Schwert

Disney begeistert mit der Realverfilmung des chinesischen Animationsklassikers „Mulan“. Der Film läuft derzeit ausschließlich beim Streamingkanal des Studios.

Liu Yifei in der Rolle der Hua Mulan.
Liu Yifei in der Rolle der Hua Mulan.Foto: Disney

Anfangs klang es nach einer sicheren Sache. Mit der Realverfilmung des Animationsklassikers „Mulan“ wollte Disney den chinesischen Markt erobern. Dort kennt jedes Kind die Volkssage um das Mädchen, das sich zur Zeit der nördlichen Wei-Dynastie als Bauernjunge Hua Yun ausgibt, um in der kaiserlichen Armee zu kämpfen.

Seit zehn Jahren arbeitet sich der Disney-Konzern systematisch durch sein Animationsrepertoire, doch anders als „Die Schöne und das Biest“ oder „Cinderella“ ist die Verfilmung eines chinesischen Märchens durch ein Hollywoodstudio heutzutage ein kulturell sensibles Thema. Wer hätte aber geahnt, dass sich „Mulan“ am Ende noch als Politikum herausstellen würde?

Eiszeit zwischen China und den USA

Die ambitionierteste und bislang teuerste Realverfilmung bereitet Disney seit Beginn der Coronakrise Kopfzerbrechen. Solange die Kinos in China – vom Rest der Welt ganz abgesehen – geschlossen blieben, war die Veröffentlichung riskant; ewig warten konnte man aber auch nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beziehungen zwischen den USA und China seit den Protesten in Hongkong, Donald Trumps Schuldzuweisungen für die Ursachen der Pandemie und der Androhung eines Handelskriegs in eine neue Eiszeit eingetreten sind.

Da wird ein amerikanisches Kulturprodukt, das sich der chinesischen Sagenwelt bedient, bei vielen Festlandchinesen erst mal skeptisch beäugt.

Der Start von „Mulan“ könnte, mit sechsmonatiger Verspätung, also kaum ungünstiger liegen. An diesem Freitag veröffentlicht Disney den Film nach langem Zögern endlich über den hauseigenen Streamingkanal Disney+, mit einem saftigen Aufpreis von 21,99 Euro. Seit einigen Tagen ist zudem klar, dass „Mulan“ in China ab dem 11. September doch in Kinos zu sehen sein wird.

Wir leben in verrückten Kinozeiten, die alten Gewissheiten sind dahin: Bislang galt für einen Blockbuster die weltweite Kinoauswertung als wirtschaftlich unerlässlich. Es wird sich zeigen, ob der Aufpreis Disneys Verluste zumindest ein wenig kompensiert. Die US-Kinobetreiber, die Filme wie „Mulan“ nach dem Neustart (der noch aussteht) dringend benötigen, haben den Schritt murrend akzeptiert. Sie sehen ein, dass zu viel Geld auf dem Spiel steht.

Die Situation ist umso betrüblicher, da die Krise einen der schönsten Disney- Filme seit Langem trifft. Die neuseeländische Regisseurin Niki Caro („Whale Rider“), nach Ava DuVernay die zweite Frau, der das Studio ein Budget von über 200 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, hat das Original an den richtigen Stellen gestrafft und die Musical-Einlagen gleich ganz weggelassen.

Der Sidekick Mushu, ein geschwätziger, singender Drache, hat sich in den mythischen Phoenix verwandelt, der Mulan den Weg weist. Mit Familienunterhaltung im klassischen Sinne hat das Remake nur noch bedingt zu tun (obwohl kein Blut fließt), womit „Mulan“ im Disney-Repertoire eine Ausnahme darstellt.

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Wer aber bei der eigenen Tochter das Interesse am Reiten, Bogenschießen, Kung Fu oder dem Fliegen über Hausdächer wecken möchte, könnte sich kein besseres Vorbild als die unerschrockene Mulan (Liu Yifei) wünschen, die das von Bori Khan (Jason Scott Lee) angeführte Rouran-Heer eigenhändig mit einer Lawine besiegt. Das Kindchenschema zieht hier mal nicht, dafür nimmt Caro zahlreiche Anleihen bei der chinesischen Wuxia-Tradition. Die Gesetze der Schwerkraft sind aufgehoben, wenn die junge Kriegerin für ihren Platz in der Männerhierarchie kämpft.

Das Schlüsselwort ist Ehrlichkeit

Man kann Disneys jüngste Diversifizierungsoffensive natürlich als cleveres Marketingkonzept abtun, als übertrieben „politisch korrekt“. Aber wenn das Ergebnis wie „Star Wars: Die letzten Jedi“, „Das Zeiträtsel“ oder „Mulan“ aussieht, lässt sich das leicht verschmerzen. Hinter dem Amazonen-Feminismus von „Mulan“ kommt noch eine tiefere Bedeutung zum Vorschein, die schon Ang Lee in seinem Wuxia-Klassiker „Tiger and Dragon“ bemühte: Selbstbewussten Frauen steht meist ein Mann im Weg, es reicht schon, sie als unehrenhaft zu denunzieren.

Und am Ende entpuppt sich die „Hexe“ als stolze Kriegerin. Die Gestaltenwandlerin Xiang Lang (Gong Li) muss Hua Yun erst symbolisch töten, damit Mulan zu ihrer wahren Stärke findet. Das Schlüsselwort ist in das Schwert des Vaters eingraviert: Ehrlichkeit.

Solche Botschaften hämmert „Mulan“ dem Publikum in schönster Disney-Manier ein. Der Film lässt das moralische Gerüst dabei aber so filigran und leichthändig schweben wie ein Mobile. Im klassischen Wuxia flogen die Kämpferinnen und Kämpfer noch an Seilen durch die Luft. Niki Caro ist eine andere Sorte Strippenzieherin. Ihre Choreografien entfesseln große Gefühle.

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